1970-1971: Das Sozialistische Patientenkollektiv – Krankheit als Waffe?

Das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) war eine kollektiv geführte Therapiegemeinschaft, die nach der fristlosen Entlassung des Arztes Dr. Wolfgang Huber aus der Poliklinik Heidelberg entstand. Es existierte ohne rechtlich geklärten Status von 1970 bis 1971. Zu den Gründern zählten ca. 50 Patient*innen von Huber.

 

Die grundlegende These des SPK war, dass alle psychiatrischen Erkrankungen durch die Gesellschaft bedingt seien, die in der ­aktuellen kapitalistischen Form jedoch selbst nicht gesund sei. Die klassische Psychiatrie versuche demnach, die Patienten wieder »tauglich für die krankmachende Gesellschaft«* zu machen. Dagegen wollte man sich wehren und »die Krankheit zur Waffe machen«.*

 

Das SPK war für viele Kranke eine erste Anlaufstelle und eine wichtige Alternative zur universitären Psychiatrie in Heidelberg. Denn hier konnten u.a. tabuisierte Themen wie (Homo)Sexualität, Drogenprobleme und Teilnahme an der Studentenrevolte, die in der Anstaltstherapie keinen Raum fanden, besprochen werden. Auf Grund des großen Bedarfs waren bald neben dem Arzt Wolfgang Huber auch Mitglieder als Laientherapeuten tätig.

 

Die öffentlichen Äußerungen des SPK, aber auch seiner Konfliktpartner, Psychiatrische Klinik und Universität, waren von radikaler politischer Rhetorik geprägt. Der Konflikt gipfelte schließlich in Polizei­aktionen, der Auflösung des SPK und der Verhaftungen mehrerer Mitglieder. Im November 1972 kam es zu ersten Prozessen gegen SPK-Mitglieder, u.a. verlor Huber seine Zulassung als Arzt. Er und seine Frau wurden wegen Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung, Sprengstoffherstellung und Urkundenfälschung zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt und im Gefängnis Stammheim inhaftiert. Sowohl die lokale als auch die überregionale Presse berichtete ab 1970 über das Geschehen in Heidelberg. In den folgenden Jahren lag der Fokus der Berichterstattung häufig auf denjenigen Mitgliedern, die sich in den letzten Monaten des Bestehens des SPK oder in der Folge­zeit der RAF angeschlossen hatten.

 

Das Kollektiv hatte zwischenzeitlich angeblich 500 Mitglieder und gab insgesamt 51 Flugblätter heraus. Trotz zahlreicher selbstverfasster Texte zur Krankheitstheorie ist über die angewandten ­therapeutischen Methoden wenig bekannt.

 

1980 waren das SPK und die Zerwürfnisse innerhalb der ­Psychiatrischen Klinik noch in lebhafter Erinnerung. Der Klinikleiter Prof. Janzarik befürchtete, dass die Mitglieder der Arbeitsgruppe zur Ausstellung ›Die Prinzhorn-Sammlung‹ ähnlich radikale Ansätze ­verfolgen und die wertvolle Sammlung für politische Anliegen ­instrumentalisieren könnten. Letztlich gab er die Werke für die ­Ausstellung frei, distanzierte sich aber im Katalog und weiteren Schreiben von dem Ansatz der Ausstellung.

 

* SPK: Aus der Krankheit eine Waffe machen. Eine Agitationsschrift des ­Sozialistischen Patientenkollektivs an der Universität Heidelberg. Mit einem ­Vorwort von Jean-Paul Sartre, München 1972, S. 15