Simulation / Simulationstheorie (Jean Baudrillard)

von lat. simulare, nachbilden

Jean Baudrillard entwickelt vor allem in seinen Schriften der 1970er Jahre eine Theorie der Simulation, in welcher er konstatiert, dass nichts Reales mehr außerhalb medialer Zeichensysteme existiere. Mediale Zeichen verweisen nicht mehr auf einen Referenten, sondern ausschließlich auf andere Zeichen und werden damit zu Simulacra. Die Wahrnehmung der Welt außerhalb der Medien wird dadurch extrem verunsichert, Realität „existiert lediglich noch als Reflex auf bereits zuvor existierende Medialität. Vor allem mit der Entwicklung und Verbreitung elektronischer Massenmedien, wie dem Fernsehen und mehr noch dem Computer, wirkt die Simulation als Motor gesellschaftlichen Wandels und generiert eine Ära der Simulation“.

In ›Der symbolische Tausch und der Tod‹ findet die Grundlegung dieser Simulationstheorie auf der Basis einer Kritik der Marx‘schen politischen Ökonomie statt. In späteren Aufsätzen wie ›Die Präzession der Simulacra‹ (in Baudrillard 1978a) und ›Politik und Simulation‹ (in Baudrillard 1978b) überträgt Baudrillard diese Thesen auf Phänomene medialer und gesellschaftlicher Entwicklung und untersucht konkrete simulatorische Erscheinungen in Medienprodukten wie Fernseh-Realityshows oder Spielfilmen (in Baudrillard 1978b und vor allem Baudrillard 2004) – hier interessiert ihn insbesondere, wie Filme wie Bernardo Bertoluccis ›1900‹ oder Stanley Kubricks ›Barry Lyndon‹ Geschichte mehr konstruieren als re-konstruieren.

Baudrillard beobachtet den Simulationsprozess kritisch und versucht Subversionsbemühungen vor allem in der ‚missbräuchlichen‘ Verwendung von Zeichen auszumachen. Ein Beispiel hierfür seien die Graffiti, die in ihren tags sinnlose, das heißt referenzlose Aussagen formulieren und damit „allen Zeichen der Medien und der Werbung, die auf den Wänden unserer Städte die Illusion derselben Beschwörung erwecken könnten, zuwider“ laufen (Baudrillard 1978b, 27). Die Simulationstheorie ist das zentrale und nachhaltigste Theorie-Konzept Baudrillards, weil er darin nicht nur die zeichentheoretische différance-Theorie Derridas aufnimmt, sondern gleichzeitig medienphilosophische Überlegungen Walter Benjamins und Marshall McLuhans sowie Grundannahmen des radikalen Konstruktivismus und der Posthistoire auf eine Theorie gesellschaftlichen Wandels in der Postmoderne überträgt.

(Quelle: https://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=5767)

Literatur:
Baudrillard, Jean: Der symbolische Tausch und der Tod. München: Matthes & Seitz 1991.
Baudrillard, Jean: Agonie des Realen. Berlin: Merve 1978a.
Baudrillard, Jean: Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen. Berlin: Merve 1978b.
Baudrillard, Jean: Simulacra and Simulation. Ann Arbor: University of Michigan Press 2004.