Susanne M. Winterling

Susanne M. Winterling führt in ihren Arbeiten traditionelle, mythologische und fiktionale Erklärungsmodelle mit zeitgenössischen Erkenntnissen aus den Wissenschaftsbereichen zusammen, um existierende dualistische Denkansätze, wie die klare Differenzierung zwischen Natur und Kultur, kritisch zu hinterfragen.
In Winterlings Präsentation, die sich über mehrere Räume des Heidelberger Kunstvereins erstreckt, stehen Dinoflagellaten im Mittelpunkt, die durch Mikrofotografie, Film, 3D-Druck, Computeranimationen und Skulpturen vielfache Formen in den Installationen Winterlings annehmen können. Es gibt mehr als 1000 verschiedene Arten dieser Einzeller, die zu den Algen gerechnet werden und als Primärproduzenten organischer Stoffe im Meer die Basis der Nahrungspyramide bilden. Sie gelten in den Naturwissenschaften als sensible Indikatoren, über die sich die Stabilität eines Ökosystems ablesen lässt. Demnach kann man Winterlings Arrangements, deren Bestandteile von der Künstlerin immer wieder neu zusammengesetzt werden, als Spiegel der Verflechtungen zwischen Mikro- und Makrosystemen unserer Biosphäre verstehen.
Im Lichthof des Kunstvereins bildet die Installation ›Miraculous Biomass Fueling Technology (Composition I)‹ eine Ansammlung kleiner Güsse aus transparentem Bioharz, die Umrisse technischer Geräte nachformen und gleichfalls organisch anmutende Objekte in sich einschließen. Zusammen mit der Glasskulptur ›Cluster beauty of becoming, my comrades‹, bei der industriell zugeschnittene Glasscheiben mit Mikroskopaufnahmen von Mikroorganismen bedruckt wurden, lassen sich aus den Arbeiten Fragen nach den Vernetzungen der Welt / der durch den Menschen konstruierten Einteilung der Welt ableiten. Demgegenüber sind auf einer Fototapete, die einen Farn auf einer blauen Wand zeigt (Riftgreen), Drucke von Mikrofotografien (Vertex still I, Vertex still II und Yemaya Micro) angebracht, die verschiedene Aufnahmen von Dinoflagellaten zeigen. Das gesamte Ensemble versinnbildlicht in seiner Dualität zwischen Organischem und Anorganischem die kritische Diskussion über ebendiese im normativen Verständnis verankerte Trennung beider Dimensionen.
Das Studio des Kunstvereins – komplett in Dunkelheit getaucht – wird für die Besucher*innen wiederum zu einer Expedition in die Tiefsee: Die Video-Arbeit ›Vertex‹ zeigt eine Computeranimation von zwei körperlosen ineinander verschränkten Händen in weißen Handschuhen, die, zu einem von der Künstlerin selbst komponiertem Soundtrack, eine Metamorphose zur Alge vollziehen. Dreht man sich um, versteckt sich hinter einem Vorhang die Raum-Installation ›Vertex Metabolic‹, die aus stark vergrößerten 3D-Prints von Mikroalgen besteht und, mit Schwarzlicht bestrahlt, den Schein erweckt, man tauche in einem U-Boot in 1000 m Tiefe an gigantischen Flagellaten vorbei – manche Gattungen von ihnen sind zur Biolumineszenz fähig, leuchten also im Dunkeln. So wird die durch die Installation im Lichthof aufgeworfene Diskussion in der Dunkelheit des Studios wieder aufgegriffen und um eine sinnlich erfahrbare Verständnis-Ebene erweitert.

Susanne M. Winterling (*1970, Rehau) lebt und arbeitet in Berlin und Oslo. Sie studierte Freie Kunst in Hamburg und Braunschweig. Ihre Werke wurden international in Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert: u.a. in Gruppenausstellungen im MIT List Visual Arts Center Boston (2017), im Fridericianum Kassel (2014), im Kunstverein Amsterdam (2014) und in Einzelausstellungen u.a. im Badischen Kunstverein Karlsruhe (2010), in der Kunsthalle Malmö (2009), im National Center of Photography St. Petersburg (2008), im Duolon Museum of Modern Art Shanghai (2005) und auf der Biennale di Venezia (2003), gezeigt. Momentan ist sie Professorin an der Trondheim Academy of Fine Arts.