Dr. Sigrid Kupsch-Losereit

Markus Lüpertz: ›Hora‹, 2016, Edition 70 Jahre ›Die Zeit‹, Bronze, 49 x 25 x 16,5 cm

 

»Lüpertz stellt mit seiner Figur ›Hora‹, griechisch für Zeit, nicht ein Bildnis im engeren Sinne dar, er setzt sich vielmehr mit der Bedeutung des Begriffs auseinander. Zeit entzieht sich dem Irdischen, steht über dem Individuum und so präsentiert sich seine ›Hora‹ ohne Kopf. Die nach antikem Vorbild farbig bemalte weibliche Bronze ähnelt in Form und kämpferischen Pose antiken Skulpturen: Stand- und Spielbein und der zum Ausgleich der Gewichtsverhältnisse als Balance leicht ausgestellte Hüftschwung, der rechte gespannte Arm bis zur Schulter erhoben mit einem Stab in der rechten Faust, der linke hingegen herabhängend in strikter Betonung der Senkrechten. Diese Haltung ist symptomatisch für das Spiel mit Gegensätzen wie Ruhe – Bewegung, Spannung – Entspannung, Hebung – Senkung, die letzten Endes zu einem homogenen Ausgleich führen.

Für mich ist die Plastik aber mehr als nur eine durch Malerei in den Raum getragene Figurine. Sie erzählt etwas, sie ist eine Erzählung voller spannungsreicher Symbolkraft, die sich enger Deutung versagt. Das Stundenglas zu Horas Füßen symbolisiert Vergänglichkeit und der darauf liegende Granatapfel verweist auf das Paradies und ist ein Zeichen für Zeitlosigkeit und Unsterblichkeit; beide stehen im Widerspruch und stellen zugleich die Extreme der Zeit dar. Weitere narrative Bedeutungsträger sind der Stab in der Rechten, der in der Kunst zuweilen als Symbol für die Auferstehung verwendet wird, und der nach unten zeigende linke Arm, der uns eindringlich an Sterblichkeit und Vergehen gemahnt. So erzählt die detailreiche Skulptur zum einen von der Zeit mit all ihren Bedeutungsfacetten und sie zeigt zum anderen in handwerklich meisterhafter Ausführung die Brüche und Widersprüche in der menschlichen Figur.«