Bacht Michael

Kenijro Azuma: ›MU-S98‹, 1963/64

»Die Skulptur ›MU-S98‹ von Kenjirō Azuma habe ich 1964 für DM 800,– in der Galerie Wilm Falazik in Bochum gekauft. Ich finde sie noch heute beachtlich, weil sie ohne Scheu vor einem schmuckhaften Erscheinungsbild einen hohen gestalterischen Anspruch konsequent verwirklicht. Dieser beruht auf dem Gegensatz geschlossener, in der Horizontalen rhythmisierter, abgestufter rauer Flächen und den wenigen vertikal in eine kleine, inselähnliche, blank geschliffene Fläche akzentuierend gesetzten dunklen Vertiefungen. Entfernt wird der Betrachter an die Ästhetik der Zengärten erinnert. Diese sollen auch bildhaft betrachtet werden, ohne dass der Betrachter sie – wie die meisten westlichen architektonischen Anlagen oder Skulpturen – von allen Seiten erfahren können soll.

 

Der Kaufpreis für diese Bronzeskulptur war in jener Zeit für einen 17-Jährigen sehr hoch. Dafür hatte ich in der Buchbinderei der Druckerei meiner Familie viele Stunden Hilfsarbeiten leisten müssen. Der Verkäufer der Skulptur, der Galerist Falazik, hatte mich schon länger beeindruckt, nicht nur, weil ich mich in seiner Galerie als jugendlicher Besucher willkommen fühlen durfte, sondern vor allem, weil er einige nach meiner Meinung beachtenswerte Künstler vertrat, mit denen gemeinsam er sich im Ruhrgebiet bereits Ansehen erworben hatte. Er war in einem ungewöhnlichen Maße mit Witz und Ironie begabt. Das war in Deutschland in den 60er-Jahren eher selten anzutreffen, mir war das bisher kaum begegnet. Diese Gabe zeigte sich unter anderem darin, dass er in seinem Gartenhaus über Jahre eifrig und sicher zu seiner größten Freude Collagen unter dem Pseudonym ›Stan Pingly‹ hergestellt hatte. Sie waren von beachtlicher Qualität. Mit diesen bestritt er ganze Ausstellungen, auch in fremden Galerien. Wir alle wussten, wer hinter diesen Arbeiten stand. Nur er selbst meinte, dass das allen anderen verborgen bleiben würde. Nach den Jahren in Bochum zog die Galerie Falazik nach Neuenkirchen in der Lüneburger Heide um. Sie ist dort in dem neu gegründeten und dann bald von Frau Falazik geleiteten und bekannt gemachten Kunstverein Springhornhof aufgegangen.

 

Ich war als etwa 15-jähriger von der Kunst Begeisterter nicht nur freundlich, sondern ganz selbstverständlich, als sei das die Regel, als häufiger Gast von den Essener Künstlern aufgenommen worden. Diese hatten als ›Ruhrländischer Künstlerbund‹ ihren ständigen Ausstellungsort im Souterrain der umgenutzten Alten Synagoge. Im Obergeschoss residierte das ›Haus Industrieform‹,  in das die Azuma-Ausstellung noch im Jahr 1964, um einige größere Arbeiten ergänzt, weitergewandert war. Sie wurde dort betreut von dem Kunsthistoriker Professor Jörg Lampe aus Wien, der viele Jahre mit großer Souveränität, Sachkunde und Großzügigkeit dem ›Ruhrländischen Künstlerbund‹ vorstand.

 

Ich möchte noch einige Schlüsselpersönlichkeiten dieses in das Ruhrgebiet gut eingebundenen Essener Kunstbiotops erwähnen. Ich weiß nicht, ob es Vergleichbares in unseren Städten heute überhaupt noch gibt, ob es vielleicht charakteristisch war für ein anderes Kunstklima dieser nun schon über ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Zeit. Vor allem aus diesem Grund beschreibe ich dieses vielleicht schon historische lokale Phänomen an dieser Stelle etwas ausführlicher.

 

Allen voran: Rolf Jörres (*1933), ein junger Steinbildhauer, später Dozent an der Kunstakademie Düsseldorf, zusammen mit dem um wenige Jahre jüngeren Ulrich Rückriem. Er gehörte zu den jüngeren Künstlern in der meist schon älteren Essener Künstlerschaft. Ihn durfte ich häufig in seinem Atelier besuchen und als Mitfahrer zu Ausstellungen in Museen und Galerien im Ruhrgebiet begleiten.

 

Die neben Professor Lampe wichtigste, ausgesprochen umtriebige Persönlichkeit war Anton (Tünn) Konerding (*1928), der in den 70er-Jahren ebenfalls Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie wurde; sein Fach: Gestaltung. Er stellte für uns die Verbindung zur ›Oberklasse‹ der im Ruhrgebiet tätigen oder beheimateten Künstler her. Für diese und die zahlreichen Kunstinstitutionen des Ruhrgebiets und des Kölner Raums gestalteten er und seine Schüler zahllose Bücher und Kataloge. Viele davon wurden in den Graphischen Betrieben Bacht in Essen hergestellt und im Architekturverlag gleichen Namens betreut. Ich nenne nur ein paar Namen: Beuys, die Bechers, Kirkeby, Uecker, Rückriem, Jörres, Luther, Erwin Heerich (Insel Hombroich) und viele andere, von denen er aus erster Hand die besten Werke erwerben oder gegen seine Gestaltungstätigkeit tauschen konnte. Diese Werke bilden heute eine der ansehnlichsten und wertvollsten, aber ganz unbekannten Sammlungen Deutschlands. Sie wird seit Konerdings Tod im Jahr 1984 von seiner Witwe betreut.

 

Dieser Kontakt war für mich deshalb so wichtig, weil er mir sehr früh Einblick gab in die weite Spanne, zwischen der sich die Qualität künstlerischer Werke der Moderne bewegen kann: Ich durfte das alles bei meinen fast wöchentlichen Besuchen in seiner Wohnung in Essen-Werden sehen, wo er mir mit großer Begeisterung seine Lieblingsarbeiten und Neuerwerbungen vorführte – und mir jedes Mal einen heilsamen und motivierenden Kulturschock zumutete, denn ich kam auf dem Rückweg vom figürlichen Zeichnen bei Jo Piper an der in Essen-Werden beheimateten Folkwangschule für Gestaltung bei ihm vorbei. Ihm durfte ich auch zwischen 1964 und meinem Abitur im Jahr 1967 meine zeichnerischen und malerischen Übungen vorführen. Ich war zufrieden, wenn ich nicht alles in den Papierkorb werfen musste. Er verstand sich in seinem Metier durchaus als Künstler, war sehr anspruchsvoll, sein cholerisches Temperament gefürchtet.

 

Erst heute weiß ich, was ich diesem künstlerischen ›Jugendbiotop‹ und meinen damaligen älteren und so großzügigen Freunden verdanke. Damals war das alles für mich einfach mein Alltag.«

 

Bronzeskulptur, 32,5 x 22 x 11,5 cm