Henry Thode über Hans Thoma

»Wer ›deutsch und echt‹ empfindet, wer sich durch die trügerischen Vorspiegelungen einer von fremden Vorbildern abhängigen gleichzeitigen Kunstrichtung oder einer unnatürlichen, das Absonderliche suchenden Originalitätshascherei nicht beirren läßt, muss dazu gelangen, in der wundervollen Einfalt, in der Fülle und Lebendigkeit der Phantasie, in der treu hingebungsvollen Naturbetrachtung, in dem alles durchdringenden seelischen Erleben die Eigentümlichkeiten wiederzuerkennen, welche dem unverfälschten deutschen Schaffen von jeher seine Größe und Herrlichkeit verliehen. Und er wird die Macht seiner neu bestärkten Überzeugungen von der reinen Gefühlsbedeutung der Kunst Jenen gegenüberstellen, die, ohne Zusammenhang mit den Wurzeln unserer und aller schöpferischen Kraft, das künstlerische Heil nicht im unbewussten und daher notwendigen Ausdruck eines Volks- oder Stammescharakters, sondern in willkürlicher internationaler Charakterlosigkeit sehen, die uns weismachen wollen, der herzlose nüchterne Naturalismus der französischen Impressionisten bedeutet den Beginn einer großen neuen Epoche unserer Kunst.«

Henry Thode: Hans Thoma. Betrachtungen über die Gesetzmäßigkeit seines Stiles, Heidelberg 1905, S.3f

 

Bildnachweis:

Hans Thoma, Taunuslandschaft, 1890, Öl/Lw., 113,8 x 88,8 cm, München, Neue Pinakothek