Ausstellungen vom 3.12. — 26.2.2017

Halle:
›fühle meinen körper sich von meinem körper entfernen‹

Ein Projekt von a production e. V.

Martin Beck, Joerg Franzbecker, Christine Lemke, Hanne Loreck, Katrin Mayer, Eske Schlüters und Gitte Villesen

Die Ausstellung ›fühle meinen körper sich von meinem
köper entfernen‹ und das Symposium ›stumble bumble fail fall hurt‹ nehmen ihren Ausgangspunkt in der Beschäftigung mit dem Pubertären und gegenwärtigen Krisen von Verkörperung.1 Pubertät ist ein Zustand doppelter Disharmonie: Der Körper produziert Begehren und materielle Überschüsse (bspw. neue Körperflüssigkeiten), die noch nicht durch stabile kulturelle Normen (Partnerschaft etc.) eingeordnet sind. Umgekehrt sind Psyche und Verstand noch nicht in der Lage oder willens, den Körper zu ›vernünftigen‹ oder ›erwachsenen‹ Handlungsweisen zu disziplinieren.
Indem Identitäten von Körpern abgekoppelt werden, Körperliches virtualisiert oder Materielles freigesetzt wird, entstehen Spielfelder, die von Mainstream- und Popkulturen ebenso wie von deren kritischen Alternativmodellen besetzt werden. Mit der Ausstellung und dem Symposium im Heidelberger Kunstverein entsteht ein Gefüge, das Transformationen zwischen verschiedenen Geistes- und Körperzuständen, Aneignungen des Devianten und Formationen
materialisierter Gewaltstrukturen in Beziehung und Bewegung setzt. Wir reisen mit Orlando, verformen uns mit Ally McBeal, lassen uns im Kemmer gendern und entziehen uns Euren Körperzuschreibungen.
Mit der Ausstellung ›fühle meinen körper sich von meinem
körper entfernen‹ werden vier Beiträge gezeigt, deren
räumliches Ineinandergehen im Austausch miteinander entstanden ist.
Gitte Villesen entfaltet in ihrer für das Projekt entwickelten
Video- und Fotoinstallation ›deeply immersed in the contents of a learning stone‹ ein Narrativ des Überschreitens von Bewusstseinszuständen. Im Gespräch mit der Künstlerin Emma Haugh, entlang feministischer Sci-Fi-Literatur oder mit Materialien zu Katharina Detzel, Franz Kockartz und Oskar Voll aus der Heidelberger Sammlung Prinzhorn folgt die Arbeit in assoziativen Wiedererzählungen mehreren Denkmodellen, Geschlechterbildern und Machtdynamiken
an den Übergängen verschiedener Welten.
Ausgehend von Virginia Woolfs Roman ›Orlando‹ (1928)
beschäftigt sich die Installation ›time to sync or swim‹ von
Katrin Mayer und Eske Schlüters mit digitaler Identitätsund
Geschlechterkonstruktion, deren denkbar komplexeste
Vervielfältigungen derzeit in der sogenannten Otherkin-
Bewegung auf der Internetplattform Tumblr sichtbar sind.
Neben dem Identifizieren mit anderen Wesen, Tieren, aber auch Pflanzen oder Dingen gibt es eine große Ausdifferenzierung sexueller Orientierungen wie beispielsweise ›I identify as autistic pangender asexual demiromantic transasian cat otherkin‹.
Christine Lemke greift in ihrer Serie von Zeichnungen
›Formen der Selbstaneignung oder Elfen gehen sich wiegen‹, die Figur des Freaks als de / formierende Subjektgestalt auf. Sie montiert aus den gestraften Körpern von Max und Moritz und den animierten Verwandlungen von Ally McBeal ein Storyboard gleichermaßen idealisierter wie abjekter Körpervorstellungen. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen Normativität und Abweichung, welches mit Formen des Fehlerhaften und der Geste des Zitierens posiert. Martin Beck zeigt eine Auswahl visueller und textueller Internet-Posts aus dem Kontext von Otherkin, Memes und Fails, die digitalisierte Körperlichkeiten verhandeln – Ergebnis endloser Streifzüge durch Blogs und Plattformen wie Tumblr, 9gag, Imgur, 4chan. Begleitet wird die visuelle Präsentation von einem Essay, der Virtualisierungs- und Entkörperungsprozesse nachzeichnet.
Im Januar findet in der Ausstellung das zweitägige Symposium ›stumble bumble fail fall hurt‹ statt und bietet Anlass, sich mit sowohl eingeladenen als auch zufälligen Gästen auszutauschen. Die Veranstaltung kann in künstlerischen, akademischen wie improvisierten Darstellungen eine Geschichte der Pubertät genauso umfassen wie ein postanthropologisches Habitat oder die Modulationen von Körpern.

Der Titel der Ausstellung ist Ronald M. Schernikaus ›Kleinstadtnovelle‹ (1980) entnommen, der Titel des Symposiums Jack Halberstams ›Queer Art of Failure‹ (2011)

Martin Beck, Philosoph und Autor, arbeitet zu Ästhetik, Bildtheorie, Kunst- und Mathematikphilosophie und interessiert sich für Phänomene des Digitalen.
Joerg Franzbecker, Kurator, arbeitet derzeit zu fluiden Körpern und
infizierten Landschaften. Er ist Mitverleger der ›Berliner Hefte zu Geschichte und Gegenwart der Stadt‹. 2017 / 2018 wird er die künstlerische Leitung des M1 der Arthur-Boskamp-Stiftung in Hohenlockstedt übernehmen.
Christine Lemke arbeitet als Künstlerin und Autorin. Sie veröffentlicht Essays, Katalogbeiträge und Rezensionen. Ihre künstlerische Arbeit präsentiert sie in Ausstellungsbeteiligungen und Lesungen. Ihre Bild-Text-Kombinationen aus angeeignetem Material verfolgen einen bildkritischen Ansatz, indem sie soziokulturelle Narrative motivisch herausarbeiten, reflektieren und poetisch wenden.
Hanne Loreck ist Professorin für Kunst- und Kulturwissenschaften /
Gender Studies an der HFBK Hamburg. Sie arbeitet zudem als freie Autorin und Kunstkritikerin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Subjekttheorie, Fragen ästhetisch-politischen Handelns sowie Theorien des Bildes und der Wahrnehmung.
Katrin Mayers installative Arbeiten thematisieren Schnittstellen zwischen Kunst, Forschung, Architektur, Display und Dekor. Es geht ihr dabei um ein Verweben visueller Texturen und Oberflächen mit ortsspezifischen räumlichen und historischen Kontexten, häufig unter genderpolitischen Fragestellungen. Zu diesem Themenfeld promoviert sie an der HFBK Hamburg.
Die Beziehung von Erzählung, Bild und Imagination ist ein wiederkehrendes Element in den Videoinstallationen von Eske Schlüters. In der Auseinandersetzung mit gefundenem Material interessieren sie vor allem Phänomene des Sehens und des Wahrnehmens, Herstellungsprozesse von Bildern und Bildwerdungsprozesse von Geschehenem wie Gesehenem.
Gitte Villesens Video- und Fotoinstallationen bringen in vorbereiteten, aber erkennbar offenen Begegnungen und Gesprächen außergewöhnliche Momente hervor. Sie interessiert sich für das Wiedererzählen als ein Mittel, das Realitäten, Wahrheiten und kulturelle Rahmen herstellen und Vorstellungen von sozialer Normalität herausfordern kann.
a production e. V. ist die instituierende Form, mit der die gemeinsamen künstlerischen und kuratorischen Praxen verschiedener Akteur*innen eine Linie bilden.

www.aproduction.org.

 

 

 

Studio:
›Sammelstelle für Körperkontaktkunststoffe‹

David Polzin

Der Ausstellungstitel ›Sammelstelle für Körperkontaktkunststoffe‹ des Künstlers David Polzin steht für einen subjektiven Zugriff auf kleine alltägliche Gegenstände, die jedoch im globalen Warenkreislauf einen universellen Stellenwert besitzen. Polzin interessieren Objekte, die designt und produziert werden, um nach einmaligem Gebrauch weggeworfen zu werden und die sich trotz ihrer Einfachheit je nach Anbieter stark unterscheiden. Diese Dinge wie beispielsweise
Kaffeerührstäbchen, Kunststoffbesteck und Pizzaabstandhalter sammelt David Polzin seit Jahren
notorisch. Er richtet sein Augenmerk dabei auf scheinbar
nicht-gestaltetes, prestigeloses, armes Material – Kunststoffe, die in direkten Kontakt mit unseren Körpern kommen. Durch Auswahl und Präsentation erfahren die einfachen industriellen Massenprodukte einen neuen Status – sie werden zum ästhetischen Objekt. Die Vielgestaltigkeit dieser Wegwerfprodukte wird anhand eines vermeintlich unscheinbaren Kaffeerührstäbchens zur Schau gestellt.
Die Präsentation der Sammelstelle im Studio des Heidelberger Kunstvereins ist die erste umfassende Präsentation dieser Sammlung. Einen Querschnitt aus Polzins Enzyklopädie alltäglicher Gegenstände bilden fünf Objektgruppen, für die jeweils spezielle, aber simple Präsentationsformate entworfen werden, um den Transformationsprozess ins Ästhetische selbst mit zu benennen. Zudem wird in der Ausstellung David Polzins fingierte Sammlung ›Marken Zeichen Signete‹ gezeigt: In seinem gleichnamigen Buch stellt der 1982 geborene Künstler Markenzeichen und Logos aus einer fiktiven Nachwendezeit zusammen, die er ausgehend von einer ›grafischen Grammatik‹ der DDR der 70er-Jahre und einer hypothetischen Gleichberechtigung von alten und neuen Bundesländern weiterentwickelt hat.
Parallel zum Kunstverein eröffnet im Heidelberger Stuhlmuseum eine zweite Ausstellung des Künstlers mit den ›Sitzmöbeln aus der Postimperialen Phase Deutschlands‹. Diese postimperiale Phase ist eine imaginäre Epoche, mit der Polzin die Vereinnahmung der ehemaligen DDR durch die Kultur und Konsumindustrie des Westens zur Zeit der sogenannten Wende beschreibt. Die Sitzmöbel sind vom Künstler modifizierte Fundstücke, Stühle und Hocker von Sperrmüll und Dachboden. Die Möbel sind häufig Komposite, wie z. B. der ›Monostuhl‹ – ein brauner Hocker aus der sozialistischen Zeit, über den ein Gartenstuhl aus weißem Kunststoff gestülpt ist. Gemeinsam bilden sie ein Ganzes, das nicht recht zusammenpassen will.

David Polzin (*1982, Hennigsdorf, DDR) studierte von 2003 bis 2008 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bei Prof. Eran Schaerf und Prof. Karin Sander sowie an der BEZALEL – Academy of Arts and Design in Jerusalem. 2009 war er Meisterschüler an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Seine Arbeiten wurden national und international ausgestellt. Letzte Einzelausstellungen waren ›Möbel und Objekte aus der Postimperialen Phase
Deutschlands‹ (Galerie Anselm Dreher, Berlin), ›Obst und Gemüse‹ (MMK Zollamt, Frankfurt) und ›Cassette‹ (Galerie Waldburger, Brüssel). 2010 / 2011 war Polzin Stipendiat der Jürgen Ponto-Stiftung. 2015 / 2016 erhielt er das Kulturaustauschstipendium des Landes Berlin. Daran gekoppelt ist eine Gastprofessur am Art Center College of Design Pasadena in Los Angeles. Im Jahr 2015 erschien bei AKV Berlin seine Publikation ›Marken Zeichen Signete aus der Postimperialen Phase Deutschlands‹.

 

 

 

CAfeteria:
›Jahresgaben 2016 ‹

Silvia Bächli, Viktoria Binschtok, Uli Fischer, Rodrigo Hernández, Christine Lemke, David Polzin, Andrea Tippel, Susan Turcot

Für das Jahr 2016 bietet der Heidelberger Kunstverein acht Jahresgaben an, darunter eine Fotoarbeit, Malerei, ein textiles Bild-Objekt-, Druckgrafik, Zeichnungen und ein Möbel-Objekt. Alle Künstler waren im Jahr 2016 mit Ausstellungen im HDKV vertreten. Ihre Jahresgaben spiegeln das produktive Verhältnis zwischen Künstler und Kunstverein wider. Wir freuen uns, Ihnen diese Jahresgaben in der Cafeteria des Kunstvereins präsentieren zu dürfen. Mit Ihrem Kauf erwerben Sie nicht nur Unikate oder Editionen in kleinen Auflagen, sondern unterstützen auch zu gleichen Teilen die Künstler und den Kunstverein. Mitglieder des HDKV erhalten die Jahresgaben zum Vorzugspreis.

 

 

 


Christine Lemke: aus ›Formen der Selbstaneignung
oder Elfen gehen sich wiegen‹, 2016

 

 


Katrin Mayer und Eske Schlüters: ›time to sync or swim‹
(Installationsansicht), 2016, Foto: Heiko Karn

 

 


Gitte Villesen, aus ›deeply immersed in the contents of a learning stone‹, 2016

 

 

 


Katrin Mayer und Eske Schlüters, ›time to sync or swim‹
(Installationsansicht), 2016, Foto: Heiko Karn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


David Polzin: ›natürliche Sammelstellen‹ (Detail), 2016

 


David Polzin, ›Klumpstuhl‹, 2015

 

 

 

 


Jahresgabe:
David Polzin, ›Bananentisch (ein Klassiker der 90er)‹, 2016

 

Heidelberger Kunstverein
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