Dr. Nicolas Albrecht-Bindseil

Ludwig Meidner, ›Caféhausszene‹, o. J.

»Aus der Kunstsammlung meines Vaters erbte ich vor einigen Jahren das Aquarell ›Caféhausszene‹ von Ludwig Meidner, das dieser in einer spezifischen Zeit seines Londoner Exils gemalt haben muss (zwischen 1945 und 1950). Viele Jugendjahre hatte ich zu dem Bild, welches in meinem Elternhaus an prominenter Stelle des Foyers die ankommenden Besucher begrüßte, eine gewisse Distanz. Für mich war das Dargestellte seinerzeit einfach ›too much‹ … Ich konnte den Zwitterwesen, Chimären und ›unpassenden Nacktheiten‹ nichts abgewinnen und schob meine eigenen Gäste und Freunde eher daran vorbei. Sicher wirkte das Bild durch ein bestimmtes Zuviel an psychologischer Dichte und die darin verwobene Ambiguität, das intendierte Nebeneinander von Frivolität und Intimität und den Zusammenklang von Intimität und distanzierter Einsamkeit auf den Jugendlichen befremdlich. Es bedarf wohl einer gewissen eigenen Lebenserfahrung, um den von Meidner abgebildeten ›Menschheitszirkus‹ einordnen und somit besser verstehen zu können. Inzwischen habe ich sehr große Sympathie für die skizzierte ›Melange‹ entäußerter Subjektivität, in der sich in großartiger Weise eine Drehscheibe individueller Erfahrungen von Welt verdichtet und der Künstler im Bruchteil eines Augenblicks einen tiefen Einblick sowohl in die eigene Seele, aber auch in das Weltentheater seiner Zeit gibt.

Ludwig Meidners ›Caféhausszene‹ übt so seit einigen Jahren gerade durch seine Vielschichtigkeit einen besonderen Reiz auf mich aus. In dem Figurenspiel auf der von Meidner wiedergegebenen ›Lebensbühne‹ meine ich zudem zahlreiche Analogien zum Zeitgeist unserer Tage entdecken zu können. Meidners aquarellierte (in Details nur schemenhaft ausgeführte) Skizze berührt mich in ihrer poetischen und prophetischen Aktualität und in ihrer scheinbar zeitlosen Modernität immer wieder aufs Neue. Das Bild lädt mich jeden Tag ein, genauer hinzuschauen, und bestätigt mich in der Einsicht: ›Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst.‹ (Goethe)«

Aquarell, 87 x 72 cm

© Ludwig Meidner-Archiv, Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main