Barbara Kunzendorf-Hohenadl

Matthias Feldmann, ›ohne Titel‹, 2003

»Die Kohlezeichnung von Matthias Feldmann ist bei uns seit seiner Ausstellung im Jahr 2003. Sie war zu groß für den Heimtransport nach Florenz und so haben wir sie da behalten und im Laufe der anderthalb Jahrzehnte eine Art Adoptivverhältnis zu dem Bild entwickelt.

Es hat eigentlich keinen Titel. Wir sagen Schutzmännlein oder Kindchen. Dies ist alt und dabei klein wie ein vielleicht Vierjähriges und irgendwie nicht wie eine Zeichnung, sondern fast lebendig wie ein richtiges kleines Kind. Kahlköpfig, die Augen groß und schwarz, vielleicht hilflos, vielleicht traurig. Es sieht mal so, mal so aus. Nie, bis vor kurzem, sah ich, dass das Männlein vielleicht etwas in den Armen trägt; könnte sein, ein kleineres Wesen. Muss aber nicht sein. Ich sehe es gern allein da stehen und möchte es manchmal aus dem Bild und auf den Arm nehmen; es weckt in mir bei jedem Anblick Mütterlichkeit und das sichere Gefühl der Beschütztheit. Zwei gute Gefühle, gewissermaßen von oben und unten und haben mit Liebe zu tun.

Matthias Feldmann ist ein Freund aus der Studienzeit in Marburg. Wir wohnten zusammen in der Biegenstraße 24 in einer WG. Matthias und Sigrid, Stefan und ich und unser Kind Jonas. Vierer-WG mit Kind, also fünf. Die Wohnung nah beim Hülsenhaus, wo wir alle vier am Kunsthistorischen Institut studierten. 1986 zogen wir gemeinsam mit Matthias nach Heidelberg. Matthias Feldmann, der aus Bielefeld stammt, zog später fürs Examen nach Marburg zurück und ging dann nach Florenz. Dort lebt er jetzt seit über 30 Jahren. Er ist Kunsthistoriker und insgeheim oder für die, die es wissen, Zeichner und Maler. Matthias Feldmann arbeitet mit Kohle und Pastellkreiden. 1999 sahen wir das erste Bild von ihm. Das war ein Pastell, das er mitbrachte; als Geschenk zum 40. Geburtstag. Ein bunt gekleideter Mann im Frack, der taucht und zum Betrachtenden blickt. Um ihn herum blaues Wasser, da und dort ein Fisch und am Meeresgrund die große Muschel, die er im Begriff ist, aufzuheben. Das war eine große Überraschung damals. Dass er das machte und wie und wie er es konnte!

Matthias’ Bilder machen mich froh und wach. Sie haben eine ganz eigene Wirkung, sind sonderbar, bezaubernd, ironisch, zärtlich. Wunderlich farbige Menschen- und Tierwesen, die im Offenen leben, in weiten, frei bleibenden Räumen. So schön, eine seiner frühen Arbeiten hier zeigen zu können.

Wir leben mit vielen Bildern. Gekauften, geschenkten, ererbten, eigenen. Wir sammeln Verschiedenes, heben Manches gerne auf, was andere wegtun und haben ein großes Vergnügen am Finden. Was die Kunst angeht: uns hat das Sammeln mit Geldsinn nie gemeint und nie interessiert. Wir leben mit dem, was zu uns spricht und sich ergab.«

Kohlezeichnung, 73 x 115 cm