Homi K. Bhabha  

Homi K. Bhabha gilt als einer der führenden postkolonialen Kulturtheoretiker. Seine Abhandlungen über kulturelle Identität, der Macht des europäischen kolonialistischen Systems und sein Interesse an Widerstandsmöglichkeiten, prägen aktuelle Debatten über kulturelle Migration, Globalisierung, Menschenrechte, und Kunst.

Argumentiert er eher selten mit autobiografischen Erzählungen in seinen Arbeiten, so ist sein biografischer Hintergrund für sein Denken und Schreiben dennoch relevant. Bhabha wurde 1949 als Mitglied der religiösen Minderheit der Parsen in Mumbai (Bombay) geboren. Dort begann seine akademische Karriere. Seinen Master machte er in Oxford, wo er später promovierte. Derzeit ist Bhabha Professor an der Harvard University und berät Kunstinstitutionen wie das Institute of Contemporary Arts in London und das Whitney Museum of American Arts in New York.   

In seinen Frühwerken geht es primär um die Kolonialgeschichte der britischen Herrschaft über Indien. Später widmet er sich zunehmend kulturellen Phenomenen in postkolonialen und postmodernen Gesellschaften. Migration und Deplatzierung sind für ihn wichtige Momente in der modernen globalisierten Welt.  

Seine Arbeiten sind Textanalysen und daher in den Literaturwissenschaften zu verordnen. Sein Hauptaugenmerk liegt auf Zeichen- und Sprachsystemen – darin inwiefern sich koloniale Macht in literarischen und historischen Texten zeigt. Sein grundliegendes Anliegen ist es, Dichotomien und feste Einheiten und Kategorien aufzulösen: So gibt es für ihn schlicht keine empirisch feststellbaren, homogenen Kulturen. Anstelle von einem Kampf der Kulturen auszugehen, spricht er von Verhandlungen und Kontakt.

Die von ihm entwickelten Konzepte wie Hybridität, der dritte Raum, Ambivalenz und Mimikry sind seit langem nicht nur für die postkoloniale Theorie von zentraler Bedeutung, sondern prägen generelle Debatten über Identität, Kultur, Kunst, Nation und Sinnproduktion. 


Hybridität und der dritte Raum   

In seiner einflussreichsten Aufsatzsammlung Der Ort der Kultur versucht Bhabha, die polarisierende Wirkung zu brechen, die eine Kategorisierung der Welt in gegensätzliche, hierarchische Identitäten hervorruft. Wie können wir von der Welt anders als in antagonistische Nationalitäten oder Nationalstaaten denken? Wie können wir uns eine postkoloniale Gemeinschaft jenseits fester Kategorien vorstellen, die das eine Volk als dem anderen von Natur aus unterlegen betrachten?  

Er schlägt vor, dass es einen Raum zwischen festen Identitätsbezeichnungen gibt – so etwas wie einen offenen Durchgang, der die Möglichkeit kultureller Hybridität zulässt. Der dritte Raum ist damit kein begrenzt räumliches Gebiet. Zusammen mit seinem Konzept der Hybridität, ist es vielmehr eine Möglichkeit, gegen die Idee der Einheit des Subjekts zu mobilisieren – eine Möglichkeit, über das moderne Ich hinweg zu einer Subjektivität zu gelangen, die der Differenz weniger feindlich gegenübersteht.     Es ist ein liminaler Zwischenraum, sowohl zeitlich als auch räumlich. 

Seine Konzepte der Hybridität und des dritten Raumes zielen auf ein Konzept der Identität im Wandel ab. Er interessiert sich nicht so sehr für etwas, das wir als hybride Kulturen bezeichnen könnten und das das Ergebnis beschreibt, wenn sich zwei oder mehr verschiedene Kulturen vermischen. Der aufregende Aspekt der Hybridisierung besteht vielmehr darin, dass es sich um einen fortlaufenden Prozess handelt, eine ständige Aushandlung von ethnischen, sprachlichen, literarischen und religiösen Fragen. Bhabha lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das, was an den wahrgenommenen Grenzen zwischen den Kulturen geschieht – in diesem räumlichen und zeitlichen Zwischenraum, den wir für selbstverständlich halten. Für diesen metaphorischen Ort findet Bhabha den Namen dritter Raum. Diese Zwischenräume zwischen den Kulturen lassen neue Bedeutungen entstehen und transkulturelle Identitäten wachsen.   


Ambivalenz 

Von Bhabha aus der Psychoanalyse in postkoloniale Diskurse überführt, beschreibt die Ambivalenz das Verhältnis zwischen Kolonisator und kolonisiertem Anderen. Es ist ambivalent, weil das kolonisierte Individuum dem Kolonisator nie nur ablehnend gegenübersteht. Die Art und Weise, wie sie einander betrachten, ist ambivalent, da das kolonisierte Individuum in den Augen des Kolonisators minderwertig und doch exotisch ist, und der Kolonisator in den Augen des kolonisierten Subjekts beneidenswert und doch korrupt. In einem weiteren Sinne kann Ambivalenz, und das ist Bhabha wichtig, dennoch als ein produktives Konzept angesehen werden. Es öffnet das Zeichensystem und bewirkt eine Verschiebung zwischen zwei kulturellen Identitäten. Es nährt ein nuancierteres Verständnis des Lebens, das die Vermittlung zwischen zwei vermeintlichen Gegnern begünstigt.    


Mimikry 

Mimikry in postkolonialen und kolonialen Diskursen bezeichnet die Nachahmung des Verhaltens – der Sprache, der Kleidung usw. – des Kolonisators. Es kennzeichnet den Prozess, durch den das kolonisierte Subjekt die Kultur des Unterdrückers adaptiert – jedoch stets durch eigene Veränderung. Bhabha untersucht, wann Mimikry (unbeabsichtigt) zu einer subversiven und machtvollen Strategie wird. Die Kolonisierten ahmen die Kolonisatoren nach, wiederholen ihre Sprache, aber eben nie genau. Bhabha beschreibt dies als eine bloße Wiederholung der Differenz und daher als eine Art Spott, der eine Spaltung der kolonialen Macht und Identität entlarvt. Mimikry beeinträchtigt die koloniale Autorität, indem aufgedeckt wird, wie leer und oberflächlich kulturelle Codes in Wirklichkeit sind.  

 

Quellen
Bhabha, Homi K. The Location of Culture. London: Routledge, 2004.
Bhabha, Homi. “Of Mimicry and Man: The Ambivalence of Colonial Discourse.”
October, vol. 28, 1984
Huddart, David. Homi K. Bhabha. London: Routledge, 2005.    

 

Bild: Homi K. Bhabha