Correalismus

Im Laufe der 1930er Jahre entwickelt [Friedrich] Kiesler seine Theorie des Correalismus, einer transdisziplinären Grundlagenforschung zum Entwurf in Architektur und Design. Sie beruht auf den neuesten Entwicklungen zu einer Systemtheorie in der Biologie. Seine Wortschöpfung beinhaltet die Begriffe Co-Realität (co-reality) und Korrelation (correlation) und meint damit die Wechselbeziehung dreier Einflusssphären: der natürlichen, menschlichen und technischen Umgebung, die Kiesler auch als aufeinander wirkende Kräfte auffasst. Ihren Kern‹ bildet der Mensch als Zentrum dieser Kräftefelder. 1939 veröffentlicht Kiesler seine Überlegungen im bahnbrechenden Artikel On Correalism and Biotechnique. Der neuartige Ansatz für Architektur und Design fordert einerseits die empirisch-wissenschaftliche Erforschung der Wechselbeziehungen der drei genannten Umgebungen (Correalismus) und andererseits die praktische Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse in der Gestaltung (Biotechnik). In Kieslers Correalismus-Forschung der 1940er und 1950er Jahre rückt die Kritik am Pseudofunktionalismusder Moderne und an der willkürlichen Trennung der Architektur in Kunst, Technologie und Wirtschaft‹ ins Zentrum und damit sein Bemühen um eine (Wieder-)Vereinigung der Künste.

 – Ausstellung Wiederentdeckte Moderne I, Friedrich Kiesler: Architekt, Künstler, Visionär, in: Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, 11. März – 11. Juni 2017