Hartmuth Schweizer

Franziska Degendorfer, ›ohne Titel‹, 2005

»Ich möchte hier eine Arbeit aus dem Jahr 2005 von Franziska Degendorfer vorstellen. In diesem Jahr hatte die Künstlerin in der Städtischen Galerie des Rathauses Walldorf ihre erste Einzelausstellung nach dem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe.

Es ist mir bis heute als Kurator dieser Ausstellungsreihe der Stadt Walldorf ein wichtiges Anliegen, neue Positionen zeitgenössischer Kunst zu präsentieren, und ich suche deswegen auch regelmäßig den Kontakt mit jungen Absolventinnen und Absolventen der Kunstakademie in Karlsruhe, die mir auch durch mein Studium vertraut ist. Zu den Künstlerinnen, deren Arbeiten mir damals bei einem Besuch der Akademie besonders auffielen, gehörte Franziska Degendorfer.

Für mich hat das für die Mitgliederausstellung im Heidelberger Kunstverein ausgewählte Objekt dieser Künstlerin in mehrfacher Hinsicht eine besondere Bedeutung – nicht nur weil ich die Qualität dieser Arbeit und das Werk der Künstlerin bis heute sehr schätze, sondern weil damit auch Erwartungen an die Kunst angesprochen werden, die neue Fragestellungen ermöglichen. Auch deswegen war die erwähnte Ausstellung im Walldorfer Rathaus für Besucherinnen und Besucher eine sichtbare Herausforderung, da die präsentierten Bilder und Objekte den gewohnten Seherfahrungen deutlich widersprachen.

Das wurde besonders bei puppenähnlichen Stoffobjekten sichtbar – zu denen die ausgewählte Arbeit gehört –, die Erwartungen unterlaufen sowohl was die handwerkliche Verarbeitung von Textilien betrifft als auch bezüglich der Funktion der Puppe selbst als niedlich-süße Reproduktion eines Babys und des typischen Kindchenschemas. Dem geläufigen Rollenverständnis der Frau – auch der Künstlerin –, die sich, indem sie sich mit Textilien beschäftigt, dem gesellschaftlich tradierten Klischee unterwirft, wird von Franziska Degendorfer in ihren Arbeiten vehement widersprochen.

Wie ihr das in diesem gezeigten Werk gelingt und mit welchen formalen und inhaltlichen Mitteln sie dabei arbeitet und Erwartungen unterläuft, soll den Betrachtungen des Besuchers und der Besucherin dieser Ausstellung überlassen werden.«

Verschiedene Textilien, genäht, 30 x 15 x 8 cm