#ÜberKörper Readings: Körper als Ideal

Das abstrakte Ideal des universellen Menschen ist nämlich alles andere als allgemeingültig. Denkt man an die bekannten Zeichnung des vitruvianischen Menschen von Leonardo da Vinci ist er männlich, weiß, europäisch, gutaussehend und kräftig. Was dieses Idealmodell mit dem Durchschnitt der Zivilisation, die es repräsentieren soll, gemein haben mag, ist eine sehr gute Frage! Eine Frage, die nicht nur Vertreterinnen des Post–Humanismus beschäftigt, sondern schon immer auch postkoloniale Denker*innen wie Spivak oder Said. Wenn der Humanismus eine Zukunft haben soll, müsse er von außerhalb der westlichen Welt kommen. Er muss es schaffen, den Eurozentrismus zu überwinden und seinen Anspruch auf universale Gültigkeit und wissenschaftliche Rationalität in Frage stellen. 

Besonders aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist der Mythos der weißen antiken Skulpturen. Diese waren nicht etwa aus purem weißen Marmor, sondern bemalt. Schaut man sich Rekreationen aus der Polychromie–Forschung an, wirken die Farben schrill und vor allem gänzlich unpassend. Viele der Pigmente sollen aus der Nähe mit bloßem Auge leicht zu sehen gewesen sein. Der Mythos entstand folglich als ein Akt kollektiver Blindheit und beschreibt deutlich die Tendenz, Weiß mit Schönheit, Geschmack und klassischen Idealen gleichzusetzen und Farbe als fremd, sinnlich und grell zu betrachten. An dem Traumgebilde der marmorweißen Antike wird weiterhin gerne festgehalten, auch wenn wir wissen, die Wirklichkeit sah anders aus.