Dr. Dorit Schäfer

Charles Pittner, ›Sessel‹, um 1895

»Eines meiner liebsten Kunstwerke zu Hause ist die aquarellierte Zeichnung eines wunderschönen Sessels. Mit größter Sorgfalt hat der Künstler die geschwungene Form der Lehne und der Armstützen, das verzierte und vergoldete Holz sowie den Brokatstoff der Bezüge dargestellt. Den klassizistischen Innenraum und das spiegelnde Parkett deutete er zart mit Bleistiftlinien – teils mit dem Lineal gezogen – an und kolorierte die Zeichnung locker in Grau und Braun. Den kostbaren Stoffbezug dagegen malte er mit spitzem Pinsel in leuchtenden Farben und drückte anschließend mit einem feinen Griffel parallele Linien ins Papier, um die raue Oberfläche des Textils spürbar zu machen. Offensichtlich war der Künstler auf Interieurs spezialisiert.

Kaum zu sehen ist seine Signatur: ›Ch. Pittner‹ hat er ganz zart mit Bleistift in den violetten Schatten unter der linken Armlehne geschrieben, als hätte er sie versteckt. Aber unterstrichen hat er seinen Namen doch! Offensichtlich wollte er unauffällig, aber für die Nachwelt erkennbar seine Autorschaft kenntlich machen. Über den Künstler konnte ich bislang nicht viel in Erfahrung bringen, die einschlägigen Lexika verzeichnen ihn nicht, und selbst das Victoria and Albert Museum in London hat keine Informationen zur Hand. Nur drei weitere Papierarbeiten, zwei Möbel und eine Innenraumdarstellung tauchten in den vergangenen Jahren auf einer Auktion in London auf.

Das Blatt fand ich in der Kunsthandlung Prouté in Paris. Dort war ich zum Stöbern mit zwei Kollegen. Wir fanden dieses auf den ersten Blick unscheinbare, auf den zweiten Blick im Kleinen so reiche Aquarell alle zauberhaft. Aber keiner von uns kaufte es. Das habe ich später bereut – immer wieder musste ich an diesen wunderbaren Sessel denken, der wie aus dem Nichts auf dem Papier erschien und so freundlich und einladend war. Dann hatte ich einen runden Geburtstag und wurde von meinen Kollegen überrascht: Sie hatten alle zusammengelegt für ›meinen‹ Sessel! Das hat mich sehr gerührt. Und so ist dieses Bild für mich viel mehr als die Darstellung eines schönen alten Möbelstücks.«

Aquarell über Bleistift auf Papier, 53 x 43 cm