›Der Leser als Photomonteur‹

In der Ausstellung finden sich drei Arbeiten von John Heartfield, die in drei Ausgaben der ›Arbeiter-Illustrierte-Zeitung‹ sowie der im Exil publizierten Nachfolgezeitschrift ›Die Volks-Illustrierte‹ veröffentlicht wurden. Heartfields künstlerische Praxis, die seine Fotomontage mit dem Titel ›Benütze Foto als Waffe!‹ (1929) veranschaulicht, zielte – wie überhaupt das Vorhaben der Arbeiterfotografie-Bewegung als solche – auf eine Aktivierung des Betrachters und eine Störung des Bildrezeptionsprozesses. Laut Walter Benjamin wurde das Kunstwerk bei den Dadaisten ›zum Geschoss. Es stieß dem Betrachter zu.‹ Es griff in die Zirkulation des Bildes ein, lenkte sie um und unterlief seine Bedeutung. Die beiden ausgestellten Ausgaben von ›Die Volks-Illustrierte‹ demonstrieren diese Art von Kritik der Perspektive von Betrachter und Leser als ›passiv‹ und verkünden einen Wettbewerb namens ›der Leser als Photomonteur‹ sowie – mehrere Ausgaben später – dessen Gewinner. Fotomontage wird hier nicht bloß als Form avantgardistischer Autorenkunst verstanden, sondern vielmehr als ein egalitäres Modell von visueller Kompetenz und visuellem Aktivismus. (Quelle: Auszug aus dem Wandtext, ›Widerständige Bilder‹, Biennale für aktuelle Fotografie ›Farewell Photography‹)

John Heartfield, In: Volks-Illustrierte, Nr.8 , 23 Februar 1938