Delia Jürgens

Delia Jürgens: ›Echoes in Rain‹, 2019

Delia Jürgens versteht Ihre künstlerische Arbeit als Malerei im Raum unter den Bedingungen einer veränderten Wahrnehmung des Raums im 21. Jahrhundert. Die Benutzeroberflächen von Computern und Smartphones (devices) sind die neuen Fenster in die Welt, die nicht mehr nur einen Blick auf einen definierten Raum und Zeitabschnitt erlauben. Vielmehr eröffnen sie gleichzeitig tagesaktuelle Bilder ferner Orte, den Live- Kontakt zu abwesenden Personen und Zugriff auf ungeahnte Informationsmengen. Dabei verschieben sich angestammte Grenzen zwischen hier und dort und/oder den Zeitebenen. Die Folge: Der Raum zerfällt in eine Vielzahl gleichzeitiger Raumfragmente. Delia Jürgens verarbeitet diese ›Dehnung‹ des Raumes, die Gleichzeitig des Ungleichzeitigen, die UÅNberbrückung von Ferne und Nähe, in malerischen Installationen, die sie als ›Fragmented Landscapes‹ (fragmentierte Landschaften) bezeichnet. Sie setzt großformatige Einzelelemente in Konstellationen zusammen, die an den jeweiligen Ausstellungsraum angepasst werden und deren poetische Titel jeweils einzelne Aspekte des Gesamtwerkes akzentuieren. Ihr Werk besteht demnach nicht aus Einzelwerken, sondern aus Ensembles eines sich ständig erweiternden Pools an Materialien und Objekten.

›Echoes and Rain‹ (Echos und Regen) im Heidelberger Kunstverein eröffnet eine multimediale dynamische Installation, die aus der Malerei bekannte Themenkomplexe, wie das Verhältnis von Abstraktion und Abbild, der Tiefe und Begrenzung von Bildräumen, weiterführt und einen erlebbaren immersiven Raum eröffnet. Wiederkehrende Motive sind Spiegelungen und Kondensationen, die sowohl in den einzelnen Werkstücken als auch im Ensemble sichtbar werden, beispielsweise in der Dopplung eines Bildmotivs auf verschiedenen Bildträgern (Acrylglas und Schlafsack) an gegenüberliegenden Wänden. Neben Spiegeln und Glas verwendet Jürgens Acrylglas-Platten, um den Materialien Bezug zu Benutzeroberflächen technischer devices hervorzuheben. In dem für den Heidelberger Kunstverein erweiterten und z.T. neuproduzierten Werkkomplex setzt Jürgens Wasser als fluides Element ein und führt Materialeigenschaften und metaphorische Bedeutung zusammen. So werden Bildwelten im digitalen Zeitalter oftmals als Kondensationen von Informations“bits“ am Bildschirm beschrieben. Jürgens induziert Kondensationen an Glasscheiben und nutzt Hydrogel-Perlen, um einen osmotischen Austausch als dynamischen Prozess mit durchlässigen Oberflächen vorzustellen. Zur Installation im Heidelberger Kunstverein setzt Jürgens auch eine als ›Echo‹ bekannte Sprachbox ein, mit der sie in unregelmäßigen Abständen eigene Sprachnachrichten in die Ausstellung einspielt.

Ihre Motive findet Jürgens in Bildvorlagen, die sie in der digitalen und analogen Welt sucht und anschließend nachbearbeitet. Es handelt sich zum Großteil um Aufnahmen aus der Natur, wie beispielsweise Felsen oder Wasserläufe. Die Künstlerin vergrößert diese Vorlagen bis die Pixelstruktur sichtbar wird, abstrahiert die Naturphänomene und dehnt den Bildraum zu einem ›All Over‹: Felsformationen tun sich über den Schlafsäcken auf, eine Flüssigkeit wabert über ein Stück Teppich.

Delia Jürgens (*1986, Hannover) lebt und arbeitet in Hannover und Los Angeles. Sie studierte Freie Kunst und Szenografie in Braunschweig und Hannover. Ihre Werke wurden in Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland gezeigt: u.a. im ZKM Karlsruhe (2017), in der Kestnergesellschaft (2017) und im Kunstverein Hannover (2018) sowie im Kunstverein Langenhagen (2015) und im Sprengel Museum Hannover (2018). Im Jahr 2018 wurde sie mit dem Sprengel-Preis für Bildende Kunst der Niedersächsischen Sparkassen-Stiftung ausgezeichnet.