Ursula Schöndeling

Natalie Czech, ›A hidden poem by Jack Kerouac #1‹, 2010

»Natalie Czech markiert in einem Text, das pointierte ›Poem‹ des amerikanischen Beat Poeten Jack Kerouac (1922–69). Lakonisch scheint die Bestandaufnahme ›Da ist nichts, weil es mich nicht kümmert.‹ Nicht nur im amerikanischen Englisch changiert der Ausspruch je nach Lesart zwischen Ignoranz oder Entlarvung. Natalie Czech hat das ›versteckte‹ Gedicht aus einem Text herausgelesen, der von Ausstellungen und künstlerischen Arbeiten handelt, die um ›leeren‹ Raum kreisen. ›Kann Raum denn eigentlich leer sein?‹ wird da gefragt. Bebildert ist der Text mit der Aufnahme einer

›leeren‹ Raumecke, die durch den Schattenverlauf nur noch zu erahnen ist. Im Bild wenigstens bildet sich Dunkelheit ab. Inwiefern es gerade die Leerstellen sind, die Imagination und Reflexion anregen, mag jede/r für sich entscheiden. Natalie Czech setzt mit ihren Arbeiten Überlegungen dieser Art in Gang. Sie verwendet vorgefundene Texte und Bilder, die allgemein zugänglich sind. Bildauswahl und -anschnittt ebenso wie die Markierungen scheinen auf den ersten Blick möglichst beiläufig, im gängigen Sinne unkünstlerisch, als handele es sich um alltägliche Lektürepraktiken. Die Konstellationen zwischen den Teilen sind aber so präzise ausgewählt und gesetzt, dass sie eben den ›künstlerischen Mehrwert‹ erzeugen, der sich den Köpfen der Betrachter*innen entfalten kann. Mein Bild, das ich als Geschenk erhielt, ist mir teuer weil es mich daran erinnert, dass etwas wahrzunehmen ein Prozess ist, der aus vielen Quellen je individuell gespeist ist, mich zur ›Poetisierung der Welt‹ anregt und weil es dazu auch etwas mit meinem Beruf zu tun hat.

Natalie Czech (*1976) liebt Sprache. Oder besser gesagt Sprachen. Sie liebt das Lesen, handelt es sich um Literatur, Theorie oder die Alltagssprachen der Mediengesellschaft, möge es sich um Mode, digitale Bildkürzel oder Werbung handeln. Für die Werkreihe ›hidden poems‹ (seit 2010) durchstreifte sie hunderte, vielleicht tausende Seiten aus Magazinen und Büchern. Als Künstlerin, die im Medium Fotografie arbeitet hat sie eine besondere Sensibilität für Bildsprachen entwickelt. Als enthusiastische Leserin verfügt sie über eine umfangreiche Kenntnis pointierter Gedichte der Nachkriegsära. Beides bringt sie in ihren fotografischen Arbeiten zusammen, die sich u.a. in den Sammlungen des Fotomuseum Winterthur und des Museums of Modern Art New York befinden.«