Delia Jürgens

Delia Jürgens versteht Ihre künstlerische Arbeit als Malerei im Raum unter den Bedingungen einer veränderten Wahrnehmung des Raums im 21. Jahrhundert. Die Benutzeroberflächen von Computern und Smartphones (devices) sind die neuen Fenster in die Welt, die nicht mehr nur einen Blick auf einen definierten Raum/ Zeitabschnitt erlauben. Vielmehr eröffnen sie gleichzeitig tagesaktuelle Bilder ferner Orte, den live Kontakt zu abwesenden Personen und Zugriff auf ungeahnte Informationsmengen. Dabei verschieben sich angestammte Grenzen zwischen hier und dort oder den Zeitebenen. Der Raum zerfällt in eine Vielzahl gleichzeitiger Raumfragmente.

Delia Jürgens verarbeitet diese ›Dehnung‹ des Raumes, die Gleichzeitig des Ungleichzeitigen, die Überbrückung von Ferne und Nähe in malerischen Installationen, die sie als ›Fragmented Landscapes‹ (fragmentierte Landschaften) bezeichnet. Sie setzt großformatige Einzelelemente zu dem jeweiligen Ausstellungsraum angepassten Konstellationen zusammen, deren poetische Titel jeweils einzelne Aspekte des Gesamtwerkes akzentuieren. Ihr Werk besteht demnach nicht in Einzelwerken, sondern in Ensembles eines sich ständig erweiternden Pools an Materialien und Objekten.
Wiederkehrende Motive sind Spiegelungen und Kondensationen, die sowohl in den einzelnen Werkstücken als auch im Ensemble sichtbar werden. Neben Spiegeln und Glas setzt Delia Jürgens Acrylglas-Platten ein, die den Materialien der Benutzeroberflächen technischer devices ähneln. In der für den Heidelberger Kunstverein erweiterte und z.T. neuproduzierten Werkkomplex ›Echoes and Rain‹ (Echos und Ragen) setzt Delia Jürgens Wasser als fluides Element ein und führt Materialeigenschaften und metaphorische Bedeutung zusammen. So werden Bildwelten im digitalen Zeitalter oftmals als Kondensationen von Informations“bits“ am Bildschirm beschrieben. Delia Jürgens induziert Kondensationen an Glasschieben, nutzt Hydrogel-Perlen, um osmotischen Austausch als dynamischen Prozess mit durchlässigen Oberflächen vorzustellen. Der fließende Übergang von Innen und Außen wird auch in der Wahl von Schlafsäcken und Geweben als Bildträger deutlich. Mehr noch beim Einsatz von Scheiben, die Fragen nach Zuordnung Vorder- und Rückseite aufwerfen, wird hier auf die leibliche Umhüllung mit Bildern angespielt. Ihre Bildmotive findet Delia Jürgens in gefunden Bildvorlagen, die sie nachbearbeitet. Es handelt sich zum Großteil um Aufnahmen aus der Natur, wie Felsformationen oder Wasserläufe. Delia Jürgen vergrößert diese Vorlagen bis die Pixelstruktur sichtbar wird, abstrahiert das Naturphänomen und dehnt den Bildraum zu einem ›All Over‹. Felsformationen tun sich über den Schlafsäcken auf, eine Flüssigkeit wabert über ein Stück Teppich.
Zur Installation im Heidelberger Kunstverein setzt Delia Jürgens eine als Echo bekannte Sprachbox, mit der sie in unregelmäßigen Abständen eigene Sprachnachrichten in die Ausstellung einspielt. ›Echoes and Rain‹ im Heidelberger Kunstverein eröffnet eine multimediale dynamische Installation, die aus der Malerei bekannte Themenkomplexe wie dem Verhältnis von Abstraktion und Abbild, der Tiefe und Begrenzung von Bildräumen weiterführt und einen erlebbaren immersiven Raum eröffnet.

Delia Jürgens (*1986, Hannover) lebt und arbeitet in Hannover und Los Angeles. Sie studierte Freie Kunst und Szenografie in Braunschweig und Hannover. Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland: u.a. Gruppenausstellungen im ZKM Karlsruhe (2017), in der Kestner Gesellschaft Hannover (2017), im Kunstverein Hannover (2018), Einzelausstellungen im Kunstverein Langenhagen (2015) und im Sprengel Museum Hannover (2018). 2018 wurde sie mit dem Sprengel-Preis für Bildende Kunst der Niedersächsischen Sparkassen-Stiftung ausgezeichnet.