Édouard Glissant

Édouard Glissant (1928-2011) gilt als der einflussreichste Schriftsteller der frankophonen Karibik. Der postkoloniale Vordenker wurde in St. Marie auf der Insel Martinique geboren. 1946 kam er mit einem Stipendium der französischen Regierung nach Paris. Er studierte am Lycée Victor Schoelcher in Fort-de-France, und später an der Sorbonne und am Musée de l’Homme.

Sein politisches Schaffen und seine poetischen Schriften sind in hohem Maße von seinen Erfahrungen als kolonialisiertes Subjekt, dessen afrikanische Vorfahren in die Karibik verschifft worden waren, gekennzeichnet. Darüber hinaus prägten seine eigenen Reisen aus Martinique ins Zentrum von Paris und wieder zurück in die Peripherie maßgeblich sein kreolisches Leben und Denken.

Während seiner gesamten Karriere konzentrierte er sich auf unterdrückte Gemeinschaften und Kulturen. Er war stets politisch aktiv – von der Bekämpfung des französischen Fokus im Bildungs- und Kulturleben der Insel Martinique bis hin zu seiner Opposition gegen die Einwanderungspolitik von Nicolas Sarkozy. Von seinem bedeutenden Werk Poetik der Relationen‹ (›Poétique de la Relation‹) ausgehend, erweiterte er den Antikolonialismus seiner früheren Werke um aktuelle Fragen und Verständnisse der Globalisierung.

Seine Gedichte, Romane, Theaterstücke und theoretischen Essays mit ihren der Karibik immanenten Konzepten – wie créolisation, opacité, toute-monde und digenèse – dienen als Instrumentarium für das 21. Jahrhundert.


Créolisation

Glissant erklärt, dass die karibische Kultur unbewusst entstanden ist, weil sie in einer Umgebung produziert wurde, in der das Überleben das einzige Ziel war. Während er sich für die Einheit der Schwarzen in der Karibik unter der gemeinsamen Erfahrung der Sklaverei einsetzt, kämpft er gleichzeitig für die Anerkennung der kulturellen Vielfalt ihrer Wurzeln.

Aus unterschiedlichen ethnischen Hintergründen und Realitäten stammend, fanden versklavte Afrikaner Wege, die fragmentierten Teile ihrer Vergangenheit zu einem kulturellen Gefüge zu verweben, das ihr Leben in einem fremden Land ermöglichen konnte. Mit der Zeit wurde aus diesem Gewebe die kreolische Kultur, wie wir sie heute kennen.

Glissants Konzept der Kreolisierung wird oft in Antwort auf den Begriff der Négritude von Aimé Césaire und Senegalesen Leopold Sedar Sengho gelesen. Während sich Négritude auf einen gemeinsamen Ursprung fixiert und so die einwurzelige Ideologie, die von den Europäern seit Jahrhunderten gegen Schwarze verwendet wird, nachahmt, spricht sich Glissant gegen eine einheitliche Vergangenheit aus.


Opazité/Opacity

Das Konzept der Opacité ist für Glissants Denken und seine Poetik der Relation von zentraler Bedeutung. Opacité ist zugleich eine ethische Forderung und eine Form der politischen Legitimation. Es ist das Recht eines Menschen, undurchsichtig zu bleiben – nicht vollständig verstanden zu werden. Opacité ist Undurchsichtigkeit – ein Mangel an Transparenz und seine Verteidigung.

Das Konzept stellt die Möglichkeit interkultureller Kommunikation in Frage. Es betont, dass Missverständnisse, Verwirrung und Unverständlichkeit unverweigerliche Begleiterscheinung von interkultureller Kommunikation sind. Anstatt den Anderen auf kulturelle Unterschiede zu reduzieren, legt opacité die Grenzen von Repräsentation und universellen Wahrheiten offen.

opacité bedeutet zu akzeptieren, dass man nicht versteht. „Warum muss ich den Anderen unbedingt verstehen, um neben ihm zu leben und mit ihm zu arbeiten? (E.D.-Interview–Quelle hinzufügen)


  Tout-monde

Was Glissant „Tout-Monde“ nennt, bezieht sich auf die Welt in ihrer Gesamtheit. Er entnimmt den Begriff dem kreolischen Ausdruck „toutt moun“, was so viel wie „alle“ bedeutet. Seine Idee von Tout-monde, oder Ganzheit der Welt, erklärt alle Unterschiede in der Welt und wie sie wahrgenommen werden. Das Konzept betont die Vielfalt und Verschiedenartigkeit der Menschheit.

Es ist vor allem im Zusammenhang mit der Globalisierung von Bedeutung. Indem Tout-Monde Fragmentierung begünstigt, kritisiert es den Glauben an Ganzheit und Einheit. Mit anderen Worten: Es erweitert Glissants Kritik an der Einheit um relationale und plurale Identitätsbildungen. Tout-Monde sieht die Welt durch Einwanderung und die Folgen der Kolonialisierung definiert – verschiedene Gemeinschaften interagieren und entwickeln sich in Reaktion aufeinander.


Digenèse

Digenèse ist ein Begriff, den Glissant verwendet, um eine gescheiterte Suche nach dem Ursprung zu beschreiben. Er verwendet diesen Begriff, wenn er von den widersprüchlichen Anfängen der karibische Gesellschaft spricht. Er verwendet digenèse, um zu erklären, wie die karibische Kultur aus der Erfahrung der Sklaverei hervorging – dem Schoß des Sklavenschiffs, das sich nicht um die Erhaltung kultureller Wurzeln kümmerte.

 

Quellen
Collier, Gordon, and Ulrich Fleischmann. A Pepper-Pot of Cultures: Aspects of Creolization in the Caribbean. Amsterdam: Rodopi, 2003.

Coombes, Sam. Édouard Glissant: A Poetics of Resistance. London: Bloomsbury Academic, 2018

Glissant, Édouard, 1928-2011. Poetics Of Relation. Ann Arbor: University of Michigan Press, 1997

 

Bild: Édouard Glissant