Die ›Rinnsteinrede‹, 1901

 

Im Zeitalter des Imperialismus konkurrierten Frankreich und das Deutsche Reich nicht nur politisch und militärisch. Die französische Kulturhoheit wurde von deutscher Seite heftig bekämpft. Von deutsch-national gesinnten Kreisen wurde die französische Kunst als inhaltslos und effekthascherisch diskreditiert, wohingegen „deutsche“ Kunst als geistig und idealistisch charakterisiert wurde. Vor diesem Hintergrund sollte eine deutsche Kunsttradition geschaffen werden, die zur Konstruktion einer nationalen Identität beitragen sollte. Die Spaltung im Kulturbereich schlug sich auch in antagonistischen Haltungen innerhalb der deutschen Künstlerschaft, den Hochschulen und Wissenschaftlern nieder. Viele Künstler, die noch 1870/71 auf deutscher Seite gekämpft hatten, wandten sich danach der französischen Kunst und den Themen und Konflikten des modernen Lebens zu (siehe Max Liebermann).
Die 1895 von Kaiser Wilhelm II. in Auftrag gegebenen Skulpturen der Siegesallee sollten der „verspäteten“ Nation ein Geschichtsbewusstsein anhand der Darstellung historischer Figuren vor Augen führen. In der berühmt gewordenen ›Rinnsteinrede‹ von 1901 formulierte Kaiser Wilhelm II. anlässlich der Eröffnung der Siegesallee sein rigides und konservatives Kunstverständnis. „Wahre Kunst“ sei der Tradition verpflichtet und gehorche einem ewigen Gesetz der Schönheit und Harmonie. Zudem solle sie erzieherisch auf die Bevölkerung wirken und durch würdige Themen gerade den unteren Ständen beispielgebend sein. Nur eine solche idealisierende Kunst könne sich erheben, während die modernen realistischen Strömungen in den Rinnstein hinabsteigen würden.