Hauptstraße 97
69117 Heidelberg

Di, Mi, Fr 12 – 19 Uhr
Do 15 – 22 Uhr, Sa – So 11 – 19 Uhr

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Fax 06221 – 164162

www.hdkv.de
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Aktuell

18.3.2017 – 28.5.2017
H
›Die Idee der freien Flusszone‹
Galerie für Landschaftskunst (GFLK) mit Ravi Agarwal, Navjot Altaf, Bob Braine, David Brooks, Clegg & Guttmann, Stephan Dillemuth, Mark Dion, Magdalena Graf, Tue Greenfort, Klara Hobza, Florian Hüttner, Till Krause, Katja Lell, Jochen Lempert, Christina Möller & Friederike Richter, Matthias Moser, Nils Norman, Nana Petzet, Jörg Andromeda v. Prondzinski, Hille von Seggern & Timm Ohrt / Alltag – Forschung – Kunst und Luca Vitone

Die Ausstellung ›Die Idee der freien Flusszone‹ stellt fortlaufende Kunst- und Forschungsvorhaben der GFLK Galerie für Landschaftskunst an den Flüssen Elbe, Emscher und Yamuna sowie erste Näherungen an den Neckar vor.

›Die GFLK Galerie für Landschaftskunst ist ein freier Künstler-Projektraum für künstlerische und interdisziplinäre Arbeit an Vorstellungen von Natur, Landschaft und Stadt.‹ *

Die Galerie für Landschaftskunst, kurz GFLK, beschreibt den Zusammenschluss von Künstler*innen, die mit Expert*innen aus anderen Wissensgebieten und interessierten Anwohner*innen an ausgewählten Projekten im Außenraum arbeiten. Dabei geht es weniger um die Errichtung von künstlerischen Werken, vielmehr steht die Erforschung von Natur- und Landschaftsräumen im Vordergrund. Ziel ist es zunächst, tradierte, fast selbstverständlich gewordene Nutzungen in Frage zu stellen, um neue Perspektiven für jeweils konkrete Areale zu entwickeln.

›Landschaft ist Zwecken untergeordneter Raum – so könnte man vielleicht sagen. Es sind weniger die individuellen Formungs- und Planungsabsichten, sondern kollektive, weitgehend der Ökonomie verpflichtete und nahezu allgegenwärtig durchgesetzte Zwecksetzungen, die Landschaft ihre Gestalt verleihen. An solche gestaltgebende Zwecksetzungen versuchen wir mit der Tätigkeit unseres Künstlerprojektraums Galerie für Landschaftskunst heranzukommen. Insofern geht es in vielen unserer Vorhaben weniger um die Entwicklung physischer Formen – denn wie vermögen sie auch solch allgewaltigen Landschaftselementen wie einer Autobahn oder einer Schifffahrtsstraße zu antworten?! –, sondern um Versuche, die Vorstellungen von dem, was Landschaft ist und sein könnte, zum Gegenstand der Modellierung zu machen.‹ **

Die Ausstellung ›Die Idee der freien Flusszone‹ stellt eine ebensolche Modellierung von Vorstellungen durch die Infragestellung des Umgangs mit Flüssen in städtischen Ballungsräumen dar. Die in den letzten fünf Jahren entstandenen Projekte der GFLK an Elbe und Emscher stehen dabei im Mittelpunkt.

Das Projekt ›Freie Flusszone Süderelbe‹ wurde 2011 initiiert, war 2013 Teil der Internationalen Gartenschau und widmet sich als ›Kunst- und Forschungsvorhaben zur Neubestimmung eines Landschaftsraumes‹ einem der beiden kanalartig ausgebauten Elbarme bei Wilhelmsburg.

›Wäre es angesichts dieser Doppelung möglich, einen Teil des einen Arms aus der ökonomischen Nutzung zu lösen? Was würde dann hier geschehen und welch ein neuartiger Stadt- und Landschaftsraum könnte sich entwickeln? Der etwa sieben Kilometer lange Abschnitt der Süderelbe zwischen Elbbrücken und Bunthäuser Spitze wird zur Freien Flusszone erklärt.‹ **

Wenngleich politisch nicht durchsetzbar, erzeugt die ›hypothetische Schließung der Süderelbe für die Binnenschifffahrt‹ einen gedanklichen Freiraum, der von den Beteiligten genutzt wird, um je eigene Szenarien zu entwickeln. Jörg Andromeda v. Prondzinskis künstlerische Datenerhebungen zum Eindringen ›fremder‹ Fahrzeuge, Währungen und invasiver Pflanzen stellt Bewertungen von Fremdheit in Frage. Bob Braine entwirft Schilder zur Regelung der Verkehrswege der Aale. Katja Lell löst die Grenzen des Projektgebietes durch malerische Eingriffe auf. Clegg & Guttmann erweitern einen ehemaligen Uferpfad zum Tide-Erlebnisweg. Nana Petzet versetzt ein Krokodil an den Elbestrand, wohin Hille v. Seggern und Timm Ohrt Chefplaner*innen zu intimen Spaziergängen entführen. Mark Dions Darstellungen der Flora und Fauna auf traditionellen blauen Küchenkacheln sollen einmal sein ›Hexagon der Flussbarrieren‹ schmücken. Tue Greenfort dagegen sucht in alten Science Fiction Filmen Vorlagen neuer Tierarten. Alle diese Aktionen finden ihre Form in Plakaten und Billboards, die sich in Hamburgs Straßenbild schmuggeln und so

›[…] der Öffentlichkeit einen Floh ins Ohr setzen […], die Idee der Freien Flusszone Süderelbe dort publik machen, wo über Landschaft entschieden wird.‹ *

Das ›Land für 5 finale Handlungen‹ entstand auf Einladung der ›Emscherkunst 2013‹. Die übergeordnete Emschergenossenschaft betreibt eine schrittweise Renaturierung des künstlich angelegten Kloakenflusses. Künstlerische Beiträge sollen die Umgestaltung des Ruhrgebiets unterstützen und öffentliche Wahrnehmung steigern. Die GFLK reklamierte ein Gebiet von ca. 50 m Durchmesser am Ufer ›für immer und alle Zeiten‹ und versucht es so von den anstehenden Planungen auszunehmen. Hier spielten jedoch weder ökologische noch ökonomische Zweckbestimmungen die entscheidende Rolle, sondern die Inanspruchnahme von

›[…] Kunst zur Ausstattung einer Freizeitlandschaft […] Wenn in den nächsten Jahren die umfangreichen Umbauprozesse starten, werden wir sehen, ob unser Land überhaupt weiterexistieren darf. […] Ich möchte diesen ungeheuren Vorgängen im Ruhrgebiet etwas Nachdenkliches und Beobachtendes hinzufügen.‹ **

Magdalena Graf verzeichnete im 12 m langen ›Portrait des Landes für 5 finale Handlungen‹ von der ehemaligen Bahnbrücke alle Veränderungen und Aktionen. Darunter Stephan Dillemuths ›Große Emscher-Teufelsaustreibung‹, die sich der übermächtigen Altlast von Bodengiften mit den Mitteln der Beschwörung zu entledigen versucht. Neben den sog. finalen Handlungen wurden auch Beobachtungen alltäglicher Nutzungen aufgenommen. Umgekehrt wurde das ›Großporträt‹ zur Zielscheibe von Kommentaren und Graffitis.

Für die Ausstellung ›Die Idee der freien Flusszone‹ wandern Arbeiten aus dem öffentlichen Raum in die Ausstellungshalle. Andere Arbeiten entstehen neu. Sie alle tragen mit den Aktionen der Akteur*innen in Heidelberg zur Weiterentwicklung der ›Idee der freien Flusszone‹ bei und treten in einen Dialog mit lokalen Aktivitäten rund um den Neckar.

* Selbstbeschreibung der Galerie für Landschaftskunst
** Till Krause, 2013

18.3.2017 – 28.5.2017
L
›Leseraum analog & digital‹
Archiv des HDKV und Buchtips

Leseraum analog im Lichthof

Der Heidelberger Kunstverein verfügt über eine umfangreiche Bibliothek, die nicht frei zugänglich ist. Bisher im Archiv untergebracht, möchten wir diesen Wissensschatz im Verlauf des Jahres aktivieren und mit Ihnen teilen.
Im Lichthof des Kunstvereins ist eine kleine Bibliothek mit Katalogen und Fachbüchern eingerichtet, die das Thema Landschaft und verschiedene künstlerische Positionen reflektiert. Hier können Sie in Ruhe stöbern, querlesen, Neues und Vergessenes entdecken.

Die mitwirkenden Künstler*innen und Expert*innen, die Kuratorinnen, unser Vorstand und Beirat, aber auch Mitglieder und Freund*innen des Vereins haben Buchtipps abgegeben. Auch während der Ausstellungslaufzeit ist es möglich, weitere eigene Buchempfehlungen beizusteuern, damit unsere Bibliothek weiter wächst.

Leseraum digital hier auf unserer website

Wann immer Sie wollen können Sie hier bequem auf Informationen rund um die Ausstellung und benachbarte Themengebiete zugreifen.

Leseraum digital / Wissen

18.3.2017 – 28.5.2017
S
›Filmraum‹
Programm ausgewählt von Katja Lell / VETO Film, Marie-Hélène Gutberlet, Florian Hüttner u. a.

Vorstellungen von Stadt-Landschaften sind häufig von filmischen Erfahrungen geprägt.

Das gilt gleichermaßen für Western und Eastern à la Karl May wie für die Straßen von San Francisco oder Visionen von zukünftigen Lebensräumen im Science Fiction. Auch das sogenannte Dokumentarische unterliegt bestimmten Konventionen. Gerade diese dokumetraischen Formen wurden in den letzten Jahren verstärkt von Künstler*innen befragt und genutzt.

In wechselnden Programmen, moderierten Schauen oder Installationen stellen wir im Filmraum ausgewählte Filme, Videos und Bewegtbildschauen vor. Sie entstanden im Zusammenhang mit Arbeiten der GFLK oder stellen für die Künstler*innen und Kurator*innen wichtige Referenzen bei der Auseinandersetzung mit den Themen Stadt / Fluss / Land -schaft, Mapping, Ökonomien und Post-Kolonialismus dar.

Gespräche und Filmschauen:

Do., 6.4. Katja Lell / VETO Film über kollektive Autorschaft und Kollaborationen: ›Material Beton‹ (2013), ›Grund und Boden‹ (2015)

Sa., 29.4. Gespräch mit Raphaël Grisey und Marie-Hélène Gutberlet zu ›Cooperative‹ (2008, 72 min) von Raphaël Grisey

Archiv

3.12.2016 – 26.2.2017
H
›fühle meinen körper sich von meinem körper entfernen‹
a production e. V.: Martin Beck, Joerg Franzbecker, Christine Lemke, Hanne Loreck, Katrin Mayer, Eske Schlüters & Gitte Villesen

Die Ausstellung ›fühle meinen körper sich von meinem körper entfernen‹ und das Symposium ›stumble bumble fail fall hurt‹ nehmen ihren Ausgangspunkt in der Beschäftigung mit dem Pubertären und gegenwärtigen Krisen von Verkörperung.1 Pubertät ist ein Zustand doppelter Disharmonie: Der Körper produziert Begehren und materielle Überschüsse (bspw. neue Körperflüssigkeiten), die noch nicht durch stabile kulturelle Normen (Partnerschaft etc.) eingeordnet sind. Umgekehrt sind Psyche und Verstand noch nicht in der Lage oder willens, den Körper zu ›vernünftigen‹ oder ›erwachsenen‹ Handlungsweisen zu disziplinieren.

Indem Identitäten von Körpern abgekoppelt werden, Körperliches virtualisiert oder Materielles freigesetzt wird, entstehen Spielfelder, die von Mainstream- und Popkulturen ebenso wie von deren kritischen Alternativmodellen besetzt werden. Mit der Ausstellung und dem Symposium im Heidelberger Kunstverein entsteht ein Gefüge, das Transformationen zwischen verschiedenen Geistes- und Körperzuständen, Aneignungen des Devianten und Formationen materialisierter Gewaltstrukturen in Beziehung und Bewegung setzt. Wir reisen mit Orlando, verformen uns mit Ally McBeal, lassen uns im Kemmer gendern und entziehen uns Euren Körperzuschreibungen.

Mit der Ausstellung ›fühle meinen körper sich von meinem körper entfernen‹ werden vier Beiträge gezeigt, deren räumliches Ineinandergehen im Austausch miteinander entstanden ist.

Gitte Villesen entfaltet in ihrer für das Projekt entwickelten Video- und Fotoinstallation ›deeply immersed in the contents of a learning stone‹ ein Narrativ des Überschreitens von Bewusstseinszuständen. Im Gespräch mit der Künstlerin Emma Haugh, entlang feministischer Sci-Fi-Literatur oder mit Materialien zu Katharina Detzel, Franz Kockartz und Oskar Voll aus der Heidelberger Sammlung Prinzhorn folgt die Arbeit in assoziativen Wiedererzählungen mehreren Denkmodellen, Geschlechterbildern und Machtdynamiken an den Übergängen verschiedener Welten.

Ausgehend von Virginia Woolfs Roman ›Orlando‹ (1928) beschäftigt sich die Installation ›time to sync or swim‹ von Katrin Mayer und Eske Schlüters mit digitaler Identitätsund Geschlechterkonstruktion, deren denkbar komplexeste Vervielfältigungen derzeit in der sogenannten Otherkin-Bewegung auf der Internetplattform Tumblr sichtbar sind.Neben dem Identifizieren mit anderen Wesen, Tieren, aber auch Pflanzen oder Dingen gibt es eine große Ausdifferenzierung sexueller Orientierungen wie beispielsweise ›I identify as autistic pangender asexual demiromantic transasian cat otherkin‹.

Christine Lemke greift in ihrer Serie von Zeichnungen ›Formen der Selbstaneignung oder Elfen gehen sich wiegen‹, die Figur des Freaks als de / formierende Subjektgestalt auf. Sie montiert aus den gestraften Körpern von Max und Moritz und den animierten Verwandlungen von Ally McBeal ein Storyboard gleichermaßen idealisierter wie abjekter Körpervorstellungen. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen Normativität und Abweichung, welches mit Formen des Fehlerhaften und der Geste des Zitierens posiert.

Martin Beck zeigt eine Auswahl visueller und textueller Internet-Posts aus dem Kontext von Otherkin, Memes und Fails, die digitalisierte Körperlichkeiten verhandeln – Ergebnis endloser Streifzüge durch Blogs und Plattformen wie Tumblr, 9gag, Imgur, 4chan. Begleitet wird die visuelle Präsentation von einem Essay, der Virtualisierungs- und Entkörperungsprozesse nachzeichnet.

 

Im Januar 2017 fand in der Ausstellung das zweitägige Symposium ›stumble bumble fail fall hurt‹ statt und bot Anlass, sich mit sowohl eingeladenen als auch zufälligen Gästen auszutauschen. Die Veranstaltung konnte in künstlerischen, akademischen wie improvisierten Darstellungen eine Geschichte der Pubertät genauso umfassen wie ein postanthropologisches Habitat oder die Modulationen von Körpern.

Der Titel der Ausstellung ist Ronald M. Schernikaus ›Kleinstadtnovelle‹ (1980) entnommen, der Titel des Symposiums Jack Halberstams ›Queer Art of Failure‹ (2011).

Martin Beck, Philosoph und Autor, arbeitet zu Ästhetik, Bildtheorie, Kunst- und Mathematikphilosophie und interessiert sich für Phänomene des Digitalen.
Joerg Franzbecker, Kurator, arbeitet derzeit zu fluiden Körpern und infizierten Landschaften. Er ist Mitverleger der ›Berliner Hefte zu Geschichte und Gegenwart der Stadt‹. 2017 / 2018 wird er die künstlerische Leitung des M1 der Arthur-Boskamp-Stiftung in Hohenlockstedt übernehmen.

Christine Lemke arbeitet als Künstlerin und Autorin. Sie veröffentlicht Essays, Katalogbeiträge und Rezensionen. Ihre künstlerische Arbeit präsentiert sie in Ausstellungsbeteiligungen und Lesungen. Ihre Bild-Text-Kombinationen aus angeeignetem Material verfolgen einen bildkritischen Ansatz, indem sie soziokulturelle Narrative motivisch herausarbeiten, reflektieren und poetisch wenden.

Hanne Loreck ist Professorin für Kunst- und Kulturwissenschaften / Gender Studies an der HFBK Hamburg. Sie arbeitet zudem als freie Autorin und Kunstkritikerin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Subjekttheorie, Fragen ästhetisch-politischen Handelns sowie Theorien des Bildes und der Wahrnehmung.

Katrin Mayers installative Arbeiten thematisieren Schnittstellen zwischen Kunst, Forschung, Architektur, Display und Dekor. Es geht ihr dabei um ein Verweben visueller Texturen und Oberflächen mit ortsspezifischen räumlichen und historischen Kontexten, häufig unter genderpolitischen Fragestellungen. Zu diesem Themenfeld promoviert sie an der HFBK Hamburg.

Die Beziehung von Erzählung, Bild und Imagination ist ein wiederkehrendes Element in den Videoinstallationen von Eske Schlüters. In der Auseinandersetzung mit gefundenem Material interessieren sie vor allem Phänomene des Sehens und des Wahrnehmens, Herstellungsprozesse von Bildern und Bildwerdungsprozesse von Geschehenem wie Gesehenem.

Gitte Villesens Video- und Fotoinstallationen bringen in vorbereiteten, aber erkennbar offenen Begegnungen und Gesprächen außergewöhnliche Momente hervor. Sie interessiert sich für das Wiedererzählen als ein Mittel, das Realitäten, Wahrheiten und kulturelle Rahmen herstellen und Vorstellungen von sozialer Normalität herausfordern kann.

a production e. V. ist die instituierende Form, mit der die gemeinsamen künstlerischen und kuratorischen Praxen verschiedener Akteur*innen eine Linie bilden.

www.aproduction.org.

3.12.2016 – 26.2.2017
S
›Sammelstelle für Körperkontaktkunststoffe‹
David Polzin

Der Ausstellungstitel ›Sammelstelle für Körperkontaktkunststoffe‹ des Künstlers David Polzin steht für einen subjektiven Zugriff auf kleine alltägliche Gegenstände, die jedoch im globalen Warenkreislauf einen universellen Stellenwert besitzen. Polzin interessieren Objekte, die designt und produziert werden, um nach einmaligem Gebrauch weggeworfen zu werden und die sich trotz ihrer Einfachheit je nach Anbieter stark unterscheiden. Diese Dinge wie beispielsweise Kaffeerührstäbchen, Kunststoffbesteck und Pizzaabstandhalter sammelt David Polzin seit Jahren notorisch. Er richtet sein Augenmerk dabei auf scheinbar nicht-gestaltetes, prestigeloses, armes Material – Kunststoffe, die in direkten Kontakt mit unseren Körpern kommen. Durch Auswahl und Präsentation erfahren die einfachen industriellen Massenprodukte einen neuen Status – sie werden zum ästhetischen Objekt. Die Vielgestaltigkeit dieser Wegwerfprodukte wird anhand eines vermeintlich unscheinbaren Kaffeerührstäbchens zur Schau gestellt.

Die Präsentation der Sammelstelle im Studio des Heidelberger Kunstvereins ist die erste umfassende Präsentation dieser Sammlung. Einen Querschnitt aus Polzins Enzyklopädie alltäglicher Gegenstände bilden fünf Objektgruppen, für die jeweils spezielle, aber simple Präsentationsformate entworfen werden, um den Transformationsprozess ins Ästhetische selbst mit zu benennen. Zudem wird in der Ausstellung David Polzins fingierte Sammlung ›Marken Zeichen Signete‹ gezeigt: In seinem gleichnamigen Buch stellt der 1982 geborene Künstler Markenzeichen und Logos aus einer fiktiven Nachwendezeit zusammen, die er ausgehend von einer ›grafischen Grammatik‹ der DDR der 70er-Jahre und einer hypothetischen Gleichberechtigung von alten und neuen Bundesländern weiterentwickelt hat.
Parallel zum Kunstverein eröffnet im Heidelberger Stuhlmuseum eine zweite Ausstellung des Künstlers mit den ›Sitzmöbeln aus der Postimperialen Phase Deutschlands‹. Diese postimperiale Phase ist eine imaginäre Epoche, mit der Polzin die Vereinnahmung der ehemaligen DDR durch die Kultur und Konsumindustrie des Westens zur Zeit der sogenannten Wende beschreibt. Die Sitzmöbel sind vom Künstler modifizierte Fundstücke, Stühle und Hocker von Sperrmüll und Dachboden. Die Möbel sind häufig Komposite, wie z. B. der ›Monostuhl‹ – ein brauner Hocker aus der sozialistischen Zeit, über den ein Gartenstuhl aus weißem Kunststoff gestülpt ist. Gemeinsam bilden sie ein Ganzes, das nicht recht zusammenpassen will.

David Polzin (*1982, Hennigsdorf, DDR) studierte von 2003 bis 2008 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bei Prof. Eran Schaerf und Prof. Karin Sander sowie an der BEZALEL – Academy of Arts and Design in Jerusalem. 2009 war er Meisterschüler an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Seine Arbeiten wurden national und international ausgestellt. Letzte Einzelausstellungen waren ›Möbel und Objekte aus der Postimperialen Phase Deutschlands‹ (Galerie Anselm Dreher, Berlin), ›Obst und Gemüse‹ (MMK Zollamt, Frankfurt) und ›Cassette‹ (Galerie Waldburger, Brüssel). 2010 / 2011 war Polzin Stipendiat der Jürgen Ponto-Stiftung. 2015 / 2016 erhielt er das Kulturaustauschstipendium des Landes Berlin. Daran gekoppelt ist eine Gastprofessur am Art Center College of Design Pasadena in Los Angeles. Im Jahr 2015 erschien bei AKV Berlin seine Publikation ›Marken Zeichen Signete aus der Postimperialen Phase Deutschlands‹.

17.9.2016 – 20.11.2016
H
›Das Lineal der Gerechtigkeit‹
Silvia Bächli, Geta Brătescu, Andrea Tippel

Die Gruppenausstellung ›Das Lineal der Gerechtigkeit‹ fragt ausgehend von den vielfältigen Werkkomplexen der drei Künstlerinnen Silvia Bächli (* 1956 in Baden, Schweiz), Geta Brătescu (*1926 in Ploiesti, Rumänien) und Andrea Tippel (*1945 in Hirsau / Schwarzwald; †2012) danach, wie sich spezifische Lebensumstände in künstlerische Arbeitsprozesse einschreiben. Im Fokus stehen dabei das Zeichnen sowie diagrammatische Aufzeichnungsverfahren als Aneignung von unterschiedlich soziopolitisch geprägter Lebenswelt und ihrer Wahrnehmung. Jeder Strich entspricht einer Haltung und steht im Bezug zum eigenen Körper. Zugleich dient den drei Künstlerinnen die Zeichnung als Ausgangspunkt für den Transfer in andere Medien wie Collage, Buch, Skulptur, Fotografie, Film und Performance.

Das Zeichnen war für Andrea Tippel ein hermeneutischer Prozess, eine Welt-Aneignung und der Versuch, in ihm die Zeit festzuhalten. Der Titel der Ausstellung ›Das Lineal der Gerechtigkeit‹ ist zugleich Titelteil einer Arbeit der Künstlerin und verweist auf das Medium der Zeichnung sowie vielfältige Weisen der Abstrahierung. Mit einem Lineal wird eine Linie gezogen, die trennt, verbindet oder hervorhebt. Lege ich das Lineal an oder wird es von anderen geführt und ist die Linie stets grade oder auch unscharf, wellenförmig? Die phantasmatische Vorstellung, dass es einen Gegenstand gibt, mit dem man Gerechtigkeit walten lassen kann, wird von Andrea Tippel in humoristischer Weise gewendet. In ihren Arbeiten vereinen sich Diagramme mit philosophischen Aussagen, werden kryptisch, durchzogen von einer spürbaren Unruhe. Eine Befragung der Zeitlichkeit und ein Beharren auf dieser − sowohl theoretisch als auch praktisch – kehren in ihren Arbeiten immer wieder.

Für Silvia Bächli sind ›gute Zeichnungen größer als das Papierformat. Zeichnen ist Raum schaffen, mit den und gegen die Ränder des Papiers arbeiten‹. In ihrer künstlerischen Praxis gibt es zwei Zeiten: die Zeit des Malens und Zeichnens sowie die Zeit des Auswählens, des Neu-Sortierens und des Zusammenstellens. Welches Blatt wird wohin bewegt, welche Technik wird ihm zuteil? Woraus entwickeln sich Form und Struktur? Neben einer großformatigen Wandarbeit zeigt Bächli kleinformatige Zeichnungen auf sieben Tischvitrinen. In diesen thematischen Gruppierungen tellt die Künstlerin Verbindungen zwischen einzelnen Blättern her, deren Entstehung oft Jahre auseinander liegen. In dieser beständigen Sichtung und Neuordnung der eigenen Arbeit findet auch eine Wiederaneignung des eigenen Werkes statt.

Unter dem kommunistischen Regime ihrer Heimat Rumänien arbeitete Geta Brătescu bis 1989 unabhängig von internationalen Tendenzen in ihrem Atelier in Bukarest. Ohne breites Publikum, aber im Dialog mit anderen südosteuropäischen Avantgardekünstlern entwickelte sie eine vielseitige künstlerische Praxis, in der sich das Zeichnerische und das Performative auf Papier, in textilen Objekten oder im Video verbinden. Häufig sind Arbeiten seriell konzipiert und deklinieren bestimmte Gesten und Formen in leichten Variationen durch. In den ›Drawings with your eyes closed‹ zeichnete Brătescu blind, als ihr der eigene Strich zu sicher und perfekt erschien. Diese Verunsicherung der Linie ist gleichzeitig ein Sichtbarmachen des Unbewussten und seiner Prägungen durch die soziopolitischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts. In der Ausstellung werden grafische Werke der letzten fünf Jahre sowie zwei Video-Arbeiten gezeigt.

17.9.2016 – 20.11.2016
S
›I Am Nothing‹
Rodrigo Hernández

Der Protagonist in Patrick Modianos ›Die Gasse der dunklen Läden‹ ( Rue des Boutiques Obscures, 1978) befürchtet, ein Strandmensch zu sein: ein Mensch, dessen Spur sich verliert wie ›der Sand die Spuren unserer Füße nur wenige Sekunden bewahrt‹. Der Roman erzählt die Geschichte des Detektivs Guy Roland, der sich seiner abhanden gekommenen Vergangenheit wieder zu vergewissern versucht. Reale und imaginierte Erinnerungen vermengen sich zusehends, während der Suchende in die eigene Geschichte eintaucht. Doch eine befriedigende Aufklärung der Identitätssuche bleibt sowohl Roland als auch dem Leser letztendlich versagt.
Modiano zeichnet das Bild eines Menschen ohne Eigenschaften, eine weiße Leinwand, die der Protagonist selbst zu füllen versucht. ›Ich bin nichts‹ sind die ersten Worte, mit denen er seine Aufzeichnungen beginnen lässt. Der mexikanische Künstler Rodrigo Hernández spürt diesem Motiv in seiner Einzelausstellung ›I Am Nothing‹ im Studio des Heidelberger Kunstvereins nach. Die aus Papiermaché gefertigte Skulptur ›Figure 1‹ (2013) nimmt dabei die Hauptrolle ein: Eine Person ohne Füße hat ihre leeren Hände nach vorne geöffnet. Ihr unsicherer Stand deutet die Schwierigkeiten von Verortung an, die Geste der Hände verstärkt den fragilen Eindruck. Angelehnt an Modianos Detektiv und die Sprache von Giorgio de Chiricos Metaphysischer Malerei stellt die Figur einen ›unbeschriebenen‹ Körper dar, dessen Aussehen keinen Aufschluss über Alter oder Herkunft zulässt. Erscheint uns diese Gestalt einerseits stumm, spricht sie doch eine universelle Sprache. Woher kommt ›Figure 1‹? Was verrät uns ihre Körpersprache ? Welche Identität besitzt sie ? Rodrigo Hernández sucht nach Spuren, die diese Figur beschreiben und entwickelt eine Erzählung um sie herum: Ein Mann zieht in eine neue Stadt. Sein Besitz jedoch trudelt nur Stück für Stück ein. Als schließlich alles angekommen ist, scheint es ihm unmöglich, sein Hab und Gut noch wieder zu erkennen.
Die Erzählung öffnet sich zu einem Dialog mit Bildern und Objekten, die sich ebenfalls einer zeitlosen Formensprache bedienen und sich teilweise an Dokumente und Artefakte aus der ersten sowjetischen Weltraummission anlehnen. So schafft Rodrigo Hernández einen Raum, der sich zu einem poetischen Narrativ verdichtet. Für den Heidelberger Kunstverein entwickelt er ein komplexes Szenario, das unsere Suche nach Beziehung, nach Identität und Verortung widerspiegelt und sich durch das Hinzukommen weiterer Arbeiten im Laufe der Ausstellungsdauer immer stärker verzweigt.

Rodrigo Hernández (*1983 in México City) studierte Bildende Kunst an der Escuela Nacional de Pintura, Escultura y Grabado ›La Esmeralda‹ in México City und an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Prof. Silvia Bächli (2010 – 2012). Ein Stipendium führte ihn 2013 / 2014 an die Jan Van Eyck Academie in Maastricht und jüngst an das New York Studio Grant. Weitere Auszeichnungen erfolgten durch die Laurenz-Haus-Stiftung in Basel, die Kunststiftung Baden-Württemberg und den Kulturfonds der Landeshauptstadt Salzburg. Noch bis Ende Oktober 2016 ist Hernández als Stipendiat der Akademie Schloss Solitude Stuttgart und des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg an der Cité Internationale des Arts in Paris. Mit diesem Auslandsstipendium ist auch die Einzelausstellung ›I Am Nothing‹ im Heidelberger Kunstverein verbunden.

18.6.2016 – 28.8.2016
H
›with / againt the flow. Zeitgenössische fotografische Interventionen‹
Viktoria Binschtok, Michael Schäfer

 

Welches Potenzial birgt unser sich permanent verändernder Umgang mit Fotografie? Welche Möglichkeiten bringen die neuen Formate der visuellen Kommunikation mit sich? Wie lassen sich dokumentarische Arbeitsweisen mit Eingriffen ins Bild verbinden? Oder ganz allgemein: Was zeichnet die zeitgenössische künstlerische Fotografie aus?
Dies sind die zentralen Fragen der neuen Ausstellungsreihe ›with / against the flow. Zeitgenössische fotografische Interventionen‹, die vom ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) initiiert wurde. Zum Auftakt der Reihe sind vom 17. Juni bis 28. August in einer Doppelausstellung Arbeiten von Viktoria Binschtok und Michael Schäfer im Heidelberger Kunstverein zu sehen. Ende 2016 geht die Ausstellung auf eine mehrjährige Welttournee, die im Georgian National Museum, Tiflis, startet.
Viktoria Binschtok und Michael Schäfer lösen Medienbilder aus ihren Kontexten, kombinieren sie mit eigenen Fotografien und reflektieren so deren Funktionsweisen sowie in den Bildern angelegte Rezeptionsstrukturen. Gleichzeitig blicken sie auf die sich anbahnende Autonomie von Bildern in einer zukünftigen Herrschaft digitaler Algorithmen. Mit dieser Arbeitsweise stehen Binschtok und Schäfer in der Tradition des künstlerischen Interesses an den Massenmedien der 1970er-Jahre und repräsentieren eine jüngere Generation von Künstlern, die das Fotografische und Dokumentarische neu befragen.
In ihren Arbeiten verbindet Viktoria Binschtok die reale Welt der Straße mit den Kanälen des digitalen Dorfes. Sie führt uns vor Augen, wie sehr mediale Bilder nicht mehr nur unsere Welt abbilden als vielmehr eine eigene erschaffen. Immer wieder findet die Fotografin Konstellationen von Bild und Wirklichkeit, die Einblicke in die Paradoxien und Verwerfungen neuer Bild-Ordnungen geben, die vermehrt mathematischen und ökonomischen Prinzipien folgen. Das Zufällige dieser Bildformate macht sich die Künstlerin zu Nutze, um deren Potenzial spielerisch herauszufordern.
Michael Schäfer analysiert in seinen Arbeiten Nachrichten- und Unterhaltungsbilder aus den klassischen Printmedien ebenso wie Amateurvideos auf Youtube. Der Blick des Künstlers reibt sich an der Überdeterminierung von Medienbildern, ihrem Überschuss an Bedeutung, die den Betrachtern eine historisch politische Konstellation als fertige Interpretation förmlich vorsetzt. Aus solchen gefundenen Bildern entfernt Michael Schäfer u. a. die Gesichter der eigentlichen Protagonisten und ersetzt diese durch eigene Aufnahmen von Schauspielern. Dabei treffen Druckpunkte oder Pixel auf die hyperscharfen Bildfragmente des Künstlers. Dieser dekonstruierende Umgang mit Fotografie ist eine Form der künstlerischen Aneignung und Einverleibung von Bildern.

Viktoria Binschtok (* 1972, Moskau) lebt in Berlin. Sie hat künstlerische Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig studiert. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen national und international präsentiert, u. a. bei C / O Berlin, im Kunstverein Göttingen, Centre Pompidou Metz, Kunsthalle im Lipsiusbau Dresden, Arts Santa Mònica Barcelona, Frankfurter Kunstverein, Les Rencontres d’Arles.

Michael Schäfer (*1964, Sigmaringen) lebt in Berlin. Er hat Fotodesign an der FH Dortmund sowie Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig studiert. Schäfers Arbeiten wurden u. a. im Kunstverein Konstanz, bei Zephyr in Mannheim und im Kunstverein Leipzig gezeigt. Darüber hinaus waren sie in zahlreichen Gruppenausstellungen zu sehen, bspw. im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, bei C / O Berlin, im Fotohof Salzburg und im Centre de la Photographie Genf.

Kuratiert wird ›with / against the flow‹ von Florian Ebner, Leiter der Fotografischen Sammlung im Museum Folkwang, Essen, und Christin Müller, freie Kuratorin und Autorin, Leipzig.

Eine Ausstellung des ifa (Institut für Auslandsbeziehungen)

18.6.2016 – 28.8.2016
S
›Sharing as Caring 5: Beyond Documentation‹
Leiko Ikemura, Tadasu Takamine, Susan Turcot

Seit der Katastrophe von Fukushima am 3. März 2011 werden Vermessungen im gigantischen Ausmaß vorgenommen, um sowohl die Einflüsse der Ereignisse auf die Gegenwart als auch Risikowahrscheinlichkeiten für die Zukunft kalkulieren zu können. Während Messwerte eine Realität aus einer bestimmten wissenschaftlichen Perspektive zeichnen, stellt ein poetischer Blick andere Sichtweisen auf Raum-Zeit-Konstellationen her. Denn poetische Vorstellungsweisen ermöglichen es uns, Dinge und Gegebenheiten in einer anderen Taktung oder Skala wahrzunehmen. Sie bieten an, uns von ihnen ebenso leiten zu lassen wie von hochentwickelten Technologien und deren spezifischen Maßeinheiten.
›Sharing as Caring 5: Beyond Documentation‹ zeigt eine Zusammenstellung von Arbeiten von Leiko Ikemura, Tadasu Takamine und Susan Turcot, die in ihrer künstlerischen Praxis die gegenwärtige Situation aus einer poetischen Perspektive beleuchten und uns so subtile Bildwelten der Geschehnisse in Fukushima und ihrer Auswirkungen jenseits des Dokumentarischen eröffnen.

Die japanische Künstlerin Leiko Ikemura präsentiert mit ›Genesis und Tokaido‹ (2014) großformatige Gemälde von imaginären Landschaften, die seit den verheerenden Ereignissen in Fukushima nach und nach in ihrer Vorstellung Gestalt annahmen. Als eine Art Widerhall der Bilder verkörpert die figurative Keramik ›Memento Mori‹ (2012) Stille, Leid, Schmerz und Abwesenheit. Ausgehend von seinen Recherchen in den japanischen Städten Mito, Kyoto und Shimonoseki bringt Tadasu Takamine mit seiner Performance ›Japan Syndrom‹ (2012) Gespräche zwischen unterschiedlichen Verkäufern und deren Kunden in einem Reenactment auf die Bühne. Im Stil einer minimalistischen Ästhetik spielen junge Schauspieler die Gespräche nach. Anhand von Gesten und Sprache wird in vielschichtiges Bild geformt, das die feinen Nuancen des alltäglichen Umgangs mit dem unsichtbaren Feind Radioaktivität erfahrbar werden lässt. Susan Turcot hat für die Ausstellung eine neue, ortsspezifische Arbeit entwickelt. Turcot, deren Arbeiten sich mit der Zerstörung der Natur durch den Menschen befassen, nimmt den ›Heilungsversuch‹ eines japanischen Mönchs zum Ausgangspunkt für ihre Skulptur ›Himawari‹ (2016). Durch das Pflanzen gigantischer Sonnenblumenfelder soll die radioaktive Kontamination des Bodens rund um Fukushima neutralisiert werden. In Auseinandersetzung mit der Architektur des Kunstvereins lässt Turcot eine abstrahierte Sonnenblume kopfüber von der Decke hängen. Den Widerspruch in der Idee eines Atomkraftwerkes als Modell der lebenserhaltenden Sonne und der gleichzeitigen menschengemachten Katastrophe nimmt die Künstlerin in ihrer Installation auf.
Das Vermögen des Poetischen ist politisch – und so widmet sich die Ausstellung ›Beyond Documentation‹ der Herausforderung, die ›Aufteilung des Sinnlichen‹ (Jacques Rancière) mitzugestalten – nicht durch Akkumulation von Information, sondern durch eine Loslösung der Bilder aus dem Bereich des Argumentativen und Dokumentarischen.

›Beyond Documentation‹ ist der fünfte und letzte Teil der Ausstellungsreihe ›Sharing as Caring‹ im Heidelberger Kunstverein. ›Sharing as Caring‹ ist ein kuratorisches Projekt von Dr. Miya Yoshida. Die Ausstellungsreihe startete 2012 und endet 2016 im Heidelberger Kunstverein.

23.4.2016 – 11.6.2016
H
›Was ich immer schon sagen wollte‹
Uli Fischer

Suchen, spüren, finden, berühren, sehen, ertasten, applizieren, komponieren, zusammenfügen, vernähen, auftrennen. Uli Fischer tritt in seiner vielschichtigen künstlerischen Praxis in Kommunikation mit vorgefundenem Material, das durchdrungen ist von Zeit und Geschichte. Seine Werke spielen mit unseren Sehgewohnheiten und ästhetischen Erfahrungshorizonten – sie führen uns über die Epochen des Abstrakten Expressionismus und der Arte Povera in die Gegenwart. Allerdings geht er dem Bedürfnis nach Abstraktion nicht malerisch, sondern anhand der im Material vorhandenen Spuren des Gebrauchs und des Taktilen nach: Seine Bild-Objekte holen vor allem das bildnerische Wesen von textilem Material auf die Leinwand.

Auf Umwegen ist Fischer 2008 zu dieser künstlerischen Praxis gelangt, die auch konsequentes Resultat seiner Lebenspraxis ist: Uli Fischer kommt vom Taktilen, er lernte Strickmaschineneinrichter, studierte dann in den 1970er Jahren Kunst, erst an der FHS-Gestaltung Textildesign in Hannover, dann an der HBK in Braunschweig.
Anfang der 1980er-Jahren lebte er in den USA, war Student an der UCLA, Los Angeles, und arbeitete als Kolorist. Mitte der 1980er zieht er nach Berlin und verfolgt weiter seine Studien der Farbfeldmalerei, der Schichtung von Farbe zu Körpern.

Es ist die Suche nach der Reduktion und dem Wesentlichen, die er mit den Mitteln der Malerei durchdekliniert, parallel beschäftigt er sich mit Siebdruck auf Textilien. Er arbeitet am Theater und für den Film, als Szenenbildner und Ausstatter. Von 1986 bis 1991 betreibt er den Ausstellungsort ›Laden für Nichts‹ in Berlin-Kreuzberg. Anfang der 1990er beginnt er nach Asien zu reisen, zuerst nach Thailand, Indonesien und Burma. Dort entdeckt er den vereinnahmenden Charakter gebrauchter, traditioneller Textilien, die kultischen Zwecken dienen – aufgeladen mit heilender Wirkung, u. a. als Kraftträger oder Grabbeigabe. Er begann zu sammeln und gründete in Berlin die Galerie ›Kunst und Primitives‹ mit einem Ausstellungsprogramm, das zeitgenössische Kunst mit ethnografischen Gebrauchs- und Kultgegenständen in Dialog setzte. Sein frühes Interesse an Farbschichten konzentriert sich hier vor allem auf das ästhetische und affizierende Potenzial von Patina auf Objekten, Bildern und Geweben – der letzten Schicht, der Oberfläche, durch die Zeit und Gebrauch körperlich erfahrbar werden. Als ihm ein Fragment eines mit Indigo gefärbten Futons von 1920 in die Hände fällt, beginnt er nach einem Weg zu suchen, dem Wesen dieses ›Lappens‹ zur Geltung zu verhelfen, ohne es auf die Funktion eines Bildes oder Kunsthandwerkobjektes zu reduzieren. Er erstellt Trägermaterialien, Rahmen, die sich der Form des Stück Gewebes anschmiegen, vernäht und komponiert und verlässt die klassische Malerei. Fischer fügt die verschiedensten Ansätze seiner Beschäftigung zusammen und findet zu seiner künstlerischen Praxis – zu dem, was er ›immer schon sagen wollte‹. Es ist ein Weg der verschobenen Gesten und konsequenterweise verlässt Uli Fischer schließlich den Arbeitgeber Filmindustrie und konzentriert sich seitdem auf eine Verbindung seiner Kunst- und Lebenspraxis in der künstlerischen, aber auch handeltreibenden Beschäftigung mit traditionellen Geweben. Die Hersteller der Stoffe und ihre Vergangenheiten sind in das Material eingeschrieben – Fischer spürt dessen Ausdrucksmöglichkeiten nach und bringt sie mit einfachen Gesten zur Aufführung: Komplexe Bildwelten entstehen aus Reduktion und dem der textilen Physis innewohnenden Potenzial. In einem materiellen Denken bildet sich so nach und nach das Werk heraus, das aus dem Spannungsverhältnis von vorgefundenem Material und Begreifen-Wollen des Künstlers entspringt.
Die Ausstellung ›Was ich immer schon sagen wollte‹ in der Reihe ›Einzelausstellung: nicht alleine‹ im Heidelberger Kunstverein ist Fischers erste institutionelle Einzelausstellung.

Sie führt seinen Werkkomplex der letzten fünf Jahre zusammen und präsentiert diesen gemeinsam mit einem Audio-Guide. Es laufen keine Erklärungen, sondern Musik, die der Künstler beim Arbeiten im Atelier hört. Es ist eine Playlist, die mit Stücken von Karlheinz Stockhausen oder John Cage ebenso Referenzen an die Minimalisten spürbar werden lässt wie die eindrückliche Bildwelt von Uli Fischers Tableaus.

23.4.2016 – 11.6.2016
S
›Gegen Faulheit. Neues und Ungesehenes aus der Sammlung Prinzhorn‹
Gudrun Bierski, Alexandra Galinova, Bernd Meckes, Dietrich Orth, Alfred Stief, Ursi

Kunst ermöglicht auch Zugang zu Welten, die uns unbekannt oder fremd sind. Den Künstlern unter Umständen ebenso wie den Betrachtern – Welten, die sich der direkten Begrifflichkeit entziehen und erst in der Verbildlichung eine Annäherung zulassen.
Das belegen viele der Werke, die der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn (1886 – 1933) zusammengetragen hat. Der historische Bestand der berühmten Sammlung Prinzhorn umfasst ca. 6000 Zeichnungen, Aquarelle, Gemälde, Skulpturen, Textilien und Texte, die Patienten psychiatrischer Anstalten zwischen 1840 und 1945 geschaffen haben. Seit 1980 wächst die Sammlung dieses Museums erneut durch Schenkungen von Kunst Psychiatrie-Erfahrener: Der neuere Bestand umfasst mittlerweile ca. 14.000 Werke.

Die Ausstellung ›Gegen Faulheit‹ zeigt sechs Positionen aus der jüngeren Sammlung des Museums, die größtenteils zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Auswahl betont die vielfältigen Lebensgeschichten der Künstler und damit verbunden auch die Diversität der künstlerischen Ausdrucksformen, die Malereien, Zeichnungen, Stickbilder oder Objekte umfassen. Die ausgewählte Kunst unterscheidet sich formal kaum von anerkannten Positionen, doch ist der Weg der Künstler zur Kunst häufig ein anderer, der vor allem von psychischer Erkrankung geprägt ist: Die Kunst wird hier zum dringlichen Ausdruck einer oftmals alternativlosen Selbstbefragung und -vergewisserung.

Die Avantgarde des 20. Jahrhunderts hat u. a. das Verhältnis von Kunst und (Alltags-) Leben im Hinblick auf seine gegenseitige Entgrenzung hin befragt. Diese Überschreitung von Ästhetischem und Nicht-Ästhetischem steht auch bei den Künstlern der Sammlung Prinzhorn im Vordergrund. Doch wird hier in der unauflöslichen Verschränkung von Kunst- und Lebensform das dichotome Verhältnis nicht durch eine künstlich herbeigeführte Überschreitung aufgehoben, sondern weil sowohl Leben als auch Kunst der psychiatrisch Behandelten von unbewussten und psychischen Zusammenhängen unentrinnbar durchzogen sind. Das Produktive und Berührende dieser Überschreitungen, die auch auf zeitgenössische Interdependenzen von Kunst und Gesellschaft, Kunst und Kritik, Kunst und Wissenschaft verweisen, wird in der Betrachtung der Arbeiten offenbar.
In den letzten zehn Jahren haben umfassende Ausstellungsprojekte immer wieder den Versuch unternommen, die In- und Exklusionsmechanismen der Kunstgeschichtsschreibung zu hinterfragen. Durch den Kontexttransfer von der Sammlung in den Kunstverein wandern nicht nur die Künstler, sondern auch ihre Werke zwischen den Welten und es wird veranschaulicht, wie sehr die Grenzen der Kunst und ihrer Geltung fließend und verhandelbar sind. Mit dem Transfer reichen sich die beiden Institutionen in ihrer Programmatik die Hände: Wichtiges Ziel der Sammlung Prinzhorn ist es, zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankung beizutragen – Ziel des Kunstvereins, beständig die Grenzen des aktuellen Kunstbegriffs auszuloten und zu erweitern.

›Gegen Faulheit‹ ist ein Zitat aus einer malerischen Bild-Text-Skizze von Dietrich Orth, des wohl bekanntesten Protagonisten der ausgewählten künstlerischen Positionen. Gegen Faulheit und für das Nachdenken: In der Ausstellung werden Fragen zum Verhältnis von Kunst und Leben, Stigma und Geltung, Ästhetischem und NichtÄsthetischem anhand der eindrücklichen Arbeiten angestoßen und zur Diskussion gestellt.
Wann gilt Kunst als sogenannte Outsider Art und wann nicht? Generiert die Ausbildung an der Kunstakademie den Unterschied oder die Anerkennung durch das Betriebssystem Kunst? Liegt es am Kontext, in dem das Werk gezeigt, vermittelt und rezipiert wird? Welche Rolle spielt die Autonomie? Was gilt als ›normal‹ und was als ›krank‹? Und was ist Kunst?

Die Ausstellung ist eine Kooperation mit der Sammlung Prinzhorn. Die Sammlung Prinzhorn ist eine Einrichtung des Universitätsklinikums Heidelberg.

27.2.2016 – 10.4.2016
S
›Arrangement Positionen zur Haager Konvention in Heidelberg‹
Johanna Hoth

Im Studio des Heidelberger Kunstvereins vereint die Ausstellung ›Arrangement‹ von Johanna Hoth Blumengestecke für Bauten der Stadt Heidelberg, die unter dem Schutz der Haager Konvention von 1954 stehen. Diesem von der UNESCO initiierten Abkommen kann jeder Staat freiwillig beitreten und verpflichtet sich so, im Kriegsfall mit einem anderen Teilnehmerstaat Kulturgüter nicht zu attackieren oder zu plündern, sondern zu respektieren. Die Auswahlkriterien für schützenswertes Kulturgut sind dabei von außen nicht immer klar nachzuvollziehen und zeigen, wie sehr Kultur und ihre Bewertung an die jeweilige Gesellschaft und ihr Zeitverständnis gebunden sind.
Anhand der geschützten Denkmäler der Stadt Heidelberg nähert sich die Künstlerin Johanna Hoth der Frage, was politisch als schützenswert gilt und wie sich darüber verhandeln lässt: Was bedeutet es, etwas unter Schutz zu stellen? Wie kommt eine Auswahl zustande? Nach welchen Kriterien wird hierdurch Identität vermittelt?
In einem aufwendigen Rechercheprozess tritt Johanna Hoth in Austausch mit den Institutionen und Mietern der Gebäude, ermittelt florale Gestaltungen vor Ort und lässt diese für die Ausstellung reproduzieren. Ob Blumengestecke im Kirchenraum, Bestandteile der floralen Außengestaltung an Fassaden und Balkonen oder üppiges Dekor bei festlichen Anlässen – jeder geschützte Bau hat in der Ausstellung sein florales Pendant. Blumenarrangements, die in niederländischen Stillleben ihrem reellen Verfall trotzen und Motive der Vanitas sind, werden bei Johanna Hoth zu Repräsentanten von denkmalgeschützten Gebäuden und Kulturgut, das ebenso vergänglich ist und vor Zerstörung bewahrt werden soll. Der Vanitas-Effekt wird konkret, wenn die Blumenarrangements während der Ausstellungsdauer zerfallen und ihre Schönheit vergeht. Durch Kontrastieren von Bausubstanz und Vegetation entsteht Raum, um über den Umgang mit Kulturgut nachzudenken und zu diskutieren.

Johanna Hoth (* 1987) arbeitet interdisziplinär im künstlerischen und kuratorischen Bereich. Sie studierte an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, ist Mitbegründerin des Feministischen Arbeits-Kollektiv (FAK) und war im Winter 2013/14 als Interims-Leitung des Architekturschaufenster e. V., Ausstellungsraum für architektonische und urbanistische Fragen, tätig.

27.2.2016 – 10.4.2016
H
›Land ohne Land‹
Michael Baers, Hera Büyüktasşçıyan, Cevdet Erek, Michaela Melián, Bassam Ramlawi und Mounira Al Solh, Zişan, İz Öztat und Mustafa Erdem Özler mit Baçoy Koop

›Land ohne Land” ist der zweite Teil der Gruppenausstellung ›Es war einmal ein Land‹, die vom 28. November 2015 bis zum 14. Februar 2016 im Heidelberger Kunstverein sowie an fünf Satelliten-Stationen im öffentlichen Raum der Stadt zu sehen war.

Mit den historischen Entwicklungen nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und den Auswirkungen bis in die Gegenwart, auch außerhalb dieser Region setzte sich die Ausstellung ›Es war einmal ein Land‹ auseinander.›Land ohne Land” versammelt hingegen elf künstlerische Positionen und Herangehensweisen, die Land nicht nur als physischen Ort, sondern vielmehr als Möglichkeitsraum der Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen in einer instabilen Welt verstehen. Überlebensstrategien, die Prozesse der Heilung, des Widerstands und der Solidarität austasten, stehen dabei im Vordergrund.

Die Ausstellung zeigt künstlerische Arbeiten, die diejenigen Narrative und Perspektiven unserer geschichteten Gegenwart in den Mittelpunkt stellen, die einer gängigen Aufmerksamkeit und Geschichtsschreibung oftmals entzogen sind. Geschichte setzt sich aus Erzählungen zusammen, die von einer Generation zur nächsten getragen werden, von Stadt zu Stadt und Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent und die im Verlauf der Zeit ihre Gestalt verändern. Jeder von uns besteht aus zahlreichen Erzählungen, die Teil eines größeren Narrativs werden.

Die Installation ›Heimweh‹ der deutschen Künstlerin und Musikerin Michaela Melián versammelt eine Vielzahl von Glasobjekten wie Schüsseln, Vasen oder Glühbirnen auf einem Tisch, der von einem Diaprojektor so in Licht getaucht wird, dass an der Wand eine abstrakte Stadtlandschaft erscheint. Eine Audio-Aufnahme des Gedichtes ›Heimweh‹ (1909) von Else Lasker-Schüler auf Deutsch, Hebräisch und Arabisch ist in eine Komposition für Glasharmonika eingebettet. Mit ihrer Installation fokussiert Melián jahrhundertelange Zusammenleben unterschiedlichster Kulturen im Nahen Osten und die politisch erzeugten Migrationsbewegungen. Körper und Geist sind im Exil auseinander gerissen, nur das Heimweh bleibt beständig.

Die neue Arbeit von İz Öztat und ihrem Alter Ego Zişan fragt danach, ob geometrische Abstraktion die Möglichkeit einer Darstellung bietet, wenn sich die Realität der Repräsentation verweigert. Kann sie eine Form sein, politische Gewalt und Trauma zu reflektieren und zu verarbeiten?

Bassam Ramlawi, im ›Basta‹-Viertel von Beirut wohnend, studierte Kunst in den Niederlanden und hat sich der Auseinandersetzung mit Protagonisten der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts (vor allem René Daniëls, Otto Dix und Cindy Sherman) ebenso wie seiner direkten Nachbarschaft (Frisör, Metzger und andere) verschrieben. Seine Zeichnungen treffen in der Ausstellung auf eine Video-Arbeit der libanesischen Künstlerin Mounira Al Solh, die wiederum Ramlawi porträtiert. Beide Werke handeln von den inneren Konflikten der Künstler mit einer Gesellschaft, die durch nationale, religiöse und kulturelle Subjektivierungsweisen Identitäten erstellt.

Mit seiner umfassenden Graphik Novel ›An Oral History of Picasso in Palestine‹ erzählt Michael Baers von einem Projekt des palästinensischen Künstlers Khaled Hourani. Pablo Picassos Gemälde ›Buste de femme‹ reiste 2011 für eine Ausstellung vom Van Abbemuseum in Eindhoven nach Ramallah. Versicherung, Transport, Bürokratie und die politische Situation vor Ort erforderten aufwendige Verhandlungen, die sich über zwei Jahre erstreckten. Hourani und die unterschiedlichen am Projekt beteiligten Personen werden zu Protagonisten in Baers detailreicher Erzählung, die zeigt, dass eine Narrativierung keine Reduktion von Komplexität bedeuten muss.

Hera Büyüktasşçıyan für die Ausstellung entwickelte Installation ›The book of all songs, the song of all books‹ befasst sich mit dem Codex Manesse, der reich bebilderten Großen Heidelberger Liederhandschrift. Büyüktasşçıyan eignet sich die mittelalterlichen Zeichnungen an und erweitert sie mit grafischen Details, die Sequenzen der Gegenwart festhalten.

Akkumulierte Zeit und Erinnerung materialisieren sich in den Zeichnungen der Künstlerin, die Vergangenheit, Gegenwart und eine mögliche Zukunft ineinanderfließen lassen. ›Rulers and Rhythm Studies‹ von Cevdet Erek ist die einzige Arbeit, die sowohl in ›Es war einmal ein Land‹ als auch in ›Land ohne Land‹ zu sehen ist. Erek hat eine Serie verschiedenartiger Lineale so modifiziert, dass sie statt Längeneinheiten das Verstreichen der Zeit sowie besondere historische und persönliche Momente abmessen.

Die Ausstellung wurde kuratiert von Öykü Öszoy und Susanne Weiß

Öykü Özsoy arbeitet als freie Kuratorin. Von Juni 2013 bis September 2015 war sie International Fellow am Wilhelm-Hack-Museum im Rahmen des von der Kulturstiftung des Bundes initiierten Programms ›Fellowship Internationales Museum‹. Zuvor war sie Direktorin des ›Full Art Prize‹ (2011 – 2012) und koordinierte u.a. das Programm des ›Garanti Contemporary Art Centers‹ (2002 – 2010). Ihr kuratorisches Interesse liegt auf forschungsbasierten künstlerischen Praktiken, insbesondere Strategien der Partizipation, Zusammenarbeit und Wissensproduktion.

27.11.2015 – 14.2.2016
H
›Es war einmal ein Land‹
Mounira Al Solh, Hera Büyüktaşçıyan, Johanna Diehl, Cevdet Erek, Bengü Karaduman, José F.A. Oliver, İz Öztat mit Zişan, Wael Shawky, Elisabeth Zwimpfer

›Es war einmal ein Land‹ richtet seinen Blick geografisch in die Region, die sich mit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs neuordnete. Die Auswirkungen der historischen Entwicklungen sind nicht auf diese Region begrenzt und zeigen sich in der aktuellen Flüchtlingssituation auch in Europa. Neben der Ausstellung im Kunstverein werden fünf Satelliten-Stationen bespielt, die eine thematische und räumliche Verknüpfung in den öffentlichen Raum vornehmen.
Vor etwa hundert Jahren zerfällt mit dem Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich in seine Einzelteile und ein Großteil der Region wird vor allem unter den Kolonialmächten Deutschland, England und Frankreich sowie Russland neu aufgeteilt. In dieser Zeit kommt es 1915 zum Genozid an den Armeniern und mit der Balfour-Deklaration wird 1917 in Palästina der Weg für einen jüdischen Staat geebnet. Als weitere Folge kolonialistischer und nationalistischer Bewegungen im 19. Jahrhundert wird der Vielvölkerstaat Osmanisches Reich 1922 aufgelöst und 1923 die Republik Türkei ausgerufen. Die fatalen Konsequenzen des Ersten Weltkriegs und die Auswirkungen bis in den Mittleren und Nahen Osten sind bis zum heutigen Tag spürbar und lassen die Region nicht zur Ruhe kommen.

Dieser historische Ausgangspunkt ist zur Betrachtung der Gegenwart unabdingbar. Die derzeitigen Migrationsbewegungen aus dem Nahen Osten stehen im direkten Zusammenhang mit der Neuordnung der Region zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Europa erlebt zum ersten Mal in dieser Weise die Konsequenzen des labilen Zustands im Nahen Osten, wo Menschen in großer Zahl schon seit den 1940er Jahren in Flüchtlingslagern leben oder ihre Heimatländer verlassen haben.

In ›Es war einmal ein Land‹ erzählen acht künstlerische Positionen eine a-chronologische, stark fragmentierte, aber wechselseitige Geschichte. Den zeitlich entferntesten Eckpunkt bildet die Rede von Papst Urban II., der 1095 zum Kreuzzug gegen die Muslime aufrief. ›Cabaret Crusades: The Horror Show Files‹ ist der erste Teil der Trilogie des ägyptischen Künstlers Wael Shawky, der filmisch mit Marionetten aus dem 18. Jahrhundert diese wichtige Epoche aus arabischer Perspektive erzählt. Ein Krieg, der zweihundert Jahre andauerte, Menschen von Europa zu Fuß nach Jerusalem gehen ließ und das Verhältnis zwischen dem Islam und dem Christentum bis zum heutigen Tag geprägt hat.

Den Bogen in die Gegenwart der Region schlägt die Arbeit ›I strongly believe in our right to be frivolous‹ der libanesischen Künstlerin Mounirah Al Solh, die ihre eigene Biografie und Position als Künstlerin und damit als privilegiert Handelnde zur Disposition stellt. Al Solh porträtiert seit Kriegsbeginn 2011 syrische Flüchtlinge, die in den Libanon kommen mit schnellen Zeichnungen, in denen Schrift und Zeichenstrich eine Liaison eingehen. Sie verweisen auf die kurzen Momente mit den Menschen, aus deren Leben vor der Flucht die Künstlerin erzählen möchte.

In scherenschnittartigen Bildern spürt Bengü Karaduman in der Videoinstallation ›In Place of Silent Words‹ der Vorgeschichte und den Nachwirkungen des türkischen Militärputsches von 1980 nach. Die Spuren des bereits seit Jahrzehnten andauernden türkisch-griechischen Konflikts auf Zypern hält Johanna Diehl in der fotografischen Serie ›Displace‹ fest, welche leerstehende sakrale Räume im Spannungsverhältnis zweier Religionen untersucht. Die Ausstellung zeichnet mit den eingeladenen Künstlern die Widersprüche und Komplexität der historischen Entwicklungen nach und versammelt unterschiedliche künstlerische Strategien im Umgang mit den offenen Fragen und Interpretationsräumen der Geschichtsschreibung. Die Narrative von ›Es war einmal ein Land‹ werden mit einer weiteren Ausstellung am 26.2.2016 fortgeführt.

Mit den Satelliten-Stationen erweiterte sich die Ausstellung ›Es war einmal ein Land‹ in den öffentlichen Raum:
In der Stadtbücherei Heidelberg teilt José F. A. Oliver seine Beobachtungen aus der Metropole Istanbul auf Wandbannern und in einer Lesung mit dem Publikum. Zwei Fenster des Instituts für Klassische Archäologie dienen als Rahmen für eine Installation Elisabeth Zwimpfers mit Motiven aus ihrem Animationsfilm ›Ships Passing in the Night‹. Hera Büyüktaşçıyan präsentiert in zwei Vitrinen im Foyer der Universitätsbibliothek Heidelberg Arbeiten aus ihrem zeichnerischen Werk. Sowohl im Schaufenster der Edition Staeck als auch im Pannonica zeigt Bengü Karaduman Ausschnitte aus ihrer Video-Installation ›In Place of Silent Words‹.

Partner:

Stadtbücherei Heidelberg

Instit für klasssische Archäologier

Universitätsbibliothek Heielberg

Schaufenster Edition Staeck

Pannonica

Die Ausstellung wurde kuratiert von Öykü Öszoy und Susanne Weiß

Öykü Özsoy arbeitet als freie Kuratorin. Von Juni 2013 bis September 2015 war sie International Fellow am Wilhelm-Hack-Museum im Rahmen des von der Kulturstiftung des Bundes initiierten Programms ›Fellowship Internationales Museum‹. Zuvor war sie Direktorin des ›Full Art Prize‹ (2011 – 2012) und koordinierte u.a. das Programm des ›Garanti Contemporary Art Centers‹ (2002 – 2010). Ihr kuratorisches Interesse liegt auf forschungsbasierten künstlerischen Praktiken, insbesondere Strategien der Partizipation, Zusammenarbeit und Wissensproduktion.

27.11.2015 – 14.2.2016
E
›Durex Duplo Resterampe‹
Wilhelm Klotzek

Durex Duplo Resterampe, Dosen Duschgel Rivercola, Deinhard Dickmanns Ravioli. Für Wilhelm Klotzek alles Synonyme für das, was nach 1989 Einzug in sein Leben hielt und Dinge, die vor 1989 nicht in der DDR existierten. Auf der Empore zeigt der Heidelberger Kunstverein eine Einzelpräsentation von Wilhelm Klotzek, welche die Fäden aus der Studio-Ausstellung weiterführt. Das Augenmerk liegt dabei auf dem Zusammenspiel von Text und Form, das Klotzek dazu nutzt, um Motive der eigenen historisch bedingten Identität auszuformulieren. Dabei bedient er sich verschiedener Medien wie Performance, Skulptur, Installation, Prosagedichten und Künstlerbücher und begreift die Sprache als bildhauerisches Material.

Der 1980 in Ost-Berlin geborene Künstler hat an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und der Universität der Künste in Berlin Bildhauerei studiert. Seine Arbeiten wurden national und international ausgestellt. Letzte Einzelausstellungen waren u. a. ›Konkurrenzkartoffel oder Kredibilität im Lackmustest‹ (C. Brown ONEWORK Galerie, Wien), ›Zigaretten und andere nicht alkoholische Getränke‹ (Nassauischer Kunstverein Wiesbaden), Kaffee, Krebs und Kuchen‹ (Neuer Saarbrücker Kunstverein). 2012 erhielt Wilhelm Klotzek den Mart-Stam Förderpreis, 2013 wurde er mit dem ›Columbus Förderpreis für aktuelle Kunst in Kooperation mit der ADKV‹ ausgezeichnet.

27.11.2015 – 14.2.2016
S
›Transgender in Hoyerswerda. Wie es wirklich war‹
Klozin, Peter Woelck

Im Mittelpunkt der Ausstellung ›Transgender in Hoyerswerda. Wie es wirklich war.‹ steht die persönliche Geschichte der Berliner Künstler Wilhelm Klotzek und David Polzin. Vereint unter dem Künstlernamen Klozin rufen sie mittels neun Miniaturszenarien ausgewählte Ereignisse der deutschdeutschen Geschichte auf. Dem gegenübergestellt werden die Porträtarbeiten des Berliner Fotografen Peter Woelck (1948 – 2010) – Wilhelm Klotzeks Vater.

In Schaukästen finden sich zu erzählerischen Standbildern zusammengesetzte Zigarettenstummel, Plastikkabel und leere Zigarettenschachteln. Sie lassen Situationen der jüngeren Geschichte aufleben, die sich mit dem Fall der Mauer in unser kollektives Gedächtnis eingeschrieben haben. Die nachgebauten Kulissen, hergestellt aus alltäglichen Raucherutensilien, fügen sich chronologisch zu einem Bild zusammen, das uns als Betrachter die politischen und ökonomischen Zusammenhänge von 1989 (›Harald Jäger am Telefon‹) bis heute (›Lutz Bachmann im Adolf Hitler Rollenspiel‹) vor Augen führt.
Mit ihrer verstörend humoristischen und ironischen Wirkung beziehen sich Klozin in ihren zwischen Readymade und Assemblage angesiedelten Kleinplastiken auf die Arte Povera. Ihre Serie ›Transgender in Hoyerswerda. Wie es wirklich war.‹ ist ein bissiger Kommentar zum 25-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung. ›Sabine K. versäuft ihr Begrüßungsgeld allein in einer Westberliner Kneipe‹. In der lakonischen Beschreibung einer der Kleinplastiken paart sich alltägliche Beobachtung mit tragischer Offenheit. Gleichzeitig hätte dies auch ein Motiv des Berliner Fotografen Peter Woelck sein können, der ein empathischer Chronist seiner Zeit war. Wilhelm Klotzek macht seit 2010 das fotografische Werk seines Vaters der Öffentlichkeit zugänglich:
Peter Woelck zog nach seinem Studium an der HGB Leipzig in den 70er-Jahren zurück nach Ost-Berlin und wurde dort später Teil des gesellschaftlichen Umbruchs.
Woelck balanciert entlang seiner eigenen Identität, er zeigt sich und seine Freunde, als Künstler, aber auch als Mann, der seine intimen Interessen mit der Fotografie verhandelt und nicht zuletzt als jemand, der versucht hat, nach der Wende nicht den Anschluss zu verlieren – Peter Woelck war in der DDR als Fotograf u. a. für Verlage und Betriebe tätig. Neben den Auftragsarbeiten entstanden auch – gerade in der Zeit nach dem Fall der Mauer – zahlreiche freie Arbeiten aus den Bereichen der Sozialreportage und der Architekturfotografie.
Wilhelm Klotzek interessiert die tragische Offenheit, die ihm immer wieder im Werk seines Vaters entgegentritt. Der hinterließ ein Werk, das ebenso viel über ihn als auch über den nicht mehr existierenden Staat – die Deutsche Demokratische Republik – erzählt. Durch die erstmalige Zusammenstellung der fotografischen und skulpturalen Arbeiten aus zwei Generationen erhalten Klozins Stillleben ein Gesicht. Die Porträtierten blicken verstummt auf die Erzählungen zur jüngsten Zeitgeschichte.

Klozin, bestehend aus David Polzin (* 1982 in Hennigsdorf) und Wilhelm Klotzek (* 1980 in Ost-Berlin), studierten (u. a.) an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Erstmals arbeiteten sie 2008 zusammen und seitdem treffen sie in größeren Abständen immer wieder aufeinander, um verschiedene Projekte zu realisieren. Neben Ausstellungsarchitekturen und Skulpturen entwickeln sie auch Radiosendungen und Performances. Zurzeit arbeiten sie an ihrem ersten filmischen Projekt in Los Angeles.

Peter Woelck (* 1948 in Berlin, † 2010 in Berlin) studierte von 1972 – 77 Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und lebte danach in Ost-Berlin. Neben Auftragsarbeiten in der DDR für Kulturämter, Zeitschriften, das Fernsehen und verschiedene Großbetriebe war er auch als freier künstlerischer Fotograf tätig. Bekannt sind hier vor allem seine Porträts und Stadtlandschaften von u. a. Leipzig und Berlin. In seiner Praxis überschritt er klare Genre-Zugehörigkeiten und schuf so ein beeindruckendes und vielgestaltiges Bildarchiv.

18.9.2015 – 15.11.2015
H
›[7.7] Kommunikation und Kontrolle‹, Teil des 6. Fotofestivals Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg: ›[7P] – [7] Orte [7] Prekäre Felder‹
The Experimental Visualization Lab, Melanie Gilligan, Trevor Paglen, Marco Poloni, Jules Spinatsch

Die Zahl Sieben ist einerseits hell leuchtende Glückszahl, wenn sie im Sinne der sieben Weltwunder für einen starken Willen, herausragende Kraft, großartige Leistung, unerschöpfliche Freude und Glück steht und andererseits düstere Schicksals- und Katastrophenzahl, wenn sie im Zusammenhang mit den sieben Todsünden von den Niederungen des menschlichen Lebens, den Schattenseiten, ja, dem Inferno in der Welt erzählt.
Die Ausstellungen zu ›[7 P]‹ beschäftigen sich weniger mit Wundern und Todsünden als mit einem Zwischenreich. Sie umschreiben [7] prekäre, kritische Felder der heutigen Gesellschaft; Felder, in denen Vorgänge von großer Tragweite, mit Einfluss auf das persönliche und gesellschaftliche Leben, stattfinden. Es wurden Künstler und Künstlerinnen mit fotografischen und videografischen Arbeiten eingeladen, die sich in den jeweiligen Feldern mit großer Intensität, visueller Kraft und einem Sinn für die Systeme der von uns kreierten Realitäten umtun. Sie liefern keine schnellen Antworten, dafür aber ein dichtes visuelles Netz an Informationen, Fragen und Konfrontationen.
Das strenge Nummerierungssystem der Ausstellungen von [7.1] bis [7.7] bietet uns den Schein von Halt in einer Welt, in der vieles am Fließen und damit auch am Wegrutschen ist. Bisher schauen wir zu, starren auf die Bruchstellen, gelähmt und voller Hoffnung auf ein ›American Ending‹, also auf ein Wunder.
Aus dem einstigen Gespräch wird Kommunikation. Ist diese heute zu einem Fluss von Selbstaussagen und kopierten Mitteilungen geworden? Aus den einstigen Gemeinschaften werden soziale Netzwerke, bindungslose Strukturen, die Nähe suggerieren und Ferne schaffen. Ein zuckender, funkelnder Starkstrom in Zeiten inhaltlicher Leere. Auf Werteverluste wird mit Kontrolle reagiert. Überwachung im Zeichen des Kommerzes und der Politik. Alles wird registriert, vernetzend kommuniziert und archiviert.
Urs Stahel hat für seine Ausstellung im Heidelberger Kunstverein fünf Positionen zusammengestellt, die den Verlust von Kontrolle thematisieren. So beschäftigt sich der studierte amerikanische Geograf Trevor Paglen mit Phänomenen, die großer Geheimhaltung unterliegen. Mit Hilfe extremer Brennweiten schafft es der Medien-Künstler und Fotograf, Aufnahmen von geheimen Militäranlagen zu erstellen, mehr noch, unter Verwendung einer eigens entwickelten Software beobachtet und identifiziert er die verschiedenen Raumflugkörper am Nachthimmel. Mit den Mitteln der neuesten Technik bringt Paglen Bilder ans Licht, die eigentlich nicht für die allgemeine Öffentlichkeit gedacht sind. Ebenso wie Trevor Paglen interessiert sich der italienische Künstler Marco Poloni für die Sichtbarmachung von unsichtbaren Strukturen. Allerdings steht bei ihm nicht die Technik, sondern der Mensch im Mittelpunkt. In der ausgestellten Arbeit erforscht er Erscheinungen von Macht anhand von Führungsfiguren. Doch die gezeigten Herren und Damen, die der Betrachter zu verfolgen glaubt, sind letztendlich nur Stellvertreter, die eigentlichen Träger der Macht bleiben unsichtbar. Die Erfahrung, die Poloni mit dieser Arbeit vermittelt, ist jene der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit.
Die kanadische Künstlerin Melanie Gilligan thematisiert in ihren fünf Videos mit dem Titel ›Popular Unrest‹ eine gleichsam noch direktere Überwachung als Trevor Paglens Netz von Geheimdienstsatelliten oder Polonis Sichtbarmachung unsichtbarer Mächtiger. In ihrem Filmprojekt lässt sie den Zuschauer daran teilhaben, wie tiefgreifend sich Kontrolle und Machtausübung auf das Leben des einzelnen Menschen auswirken. Formal an amerikanische Fernsehserien wie ›CSI‹, ›Dexter‹ oder ›Bones‹ angelehnt, erkundet sie filmisch ›eine Welt, in der das Selbst auf seine Physis reduziert und unmittelbar auf die Belange des Kapitals reduziert ist.‹ Das Medienkünstler-Kollektiv The Experimental Visualization Lab hat seinen Sitz an der University of California. Im Kunstverein wird dessen Multimedia-Installation ›Swarm Vision‹ raumgreifend operieren. Mehrere Kameras mit Schwenk-Neige-Zoom-Funktion befinden sich über dem Betrachter und übersetzen die Regeln des menschlich-fotografischen Verhaltens in eine maschinelle Sprache. Alle Kameras kommunizieren miteinander, was dazu führt, dass sie sich untereinander darin beeinflussen, welchen Gegenstand sie im Kollektiv untersuchen. Der Schweizer Fotograf Jules Spinatsch realisiert in der Metropolregion zu jedem der sieben Themenkomplexe des Festivals eine neue Arbeit mit einer speziellen Aufnahmetechnik, die sich computergesteuerter Kameras bedient. Das Resultat sind hochauflösende Panoramabilder – Hybride, die sich zwischen Malerei und der Überwachungstechnologie des Internetzeitalters bewegen.

kuratiert von Urs Stahel im Rahmen des 6. Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg ›[7 P] - [7] Orte [7]Prekäre Felder‹

11.7.2015 – 6.9.2015
H
›Disparaitre dans la Nature‹
Astrid S. Klein

›DISPARAITRE DANS LA NATURE. To decamp, to desert, to evaporate, das Weite suchen, verduften‹

In einer ersten umfangreichen Einzelausstellung präsentiert der Heidelberger Kunstverein in der Reihe „Einzelausstellung: nicht alleine“ die künstlerische Praxis von Astrid S. Klein und gibt einen Einblick in die Vielfalt und Bandbreite ihrer poetisch-kritischen Recherchen, Reflexionen und Aktionen der letzten zehn Jahre. Kleins transdisziplinäre künstlerische Praxis beinhaltet Film, Text, Sound, performative Intervention und öffentliche Veranstaltungen. Die Ausstellung macht die besondere und einzigartige dialogische Herangehensweise der Künstlerin in ihren Untersuchungen zum Verhältnis des globalen Südens und Nordens deutlich. Der mehrsprachige Titel der Ausstellung bezeichnet unterschiedliche Formen des Abhauens, Verschwindens und Verwandelns. Ein Wunsch, eine Notwendigkeit, eine Handlung von Lebewesen, um zu überleben?
Sich in andere Räume begeben und verwandeln: Seit zehn Jahren initiiert Astrid S. Klein künstlerische Dialoge und untersucht in informativen und poetischen Recherchen das Verhältnis zwischen Nord und Süd – die miteinander verknüpfte, gewalttätige Geschichte und die sozialen Realitäten des Westens und der nichtwestlichen Welt.
Den Prozess ihrer eigenen „Creolization“ darin beschreibend – einer Identität im Fluss – befragt sie die Bedeutung ihrer westdeutschen, europäischen Herkunft im Hinblick auf fließende, zirkulierende Identitäten. Wesentlich und eigen für ihre künstlerische Praxis sind Formate des Dialogs. In ihnen erprobt sie mehrstimmige und mehrsprachige Produktionen von Wissen mit ihren Counterparts aus Europa, Subsahara-Afrika und seiner Diaspora zur komplexen gemeinsamen Geschichte und Gegenwart für mögliche gemeinschaftliche Handlungsformen.

Beschleunigte Transformation: Migration, wechselnde Herkünfte, Geschichten und Verortungen, die mit der radikalen Veränderung der sozialen und ökologischen Umwelt, der Kapitalisierung sowie der Digitalisierung aller Lebenswelten einhergehen, bewegen die Gesellschaft und Individuen in einer Welt auf der Flucht. Wie kann man darin als Künstlerin agieren?

In ihren Forschungsprojekten sucht Astrid S. Klein Kulturproduzent_innen an sowohl imaginären als auch realen Orten in der Welt auf und lädt sie ein, sich mit ihr in einen performativen Prozess der Verhandlung zu begeben. Die Situationen des Lernens, die Erfahrung der Deplatzierung und des Aufeinandertreffens, die damit verbundenen Überraschungen, Missverständnisse und Zufälle dienen der Künstlerin dazu, sich in der aktuellen Verwandlung der Welt zu orientieren und gleich einem Echolot über die gemeinsame Reflexion darin zu navigieren.

Im Heidelberger Kunstverein entfaltet Astrid S. Klein eine Erzählung, die sich aus fünf „Volumes“ und damit verbundenen Live-Formaten ihres „Quartier Flottant“ zusammensetzt. Jedes „Volume“ gibt einen Einblick in einen thematischen Komplex, in dem einzelne Arbeiten entstanden sind und aktuell verhandelt werden. Anhand von Videofilmen, Fotografien, Texten, performativen Handlungen und öffentlichen Veranstaltungen werden die verwobene Arbeitsweise der Künstlerin und ihr poetisch-kritischer Zugang deutlich.

In Volume 1, Briller et s’envoler – Glänzen, Aufsteigen und Davonfliegen gibt Klein einen Einblick in den Beginn ihrer künstlerischen Forschung 2005. Ihren „Auftritt“ als weiße Künstlerin in Paris und Kinshasa, RDC, untersucht sie kritisch und verbindet dies mit Recherchen zu Selbstinszenierung und Sichtbarkeit in postkolonialen Gesellschaften, wie sie in den urbanen Kulturen der kongolesischen SAPE und des ivorischen Coupé Décaler in abenteuerlicher Weise auftauchen.

In Volume 2, Violente Question kommt die Generation der Unabhängigkeitszeit Subsaharas durch die Stimmen Soulimane Coulibalys, aka Solo Soro, und Wêrewêre-Likings zu Wort. Gentrifikation in Paris – die ehemalige „ville mère“ der Kolonien – und die Präsenz und Vergangenheit kolonialer Ideologien in der europäischen Gesellschaft setzt die Künstlerin dazu in Beziehung.

Volume 3, We bow in empty LIBERTÉ ist eine Suche nach dem Ort des Imaginären in der von globalen Ökonomien und Arbeitslosigkeitgeprägten Gesellschaft. Anhand des Verschwindens des Kinos als öffentlicher Ort der Unabhängigkeitszeit stellt Klein die Frage: Wo und wie formuliert die junge urbane Generation in Subsahara – Afrika ihre Wünsche nach Veränderung?

Volume 4, Power of Plants untersucht die globale Zirkulation tropischer Nutzpflanzen – Rohstoffe die in Verbindung zur Kolonialisierung stehen. Die Cola acuminata, eine lebende Kolapflanze, wird in der Ausstellung zu Gast sein und die diasporischen tropischen Pflanzen europäischer botanischer Gärten vertreten. In Subsahara-Afrika spielen Kultur und die soziale, versöhnende Verwendung der Kolapflanze eine wichtige Rolle. Können diese, ohne exotisch oder ethnologisch interpretiert zu werden, neue transkontinentale Kommunikation inspirieren?

Volume X, Quartier Flottant bezeichnet eine Nachbarschaft, die nicht festgelegt ist und im Raum flottiert. Als Veranstaltungsformat lädt Astrid S. Klein darin Gäste zu Projekten und „entretiens“ – Unterhaltungen – ein. Die physischen Begegnungen werden dabei mit dem digitalem Raum verknüpft, wie z.B. auf der Onlineplattform www.crossing-boundaries-of-doubt.net

Astrid S. Klein (* 1964 in Stuttgart) ist als Künstlerin und kuratorische Produzentin international tätig. Ihr Studio in Stuttgart dient ihr als Ausgangsbasis für ihre künstlerische Arbeit an realen und imaginären Orten im Globalen Süden und Norden. Ihre Praxis umfasst umfangreiche poetischkritische Forschungsprojekte in unterschiedlichen Formaten, zu denen sie andere kulturelle Produzentinnen und Produzenten einlädt. Als Künstlerin arbeitet sie transdisziplinär mit Film, Text, Sound, Installation, performativer Intervention, Recherche und Formaten öffentlicher Veranstaltungen. Mit ›Quartier flottant‹ veranstaltet sie partizipative Projekte, Recherchen und Symposien, zu denen sie als Autorin und Künstlerkuratorin einlädt (z. B. ›Crossing Boundaries of Doubt‹, 1.Phase 2013 / 2014 Kamerun und Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Kunstverein; ›City Songs – Ebbs and Flows of the Urban Imaginary‹, Workshop und Film 2012 Duala, Kamerun, auf Einladung des Instituts für Auslandsbeziehungen im Rahmen von ›Prêt à partager‹). Klein erhielt zahlreiche Förderungen und Stipendien, u.a. der Stiftung Kunstfonds (2013 / 2014), der Aktion Afrika / Auswärtiges Amt (2011 / 2012 / 2013), des Goethe-Instituts Kamerun und Abidjan (2010, 2013), des Vereins Künstlerkontakte ifa (2010, 2013). Ihre Arbeiten werden international präsentiert. Astrid. S. Klein studierte Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, zudem absolvierte sie ein Aufbaustudium in Video / Installation und Performance als Meisterschülerin von Joan Jonas an der ABK Stuttgart.

11.7.2015 – 6.9.2015
S
›Das Licht schien in die Dunkelheit und die Dunkelheit merkte es nicht‹
Gabriel Rossell Santillán

In der Reihe ›Das Serendipitätsprinzip‹ präsentiert der Heidelberger Kunstverein eine Installation des mexikanischen Künstlers Gabriel Rossell Santillán.
›Serendipität‹ bezeichnet eine Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue Entdeckung erweisen kann. Anders als der Zufall betont die Serendipität über das alleinige Aufspüren hinaus eine Auseinandersetzung mit eben jener Neuentdeckung, die einen neuen Weg in sich birgt.

Liebe Susanne,

Ende 2012 nahm ich an einer außergewöhnlichen Versammlung der indigenen Wirráritari in Santa Catarina im Nordosten von Mexiko teil. Kanadische Minenunter-nehmen hatten anhand von Satellitenaufnahmen unter der heiligen Wüste und den Bergen Gold entdeckt und sich beim mexikanischen Staat die Rechte erworben, das Gold in den Bergen abzubauen. Alarmiert von den Geschehnissen initiierte die Wirráritari-Gemeinde eine Versammlung mit rund 500 Mitgliedern:
Gemeinsam sollte darüber entschieden werden, wie man sich angesichts dieser Bedrohung verhält. Bereits 2005 hatte ich den Besuch von Xaureme und Dionisio – Vertreter der Wirráritari Santa Catarinas – im Ethnologischen Museum in Berlin-Dahlem organisiert.
Ich erstellte Filmaufnahmen von Zeremonialobjekten der Wirráritari, die der Ethnologe Konrad Theodor Preuss von 1905 bis 1908 nach Berlin gebracht hatte, und brachte dieses Rohmaterial wiederum nach Santa Catarina. Gemeinsam mit dem Schulleiter der dortigen Grund-schule – Xaureme – ersetzte ich zunächst in einem Video meine Sprecher-Stimme durch seine und wir fügten Material ein, auf dem er über die Probleme in Santa Catarina sowie den anderen Teilen des Gebirges berichtet: über die Staudämme, staatliche Bildung, Gefängnisse und die Schaffung einer politischen Teilung nach westlichem Muster auf dem Gebiet der Wirráritari-Gemeinde, um nur einige zu nennen. Nach einiger Zeit schloss sich Dionisio, der 96-jährige Marakame (Schamane), uns an und brachte seine Erfahrungen in den Prozess mit ein.
Teil der Debatte bildet auch die Frage, welche Haltung man in Hinblick auf westliche Wissensproduktion, wie die Natur- und Geisteswissenschaften und Kunst einnimmt. Ich begann Video- und Audiokurse in der Grundschule zu geben, wurde weiterhin zu Zeremonien und Vorstellungen eingeladen und es entwickelte sich zwischen uns eine intensive Freundschaft. Mitya, ein Freund aus Berlin, lieh mir eine russische Analogkamera aus dem Jahr 1908 – also aus der Zeit der Sammlung Konrad Theodor Preuss –, mit der man Bilder im Format 6 × 9 machen kann. Die Kamera ist ideal für die widrigen klimatischen Bedingungen der Gebirge. Meine Freunde der Gemeinde Wirráritari baten mich stets darum, Porträts von ihnen oder Fotos von Pflanzen, Wasserquellen und Bergen – also den grundlegenden Bildern ihres Bezugs-systems zu machen. Durch diesen Prozess entstand ein einzigartiges Dokument, bestehend aus hunderten von Fotos, auch einige von den Zeremonien – wobei die Bedingung war, dass einer von den Wixás mir den Auftrag gab, die Fotos zu machen. Später wurde entschieden, dass die Bilder digitalisiert und Teil einer Bibliothek werden sollten – so wie das Video mit den Aufnahmen von den Zeremonialobjekten in Dahlem, das mit Xaureme und Dionisio besprochen, erweitert und geschnitten wurde. Wir legten auch gemeinsam fest, welche Fotos man außerhalb der Wixáritari-Gemeinde zeigen kann oder welche man verkaufen darf. Der Erlös dient z. B. dem Bau der Bibliothek, einer Baumschule für lokale Eichen oder einem Hirschgehege. Dieser Prozess war und ist eine Herausforderung, da stets sichtbar wird, inwiefern koloniale Strukturen in mir selbst existieren – beispielsweise das geistige Eigentum oder die Funktionsweise der Autorenschaft. Die kollektive Arbeit besteht somit zu einem großen Teil aus einer ständigen Auseinandersetzung mit den Privilegie und Machtstrukturen sowie den daraus resultierenden Hierarchien. Der Entschluss, gegen diese Mechanismen zu arbeiten, findet auch Einfluss in die Entscheidungen darüber, wie Bilder gezeigt und montiert werden.

Ich umarme Dich,
Gabriel

Gabriel Rossell Santillán (*1977 in Mexiko-Stadt) setzt sich in seiner Arbeit mit der Transformation kulturellen Wissens auseinander. Bei seinen Reisen durch Mexiko geht er auf die Suche nach kulturellen Überlieferungen, die wenig beachtet oder fast vergessen wurden. In Fotografien und Videoinstallationen überführt er die gefundenen Inhalte in die Gegenwart und stellt so einen alternativen Kanon der (Welt-) Geschichte her. In seinen Arbeiten wird immer wieder die komplexe Verstrickung der Dinge in historische Prozesse thematisiert: Und genau um diese Etablierung einer nichtlinearen und dezentralen Geschichtsschreibung geht es Gabriel Rossell Santillán. Das Archiv seiner Forschungen in Mexiko und in ethnologischen Museen birgt eine endlos erscheinende Fülle von Bild- und Tonaufnahmen.

11.7.2015 – 6.9.2015
F
›Ausgestellte Arbeit‹
Lena Inken Schaefer

Lena Inken Schaefers Ausstellung im Foyer beschreibt einen würdevollen Akt der Transformation: Drei Vitrinen präsentieren Objekte ihrer eigenen ›Spezies‹. ›Ausgestellte Arbeit‹ widmet sich der Geschichte einer einzelnen Vitrine, allerdings ist diese Geschichte der Vitrine nicht dokumentarisch aufgearbeitet, sondern physisch in ihre Einzelteile zerlegt. Das Objekt Schaukasten, das qua seiner Bestimmung andere auserwählte Objekte im besten Fall zum Sprechen bringen soll, ist durch Lena Inken Schaefer vom aufbewahrenden Objekt zum kommunizierenden Subjekt transformiert worden. Die Messingprofile, die die Glasscheiben der Museumsvitrine umrahmten und zusammenhielten, wurden mit einer Metallsäge scheibchenweise in gleich große Stücke zersägt und anschließend neu angeordnet. Durch den Akt des Zerlegens ist ein flexibles, geradezu mimetisches Werk entstanden, das in der Lage ist, sich an seine äußere Umgebung anzupassen.

Der Autor Roman Ehrlich formuliert in seinem Katalogbeitrag ›Ausgestellte Arbeit‹ (in: Lena Inken Schaefer: ›Die Tage sind lang, die Nächte kalt‹, Berlin 2015, S. 119) den Gedanken, dass die Dekonstruktion des Schaukastens wie der Rückbau menschlichen Schaffens wirkt. Die komplexe Struktur der Objektwelt wird schrittweise in den rechten Winkel rückgeführt, der in seinen neuen Kontexten sofort wieder an die Arbeit der Selbstausdehnung des Menschen in das Artefakt erinnert: an Nähmuster, Parkettböden, Reifenprofile, Ketten, Gürtel, aber auch an Stellvertreter der überflüssigen Arbeit: Labyrinthe, die vom Menschen geschaffen sind, um sich darin der eigenen Orientierungsfähigkeit und Problemlösungskompetenz gewahr zu werden.
›Ausgestellte Arbeit‹ wird zum universellen Ornament – zu einer Arbeit, deren Struktur an Textiles erinnert, an Handwerk, daran, dass das, was wir in Vitrinen vorfinden, klassifiziert wurde und je nach Kontext Wertigkeit erlangt. Eine geometrische Struktur, die über ihre Struktur hinaus über gesellschaftliche Strukturen spricht.

Lena Inken Schaefer (* 1982 in Celle) lebt und arbeitet in Berlin. Ihr Studium absolvierte sie im Jahr 2009 als Meisterschülerin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Nach Ausstellungs-beteiligungen in Berlin, Leipzig, Brüssel, Perth und Bremen trat sie 2013 ein zehnmonatiges Arbeitsstipendium des Landes Nieder-sachsen für den Aufenthalt in der Künstlerstätte Stuhr-Heiligenrode an und wurde mit dem 37. Bremer Förderpreis für Bildende Kunst ausgezeichnet. Anschließend war sie Stipendiatin im Mecklen-burgischen Künstlerhaus Schloss Plüschow und arbeitete dort an ihrem ersten monografischen Katalog, der auch durch den Berliner Senat gefördert wurde und im März 2015 beim Berliner Verlag argobooks erschien. Seit März 2015 ist Lena Inken Schaefer Stipendiatin der Stiftung Kunstfonds.

23.4.2015 – 21.6.2015
H
›Fröbel gefröbelt‹
Aurélien Froment

Der Heidelberger Kunstverein und der Badische Kunstverein in Karlsruhe zeigen in Kooperation und zeitgleich je eine Ausstellung des französischen Künstlers Aurélien Froment. Während sich die Präsentation in Heidelberg auf Froments umfassende Untersuchung zu den Spielobjekten – die sogenannten ›Spielgaben‹ – des Kindergarten-Begründers Friedrich Fröbel (1782 – 1852) konzentriert, verschränken sich in Karlsruhe drei Werkkomplexe, die sich auf unterschiedliche Weise den Errungenschaften historischer Persönlichkeiten nähern: dem ›Palais idéal‹ des Autodidakten Ferdinand Cheval, der Experimentalstadt ›Arcosanti‹ des Architekten Paolo Soleri und dem ›Gedächtnistheater‹ des Philosophen Giulio Camillo.

Aurélien Froment setzt sich in seiner recherchebasierten Arbeit seit 2009 intensiv mit der Ideenwelt Friedrich Fröbels und dessen ›Spielgaben‹ auseinander. Der Schüler Pestalozzis entwickelte ein pädagogisches System, das über die reine Aufbewahrung von Kindern weit hinausging und das Spiel in der Trias von Betreuung, Erziehung und Bildung in den Mittelpunkt stellte. Er entwarf Serien von Spielzeugen, die dem jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes angepasst sind. Durch den Umgang mit einfachen Materialien sollten abstrakte und komplexe Prinzipien von Leben, Wissen und Kunst verstanden und erlernt werden. Dabei dienten die Grundbausteine – die mit den Idealformen Kugel, Würfel und Zylinder ästhetische Objekte universellen Charakters bilden – analog zu den oben genannten Prinzipien der Erfahrung von Abbildung, Zeigen und ästhetischem Arrangement.
Die Ausstellung, die in der Reihe ›Einzelausstellung: nicht alleine‹ gezeigt wird, setzt diese ›Spielgaben‹ in einem ästhetisch-methodischen Bezugssystem in Szene, das sich Fröbels Ideen und Objekten zugleich annähert, aneignet und sie abstrahiert. Aurélien Froment präsentiert nicht nur die Arbeiten Friedrich Fröbels, sondern untersucht die Schnittstellen und Interdependenzen von Ausstellung und Vermittlung, Zeigen und Erziehen. Im Sinne der Ausstellungsreihe wird Froments Installation durch Leihgaben aus dem Fröbel-Museum in Bad Blankenburg und aus dem Memorialmuseum in Oberweißbach erweitert: Anhand von Originalen wird ein spezifischer Einblick in die Gedankenwelt des Pädagogen wie in den ästhetischen Zeitgeist – von der Romantik bis zum Kalten Krieg – gewährt.
›Fröbel gefröbelt‹ ist nicht nur eine Ausstellung über Fröbel, sondern auch mit Fröbel, die sich der Komplexität seiner pädagogischen Ideen mit dem Format der Ausstellung nähert und dadurch das Möglichkeitsspektrum seiner Theorien zur Aufführung bringt. Aurélien Froment verbindet auf mehreren Ebenen die Vergangenheit mit der Gegenwart und macht durch seine Inszenierung den Einfluss, den Fröbel auf die Kunst und Architektur der Moderne hatte, sichtbar – wobei das Format der Sichtbarmachung hier selbst hinterfragt wird. Die Ausstellung ›Fröbel gefröbelt‹ ist in Zusammenarbeit mit der Contemporary Art Gallery, Vancouver; der Villa Arson, Nizza; FRAC Île-de-France / Le Plateau, Paris sowie Spike Island, Bristol entstanden und wird vom Institut Français gefördert.
2017 erscheint eine Publikation zur Ausstellungsreihe.

 

Aurélien Froment (*1976 in Angers, Frankreich) lebt in Dublin. 2014 wurde seine Einzelausstellung ›Fröbel gefröbelt‹ in der Contemporary Art Gallery (Vancouver), der Villa Arson (Nizza) und bei Spike Island (Bristol) gezeigt. ›Fröbel gefröbelt‹ war zudem Teil der Doppelausstellung ›Montage des attractions‹ im Le Plateau – FRAC Île‑de‑France in Paris. Unter anderem wurden Einzelausstellungen von Aurélien Froment in folgenden Institutionen präsentiert: CCA Wattis in San Francisco, Le Crédac in Ivry-sur-Seine, Frankreich, Musée de Rochechouart und Gasworks in London. Zudem nahm Aurélien Froment an der Sydney Biennale (2014), an der Venedig Biennale (2013), der Lyon Biennale und der Yokohama Triennale (2011) und der Gwangju Biennale (2010) teil. Er ist Mitglied des Künstlerhauses ›Temple Bar Gallery + Studios‹ in Dublin.

23.4.2015 – 21.6.2015
S
›Point of No Return‹
Antje Engelmann

In der Reihe ›Das Serendipitätsprinzip‹ präsentiert der Heidelberger Kunstverein die Einzelausstellung ›Point of No Return‹ von Antje Engelmann. Im Zentrum der Ausstellung steht Engelmanns gleichnamige Videoarbeit ›Point of No Return‹ von 2015. Angelehnt an die Struktur des Reiseberichts sampled sie dokumentarisches Filmmaterial aus ihrem privaten Archiv und dem Internet mit eigenen Texten zu einem vielschichtigen filmischen Essay: Neben ihrer eigenen Stimme sind Audio-Aufnahmen von der ›Golden Record‹ zu hören, die die NASA 1977 mit den Raumsonden Voyager 1 und 2 als Botschaft für Außerirdische ins All sandte.
Der Künstlerin begegnen auf einer Reise von New York nach Los Angeles die Naturgewalten der Prärie, Vögel und Menschen: Da ist der Biologe und Gentechniker, der sich die genetische Entschlüsselung und Wiedererweckung der im 19. Jahrhundert von den Siedlern ausgerotteten Wandertaube zur Aufgabe gemacht hat. Oder der Ex-Bodybuilder vom Muscle Beach in Venice, der mit seinem Papagei gerade einem tödlichen Blitzgewitter entkommen ist und von den Weiten des Kosmos berichtet. Und der Beat Poet, der von Indianern, psychoaktiven Kakteen und schamanistischen Ritualen erzählt und in seinem letzten Roman ebenfalls von Wandertauben schreibt. Und da ist sie selbst als werdende Mutter.
Auf ihrer Reise durch die Kulturgeschichte des Westens der USA stößt Antje Engelmann immer wieder auf ikonografische Bilder verschiedener Wissensformen und im weitesten Sinne auf anthropozäne Prozesse: Die Utopien der Gegenkultur, das erste fotografische Bild der ›ganzen‹ Welt (The Blue Marble), Martha, die letzte Wandertaube, der Kuksu-Tanz und physische Spannungen der Erde tragen durch den Film, der sich allen gängigen Genres widersetzt.
›Point of No Return‹ ist ein Film über Auslöschung und Wiederbelebung, über Tod und Geburt. Die vielschichtige Montage von Material und Entwurf macht ihn zu einer oszillierenden Suche vom Mikrokosmos zum Makrokosmos und wieder zurück.

Antje Engelmann (*1980 in Ulm) lebt und arbeitet in Berlin und Los Angeles. Sie wurde mehrfach mit Preisen und Stipendien wie dem Fulbright-Stipendium und dem Karl-Schmidt-Rotluff Stipendium ausgezeichnet und war von 2012 bis 2013 Gastprofessorin am Art Center College of Design in Pasadena, Los Angeles. Mit ihrer multimedialen Arbeit ist Engelmann international vertreten und stellte u. a. im Paço das Artes und MIS Museu da Imagem e do Som in São Paulo, in der Kunsthalle Luzern, dem ZKM – Museum für Neue Kunst in Karlsruhe und in der Berlinischen Galerie aus.

23.4.2015 – 21.6.2015
F
›Sweaite‹
Naneci Yurdagül

Susanne Weiß: Herr Yurdagül.

Naneci Yurdagül: Frau Weiß.

S. W.: Ihre Ausstellung im Foyer des Kunstvereins heißt ›Sweaite‹. Wofür steht diese Wortschöpfung?

N. Y.: ›Sweaite‹ habe ich aus den englischen Wörtern ›swear‹ und ›wait‹ gebildet, die im Kern meine zweiteilige Arbeit beschreiben. Die Doppeldeutigkeit des Begriffs ›swear‹, der sowohl mit ›schwören‹ als auch mit ›fluchen‹ übersetzt werden kann, sowie die Übersetzung von ›wait‹ als ›warten‹ mit ›Warte!‹ oder ›Augenblick!‹ fordern den Betrachter direkt auf. Die Installation ist eine Komposition – eine ›Suite‹ von Stecknadeln.

S. W.: ›Sweaite‹ ist eine zweiteilige Arbeit, die aus Wandbildern mit Texten und einer Vitrine besteht. Hauptbestandteil der Installation sind Glaskopf-Stecknadeln mit bunten Köpfen, die den Rahmen für die Bilder abstecken. Warum haben Sie sich für Stecknadeln mit Glasköpfen entschieden?

N. Y.: Die Glaskopf-Stecknadeln sind für mich bildhauerisches Material. Da diese den Rahmen für meine Bilder und Werke abstecken, war es für mich wichtig, dass sie auf den ersten Blick zunächst nur durch das Zusammenspiel von Licht und Schatten sichtbar werden. Ich möchte den Betrachter neugierig machen und an die Wand locken: Durch die Zurückgenommenheit der Wandbilder rückt der Text der Werke in den Mittelpunkt und die sichtbare Leere kann individuell ausgefüllt werden.

S. W.: Die Texte – die gleichzeitig die Titel der Bilder sind – beschreiben kurze Episoden aus dem Leben des Propheten Mohammed. Damit überführen Sie eine weiße Fläche in die aktuelle Debatte um das Bilderverbot und zeigen, dass ein Bilderverbot praktisch unmöglich ist, weil sich jeder sein eigenes Bild von dem macht, was er sieht, auch wenn der Bildinhalt abstrakt ist. Wie politisch ist damit das private Bild – das Nichts?

N. Y.: Wie politisch Bilder geworden sind, zeigt sich u. a. in der Mediendebatte um die Videos von ISIS. Soll man diese ausstrahlen oder nicht? Auch wenn sich viele Nachrichtensender dazu entscheiden, diese unmenschlichen Bilder nicht zu zeigen oder zu verpixeln, regen diese – so schrecklich es klingt – die Fantasie des Betrachters an. Dadurch entsteht eine neue Realität, die von jedem unterschiedlich konstruiert erscheint. Meine Arbeit reflektiert demnach eine Verdichtung von Realität, deren Bausteine die kurzen Episoden bilden und das Nichts der weißen Wand ausfüllen. Nicht nur das Bild ist politisch, sondern ebenso das Nichts.

S. W.: Gleichzeitig gibt es kunst- und religionshistorische Vorläufer, die sich mit dem leeren Bild als Gegenstand auseinandersetzten und etliche Zeugnisse des Bilderverbots. Dockt Ihre Arbeit in der Aufklärung an?

N. Y.: Meine Arbeit legt mehrere Zugänge, die historische Vorläufer ebenso miteinschließen wie aktuelle politische Debatten. Egal wie leer ein Bild sein mag: In den Augen der Betrachter kann jede Leere ausgefüllt werden und zur Reflexion anregen; vom Bilderverbot über Kasimir Malewitschs schwarzes Quadrat oder die monochromen Gemälde von Yves Klein. In diesem Sinne versuche ich zu wirken und den Betrachter nicht nur mit dieser Situation zu konfrontieren, sondern darauf aufmerksam zu machen, wie das Nichts rezipiert werden kann. Durch das Zusammenspiel mit dem Text wird der Betrachter ›vorbelastet‹ und kann somit die vermeintliche Leere füllen. Das kann ich bieten – aufklären müssen sich die Betrachter dann selbst.

Naneci Yurdagül (*1979 in Frankfurt am Main) studierte bis zu seinem Abschluss als Meisterschüler im Jahr 2011 freie Kunst und Performance in Paris sowie Bildhauerei an der HfBK Städelschule in Ffm. Seine Arbeiten waren u. a. in Einzelausstellungen im Nassauischen Kunstverein, Wiesbaden, und den Opelvillen, Rüsselsheim, sowie in Gruppenausstellungen in der Staatlichen Kunsthalle, Baden-Baden; Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin; Museum für Moderne Kunst, Ffm; Wilhelm Hack Museum, Ludwigshafen; Museum of Art, Tel Aviv; Portikus, Ffm, zu sehen. Yurdagül ist aktuell Preisträger im Stipendienprogramm der Hessischen Kulturstiftung 2015 / 2016 sowie Förderstipendiat des Else-Heiliger-Fonds der Konrad-Adenauer-Stiftung und wird am 23. April 2015 in Frankfurt am Main mit dem Künstlerpreis der Cranach-Stiftung ausgezeichnet.

22.2.2015 – 12.4.2015
S
›Kino Romanes‹

Im Studio des Heidelberger Kunstvereins wird für die Zeit der Ausstellung ein temporäres Kino eingerichtet. Mit ›Kino Romanes‹ soll ein Einblick in die virulente Filmszene von Filmemachern gegeben werden, die sich mit den Sinti und Roma und ihrer Stellung in der Gesellschaft auseinandersetzen. Im Rahmen der Ausstellung werden Filme von Regisseuren gezeigt, die jeweils von einem Künstler, Kurator, Autor oder Historiker als besonders relevant empfunden werden. Diese Experten legen in einem Statement dar, weshalb sie den jeweiligen Film ausgewählt haben.
Der Kunstverein gibt damit eine Vielzahl von Einblicken in die unterschiedlichsten Kulturen und Perspektiven der Sinti und Roma bis in die Gegenwart. Von Spiel- bis Dokumentarfilm werden dabei auch die Fragen, die das Werk von Ceija Stojka aufwirft, weitergeführt.
Jeden Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag zeigt das temporäre ›Kino Romanes‹ jeweils um 16 und 18 Uhr Filme im Studio. Vor jeder Vorführung wird das Statement der Person, die den Film empfohlen hat, zitiert. Bei einigen Filmvorführungen sind sowohl die Regisseure Dr. Karin Berger und Bodo Kaiser als auch Experten wie Radmila Mladenova, Jara Kehl oder Kathrin Krahl zum Gespräch eingeladen.

Filme zur Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma
DO/FR/SA/SO, JE 16 UND 18 UHR

1.
„A People Uncounted. The Untold Story of the Roma“
Regie: Aaron Yeger
Dokumentarfilm, 99 Min., Englisch, 2011, Kanada

22.2. 16 Uhr / 26.2. 16 Uhr / 28.2. 16 Uhr / 8.3. 16 Uhr
13.3. 18 Uhr / 26.3. 16 Uhr / 3.4. 16 Uhr / 10.4. 18 Uhr

Der Dokumentarfilm „A People Uncounted“ erzählt einzelne Geschichten von Sinti und Roma ausgehend von deren Verfolgung während des Nationalsozialismus. 500.000 Sinti und Roma wurden in dieser Zeit ermordet. In Interviews, u.a. mit Überlebenden, Historikern, Aktivisten und Musikern, beleuchtet Yeger die kulturellen Kontexte einzelner Sinti und Roma und verknüpft ihre Gegenwart mit den Tragödien der Vergangenheit. Ein Film zum Innehalten und Nachdenken.

„A People Uncounted“ wurde weltweit auf mehr als 30 Filmfestivals ausgestrahlt und mehrfach preisgekrönt – so mit dem 1. Preis des Romani-Film-Festivals, mit dem Human Rights Award des Brüsseler Festival des Libertés und als bester Dokumentarfilm beim Foyle Film Festival in Derry, England.

Aaron Yeger arbeitet als Autor, Regisseur und Produzent von Werbeclips, Kurzfilmen und Dokumentationen. Bereits als Student der School of Image Arts der Ryerson Universität in Toronto (2002-2006) wurde er wiederholt ausgezeichnet, u.a. mit zwei Stipendien der Universal Studios. Für „A People Uncounted“ wurde er 2013 von der Producers Guild of America als Filmproduzent des Jahres nominiert.

Vorgeschlagen von Frank Reuter
Frank Reuter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Referat Dokumentation des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg.

2.
„Natasha"
Regie: Ulli Gladik
Dokumentarfilm, 84 Min., Bulgarisch mit deutschen Untertiteln, 2008, Österreich

22.2. 18 Uhr / 5.3.16 Uhr / 13.3. 16 Uhr
2.4. 18 Uhr / 4.4. 16 Uhr / 11.4. 16 Uhr

Natasha lebt in Bresnik, einer Kleinstadt bei Sofia. Mehrmals im Jahr fährt sie nach Österreich – um zu betteln. Kein Einzelschicksal: An den Rand der Gesellschaft gedrängt und ohne Zukunftsperspektive versuchen viele bulgarische Roma so ihre Familien zu ernähren. Die österreichischen Gemeinden reagieren mit Bettelverboten. Ulli Gladik hat Natasha über fast zwei Jahre begleitet. Exemplarisch beleuchtet sie den Alltag des Bettelns und die prekären Lebensumstände der Roma in ihrer bulgarischen Heimat. „Natasha“ ist ein Appell, Armut nachhaltig zu bekämpfen, statt sie mit Bettelverboten zu kriminalisieren und nach und nach unsichtbar zu machen.

Ulli Gladik (*1970 in Bruck an der Mur/ Österreich) ist freischaffende Künstlerin, Fotografin und Filmemacherin. Nach einem Abschluss an der Schule Friedl Kubelka für künstlerische Fotografie studierte sie an der Akademie der Bildenden Künste in Wien (1998-2003). Während eines Stipendienaufenthalts an der National Academy of Arts in Sofia (2001/02) gründete sie gemeinsam mit Ljuben Stoev und Doris Peter das Kunstprojekt „Transformazija“ mit Ausstellungen in Deutschland, Österreich und Bulgarien. Ulli Gladik engagiert sich in der BettelLobbyWien gegen Bettelverbote.

Vorgeschlagen von Karin Berger
Karin Berger (*1953 in Gmünd/Niederösterreich) arbeitet als freiberufliche Autorin und Regisseurin für Dokumentarfilm. Sie unterrichtet an verschiedenen Universitäten, u.a. in Wien und Linz, und veranstaltet Workshops zu filmischen und zeitgeschichtlichen Themen. Ihre Filmprojekte verbindet sie oftmals mit Buchpublikationen. So erschienen neben den Filmen „Ceija Stojka“ und „Unter den Brettern hellgrünes Gras“ mit „Wir leben im Verborgenen“ und „Träume ich, dass ich lebe?“ die biographischen Werke von Ceija Stojka.

3.
„Sidonie“
Regie: Karin Brandauer
Spielfilm, 90 Min., Deutsch, 1990, Österreich

26.2. 18 Uhr / 8.3. 18 Uhr / 21.3. 18 Uhr
29.3. 16 Uhr / 2.4.16 Uhr / 9.4. 16 Uhr

1933 wird im oberösterreichischen Steyr ein kleines Mädchen gefunden und von der Arbeiterfamilie Breirather liebevoll aufgenommen. Sidonie wächst glücklich und behütet auf. Die dunkle Hautfarbe kümmert die Zieheltern nicht. Eines Tages fordern die nationalsozialistischen Behörden die Übergabe des Kindes, vorgeblich an seine leibliche Muter. Die Eltern kämpfen einen verzweifelten Kampf um die geliebte Tochter – vergebens. In leisen, aber eindringlichen Bildern schildert Karin Brandauer das kurze Leben der Romni Sidonie Adlersburg, die 1943 mit noch nicht zehn Jahren in Auschwitz ermordet wurde.

Drehbuchautor Erich Hackl wurde beim Wettbewerb der Europäischen Fernsehunion (EFU) mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Regisseurin Karin Brandauer erhielt den Sonderpreis der Baden-Badener Tage des Fernsehspiels.
Karin Brandauer (1945-1992) arbeitete als Filmregisseurin und Drehbuchautorin. In Dokumentar- und Spielfilmen griff sie immer wieder unbequeme und problematische Themen der österreichischen Geschichte auf.

Vorgeschlagen von Thomas Baumann
Thomas Baumann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Presse-, Öffentlichkeits- und Antirassismusarbeit im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Er hat an den Universitäten Mannheim, Heidelberg und Uppsala (Schweden) Geschichte und Germanistik studiert.

4.
„Zuwandern“
Regie: Sabine Herpich, Diana Botescu
Dokumentarfilm, 81 Min., Rumänisch mit deutschen Untertiteln, 2014, Deutschland

27.2. 16 Uhr / 5.3. 18 Uhr / 12.3. 16 Uhr
19.3. 18 Uhr / 26.3. 18 Uhr / 4.4. 18 Uhr

„Zuwandern“ beschreibt die Anstrengungen der rumänischen Familie Badea, in Deutschland Fuß zu fassen. Weil sich die wirtschaftliche Situation von Carmen und George Badea in Rumänien zunehmend verschlechterte, beschloss die Familie mit ihrem Sohn Daniel nach Deutschland auszuwandern. In Berlin angekommen, verbrachten sie den ersten Winter in einer verlassenen Gartenlaube, begleitet von komplizierten Behördengängen. Die Regisseurinnen Sabine Herpich und Diana Botescu treffen auf Familie Badea, als deren Leben auf der Straße vorüber ist.

„Zuwandern“ erhielt 2014 den „Förderpreis Dokumentarfilm“ des Dokumentarfilmfestivals dokKa in Karlsruhe. Die Filmpremiere fand 2014 an der Volksbühne Berlin statt.

Sabine Herpich (*1973 in Höchstädt/ Deutschland) arbeitet als Filmeditorin und Filmemacherin in Berlin. Nach einem Abschluss in Philosophie, Neuerer deutscher Literatur und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (2002) schloss sie ein Filmmontage-Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg an.

Diana Botescu (1980* in Bukarest/ Rumänien) arbeitet bei Amaro Foro e.V. Berlin in der Anlaufstelle für europäische Roma als Sozialberaterin. Zuvor war sie mehrere Jahre als Beraterin in EU-Angelegenheiten in der rumänischen öffentlichen Verwaltung tätig (2004-11). Sie hat Politikwissenschaften an der Babes-Bolyai-Universität in Cluj/Rumänien und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster studiert (1998-2004) und ein Studium der Soziologie an der Humboldt-Universität Berlin abgeschlossen (2011-13).

Vorgeschlagen von Clara Bausch
Clara Bausch (*1982 in Berlin/ Deutschland) ist Künstlerin und Filmemacherin. Bis 2009 studierte sie Bildende Kunst bei Lothar Baumgarten und Henning Kürschner an der Universität der Künste in Berlin. Sie ist Mitbegründerin des Kollektivs LaborBerlin e.V. Ihre Filme, Fotografien und Zeichnungen sind in privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten und wurden in unterschiedlichen Kontexten u.a. in Berlin, Frankfurt, Kairo und Warschau präsentiert.

5.
„Our School“
Regie: Mona Nicoara / Miruna Coca-Cozma
Dokumentarfilm, 94 Min., Rumänisch mit deutschen Untertiteln, 2011, Rumänien

27.2. 18 Uhr / 1.3. 16 Uhr / 20.3. 16 Uhr
22.3. 18 Uhr / 28.3. 16 Uhr / 5.4. 18 Uhr

Aufhebung der ethnischen Trennung, bessere Bildungschancen für Roma-Kinder – das waren die Ziele eines von der EU ab 2006 subventionierten Projekts in der rumänischen Kleinstadt Târgu Lăpu
. „Our School“ hat Alin, Beni und Dana begleitet, ursprünglich um ihre erfolgreiche Integration in die örtliche Schule zu dokumentieren. Vier Jahre nach Projektbeginn werden die drei Kinder in einer Sonderschule für Behinderte unterrichtet. Mithilfe der EU-Gelder wird die ehemalige Roma-Schule renoviert. Dass der Film trotz allem auch humorvolle Momente bereithält, ist den Kindern zu verdanken, die sich dem institutionalisierten Rassismus voller Energie, mit viel Witz und hartnäckigem Optimismus entgegenstellen.

„Our School“ war auf mehr als sechzig Filmfestivals zu sehen und wurde vielfach prämiert, so u.a. beim SilverDocs Documentary Festival 2011 als Best US Feature sowie beim Human Rights Arts and Film Festival 2012 als Best International Feature.

Mona Nicoara ist Filmemacherin, Produzentin und Menschenrechtsaktivistin. Sie lebt in New York.

Miruna Coca-Cozma ist Kulturjournalistin bei Radio Télévision Suisse. Sie hat die BBC School of Journalism und die Rumänische Theater und Film Akademie absolviert.

Vorgeschlagen von Mike Schlömer
Mike Schlömer lebt und arbeitet in Köln. Er ist als Filmemacher, Kameramann, Produzent, Cutter und nebenbei als Festivalorganisator tätig. In Freiburg arbeitete er u.a. für die white pepper Filmgesellschaft und ist Mitbegründer der Freiburger Medienwerkstatt.

6.
„Bread and TV“
Regie: Jacky Stoev
Dokumentarfilm, 56 Min., Bulgarisch mit deutschen Untertiteln, 2013, Bulgarien

28.2. 18 Uhr / 6.3. 16 Uhr / 14.3. 18 Uhr
29.3. 18 Uhr / 3.4. 18 Uhr / 9.4. 18 Uhr

Bobi steht jeden Morgen um fünf Uhr auf, um Brot auszuliefern. Seine Abende widmet er dem Fernsehen. Denn Bobi ist Gründer des ersten Roma-TV-Senders in Bulgarien und dokumentiert den Lebensalltag seiner Gemeinschaft. Jacky Stoev hat Bobi in seiner Heimatstadt Kyustendil besucht und sich von ihm durch sein Viertel führen lassen. Mit sensiblem Blick und einer Prise Humor stellen Bobi und Stoev die Bewohner des Viertels mit ihren alltäglichen Sorgen, Hoffnungen und den Bemühungen vor, ihre Lebensumstände zu verbessern.

Jacky Stoev (*1941 in Sofia/ Bulgarien) zählt als Regisseur zu den Größen des bulgarischen Kinos. Nach einem Magisterabschluss in Biologie an der TU Dresden nahm er am Regisseurprogramm der Nationalen Akademie für Theater- und Filmkunst „Krastjo Sarafov“ in Sofia teil. Ab 1992 leitete er für viele Jahre das Dokumentarfilmstudio „Vreme“. Stoev produzierte mehr als fünfzig Kurzfilme und vier Spielfilme. Für sein Schaffen wurde er auf nationaler wie auf internationaler Ebene vielfach ausgezeichnet.

Vorgeschlagen von Ulli Gladik
Ulli Gladik (*1970 in Bruck an der Mur/Österreich) ist Regisseurin und Fotografin. 2000 hat sie ein Jahr als Austauschstudentin an der Kunstakademie in Sofia verbracht. 2004 drehte sie in Sofia den Kurzdokumentarfilm "drei cents", in dem sie Menschen interviewt, die aus den Mülltonnen Wiederverwertbares sammeln. 2008 folgte „Natasha“, das Porträt einer Bulgarin, die in Österreich bettelt. 2014 setzte sie sich in „Global Shopping Village“ kritisch mit dem Phänomen Shoppingcenter auseinander. Ulli Gladik lebt und arbeitet in Wien.

7.
„The Magicians' Winter“
Regie: Dušan Dušan Trančík
Spielfilm, 77 Min., Slowakisch mit englischen Untertiteln, 2006, Slowakei

1.3. 18 Uhr / 7.3. 16 Uhr / 14.3. 16 Uhr
27.3. 16 Uhr / 5.4. 16 Uhr / 10.4. 16 Uhr

Was tun, wenn man auf den letzten Metern bemerkt, dass man seine Zeit nicht sinnvoll genutzt hat? Der sechzigjährige Koloman und sein Freund Cepelkin, seine Tochter Biba und deren Verlobter haben kein Geld, aber Ideen: Ein Platz auf dem Friedhof zum Schnäppchenpreis? Eine Mittelmeerfahrt? Oder ein Bankraub? Ein humorvoller Film über letzte Gelegenheiten.

Dušan Trančík (*1946 in Bratislava/ Slowakei) ist Drehbuchautor, Regisseur, Dozent und Mitglied der European Film Academy. Er hat die Film- und Fernsehfakultät der Akademie der Musischen Künste (FAMU) in Prag absolviert (1970).

Vorgeschlagen von Esther Dischereit
Esther Dischereit (*1952) ist seit 1985 als Schriftstellerin und Journalistin tätig. Thema ihrer Arbeiten ist insbesondere die Assimilation der Juden in Deutschland. Sie arbeitet mit verschiedenen Musikern zusammen und unternimmt Vortrags- und Lesereisen in die Vereinigten Staaten und verschiedene europäische Länder. 2009 wurde sie mit dem Erich-Fried-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Berlin.

9.
„Judgement in Hungary“
Regie: Eszter Hajdú
Dokumentarfilm, 107 Min., Ungarisch mit deutschen Untertiteln, 2013, Ungarn/ Deutschland

6.3. 18 Uhr / 15.3. 18 Uhr

78 Gewehrschüsse, 11 Molotovcocktails – die Bilanz: 6 Tote, 5 Schwerverletzte. Zwischen Juli 2008 und September 2009 überfielen Rechtsradikale in verschiedenen Regionen Ungarns gezielt Roma. Bei dem aufsehenerregenden Prozess gegen vier der Haupttäter war Eszter Hajdú mit der Kamera im Gerichtssaal dabei und hat drei Roma-Familien mit ihrer Trauer und ihren Hoffnungen auf ein gerechtes Urteil durch die 167 Verhandlungstage begleitet.

„Judgement in Hungary / Urteil in Ungarn“ wurde auf dem Filmfestival “goEast” mit dem Dokumentarfilmpreis „Erinnerung und Zukunft“ ausgezeichnet.

Eszter Hajdú (*1979 in Budapest/ Ungarn) studierte Elektronische Medien, Soziologie und Jüdische Kultur. Nach Filmseminaren in Italien und Rumänien nahm sie an der IDFA Festival Academy in Amsterdam teil. Zurzeit studiert sie an der Hochschule für Film- und Fernsehen in Budapest. Ihr Fokus liegt auf Dokumentarfilmen mit sozialpolitischen Thematiken. Für ihr aufsehenerregendes Werk „The Fidesz Jew, the Mother with no Sense of Nation, and Mediation“ wurde sie beim 40. Ungarischen Filmfestival und beim International Human Rights Documentary Film Festival Budapest ausgezeichnet.

Vorgeschlagen von Lith Bahlmann
Lith Bahlmann (*1966) lebt freischaffend als Autorin und Kuratorin in Berlin. Sie ist Herausgeberin mehrerer monografischer Künstlerkataloge und Ausstellungspublikationen, u.a. „Out of Bosnien“ (2005)/ „Der Blinde Fleck“ (2008)/ „Reconsidering Roma“ (2011)/ „Das schwarze Wasser – Das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma“ (2012)/ „Duldung Deluxe Passport“ (2013)/ „Ceija Stojka – Sogar der Tod hat Angst vor Auschwitz“ (2014).

9.
„Just the Wind“
Regie: Bence Fliegauf
Spielfilm, 91 Min., Ungarisch mit englischen Untertiteln, 2012, Ungarn/ Deutschland/ Frankreich

7.3. 18 Uhr / 22.3. 16 Uhr

Mari lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Haus am Waldrand. Sie sammelt Müll auf und geht putzen, die Kinder gehen zur Schule. Alle warten sie darauf, dass der Vater sie endlich zu sich nach Kanada holt. Demütigungen und Diskriminierungen gehören für sie zum Alltag. Seit einiger Zeit kommt es in der Gegend zu massiven Gewalttaten gegen Roma. Mehrere Menschen wurden bereits ermordet. Bence Fliegauf schildert in seinem von einer realen ungarischen Mordserie 2008/09 angeregten Spielfilm einen gewöhnlichen Tag im Leben der Familie Szorba. Am Abend sind draußen Geräusche zu hören. „Nur der Wind“, beruhigt die Mutter die Kinder.

Auf der Berlinale 2012 wurde „Csak a szél / Nur der Wind“ mit dem Silbernen Bären, dem Friedensfilmpreis und dem Amnesty International Filmpreis prämiert.

Bence Fliegauf (*1974 in Budapest) ist Filmregisseur und Drehbuchautor. Nach einer Ausbildung zum Bühnenbildner (1995-98) war er beim ungarischen Fernsehen u.a. als Redakteur tätig. Es schlossen sich Regieassistenzen, beispielsweise beim Altmeister des ungarischen Kinos Miklós Jancsó und bei Árpád Sopsits an. Für seine Filme wurde der Autodidakt mit zahlreichen Preisen geehrt.

Vorgeschlagen von Andreas Schendel
Andreas Schendel (*1971 in Kamp Lintfort/ Deutschland) lebt als freier Schriftsteller in Dresden und Budapest. 2003 war er Stadtschreiber in Dresden. Im selben Jahr gründete er die Dresdener „SammlungJungeKunst“, die Künstler aus Deutschland und Ungarn durch Ankäufe unterstützt. Seine Arbeit wurde vielfach durch Stipendien und Preise gefördert. 2008 war er für „Dann tu's doch“ in der Kategorie Bester Roman für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert.

10.
"Randerscheinungen"
Regie: Bodo Kaiser
Dokumentarfilm, 90 Min., Deutsch, 2014, Deutschland

12.3.18 Uhr
27.3.18 Uhr anschließend Gespräch mit dem Filmemacher

„Randerscheinungen“ gewährt sensible Einblicke in Roma- und Sinti-Familien, die in Freiburg ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben. Nach offiziellen Angaben leben dort ca. 900 Angehörige der Roma, die vor allem aus Süd- und Südosteuropa eingewandert sind. Ihr Aufenthaltsstatus in Deutschland ist äußerst prekär, ständig bedroht von ihrer Abschiebung. Im Gegensatz zu den Roma fühlen sich die rund 900 in Freiburg lebenden Sinti integriert. Kaiser lässt in seinem Film diese zwei Gruppierungen zu Wort kommen. Eindringlich werden ihre heutige Vertreibung sowie die Verbrechen, die an Roma und Sinti im Dritten Reich verübt wurden, geschildert.

Bodo Kaiser (*1934 in Marburg/ Deutschland) ist Dokumentarfilmer. In seinen Arbeiten thematisiert er überwiegend gesellschaftliche Probleme und hat sich wiederholt mit dem Nationalsozialismus befasst. Er hat Germanistik, Kunstgeschichte, Politik und Theaterwissenschaften in Marburg, Tübingen und Freiburg studiert und in verschiedenen Berufen, u.a. als Lehrer, gearbeitet.

Vorgeschlagen von Matthias Reichelt
Matthias Reichelt (*1955) ist freier Kulturjournalist, Lektor und Ausstellungsmacher. Er hat Amerikanistik und Germanistik studiert.

11.
„Revision“
Regie: Philip Scheffner
Dokumentarfilm, 106 Min., Deutsch, 2012, Deutschland

15.3. 16 Uhr / 28.3. 18 Uhr

„Revision“ rollt den Tod zweier rumänischer Roma an der deutsch-polnischen Grenze in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 1992 und die damit einhergehenden polizeilichen Ermittlungen dokumentarisch auf. Die beiden Männer wurden von zwei Jägern auf Wildschweinjagd vorgeblich irrtümlich erschossen.
„Revision“ wurde im Februar 2012 auf der Berlinale uraufgeführt und war für den Amnesty-Filmpreis nominiert. Beim Wiesbadener goEast-Festival ging der Film im selben Jahr als Sieger in der Kategorie Dokumentarfilm hervor.

Philip Scheffner (*1966 in Homburg an der Saar/ Deutschland) ist Filmemacher und Künstler. 1991-99 war er in der Berliner Autorengruppe und Produktionsfirma „dogfilm“ aktiv. 2001 gründete er gemeinsam mit Merle Kröger die Medienplattform und Produktionsfirma „pong“. Neben Dokumentarfilmen und Videokunst arbeitet er verstärkt in den Bereichen experimentelle Musik und Klangkunst.

Vorgeschlagen von Sandra Schäfer
Sandra Schäfer (*1970 in Altenkirchen/ Deutschland) ist Künstlerin. Nach einem Studium der Freien Kunst, Soziologie und Politikwissenschaften an der Universität Kassel (1991-98) und der Slade School of Fine Arts des University College London (1996-97) absolvierte sie ein Postgraduiertenstudium in Medienkunst/Film an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Derzeit arbeitet sie an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste an einer Promotion über visuelle Gestaltungsprinzipien der Hisbollah im Libanon. Ihre Arbeiten werden international gezeigt und mit Preisen und Stipendien gefördert.

12.
„Unter den Brettern hellgrünes Gras“
Regie: Karin Berger
Dokumentarfilm, 52 Min., Deutsch, 2005, Österreich

19.3. 16 Uhr
12.4. 18 Uhr anschließend Gespräch mit der Filmemacherin

Auschwitz-Birkenau – Ravensbrück – Bergen-Belsen. Als Kind hat Ceija Stojka (1933-2013) drei nationalsozialistische Vernichtungslager erlebt. Und sie hat überlebt. In „Unter den Brettern hellgrünes Gras“ erinnert sie sich im Alter von 72 Jahren an ihren letzten Lageraufenthalt. Unmittelbar und schmerzhaft anschaulich schildert sie das Grauen, erzählt von ihrem Überlebenskampf, der Befreiung und von der Schwierigkeit, wieder leben zu lernen. Der Film kommt ohne viele Bilder aus. Allein mit ihren Worten zeichnet Ceija Stojka ein eindrückliches und verstörendes Bild der Vergangenheit.

„Unter den Brettern hellgrünes Gras“ wurde 2006 mit dem Fernsehpreis der Erwachsenenbildung ausgezeichnet.

Karin Berger (*1953 in Gmünd/ Österreich) arbeitet als freiberufliche Autorin und Regisseurin für Dokumentarfilm. Sie unterrichtet an verschiedenen Universitäten, u.a. in Wien und Linz, und veranstaltet Workshops zu filmischen und zeitgeschichtlichen Themen. Ihre Filmprojekte verbindet sie oftmals mit Buchpublikationen. So erschienen neben den Filmen „Ceija Stojka“ und „Unter den Brettern hellgrünes Gras“ mit „Wir leben im Verborgenen“ und „Träume ich, dass ich lebe?“ die biographischen Werke der österreichischen Romni.

Vorgeschlagen von Astrid Kury
Astrid Kury (*1968 in Schladming/ Österreich) ist Präsidentin der Akademie Graz und als Lehrbeauftragte am Institut für Kunstgeschichte der Karl-Franzens-Universität Graz sowie als Kuratorin tätig. Sie hat Kunstgeschichte und Rechtswissenschaften an den Universitäten Graz und Wien studiert (1987-93) und über den Okkultismus und die Kunst der Wiener Moderne promoviert (1999).

13.
„Free Lety – Für ein würdiges Gedenken an den Porajmos“
Gespräch mit der Aktivistin Kathrin Krahl, der Regisseurin Martina Malinová und weiteren Aktivisten mit anschließender Filmvorführung:

„Několik Let / Let's Block“
Regie: Martina Malinová
Dokumentarfilm, 47 Min., Tschechisch mit englischen Untertiteln, 2014, Tschechien

20.3. 18 Uhr

Ein Schweinemastbetrieb südlich von Prag - an eben dieser Stelle befand sich von 1942-43 ein Konzentrationslager für Roma. Hunderte von Menschen wurden hier ermordet und Tausende zur Vernichtung nach Auschwitz weiter transportiert. Daran erinnert nichts. Der Kampf von Roma-Verbänden, EU und UNO um ein würdiges Gedenken in Lety u Písku hat bislang nichts bewirkt. Die NGO Konexe kämpft gegen den Antiziganismus in Tschechien und für eine Kultur des Erinnerns. Martina Malinová hat die von Miroslav Broz initiierte Blockade in Lety mit der Kamera begleitet. Die Einblendung von Tweets und Facebook-Nachrichten spiegeln die Aktivitäten der Gruppe in sozialen Netzwerken.

Martina Malinová studierte Dokumentarfilm an der Film and TV School of Academy of Performing Arts (FAMU) in Prag. 2013 war sie beim Internationalen Dokumentarfilm-Festival Jihlava mit ihrem Film „Thou Shalt not Steal“ in einer Reportage-Reihe anlässlich der Sechzigjahrfeier des Tschechischen Fernsehens vertreten.

Vorgeschlagen von Kathrin Krahl
Kathrin Krahl (*1977 in Neuburg a.d. Donau/ Deutschland) ist Wissenschaftlerin und Kuratorin. Sie hat Soziologie und Bildende Kunst in Dresden studiert.

14.
Ceija Stojka
Regie: Karin Berger
Dokumentarfilm, 85 Min., Deutsch, 1999, Österreich

21.3. 16 Uhr
11.4. 18 Uhr anschließend Gespräch mit der Filmemacherin

In Ceija Stojka zeichnet Karin Berger das einfühlsame Portrait der österreichischen Romni Ceija Stojka, die in Auschwitz fast ihre gesamte Familie verlor. Ausgehend vom gegenwärtigen Leben der Ceija Stojka wird in Rückblenden, die mit einzigartigem Archivmaterial bestückt sind, das Leben einer faszinierenden Frau vorgestellt, die als Reisende und Marktfahrerin lebte, bevor sie als Autorin und Malerin an die Öffentlichkeit trat und repräsentativ für die Öffnung der Roma gegenüber der Welt der "Gadje" stand.
Ceija Stojka ist frei von Klischees und gibt einen Einblick in das Leben der "Zigeuner" in Österreich, die bis heute mit den Vorurteilen der "Gadje" konfrontiert sind.

"Ceija Stojka ist ein Film über das Vergangene in der Gegenwart, über ein Leben mit traumatisierenden Erfahrungen, über das Glück zu leben. Diese Atmosphäre einzufangen, die nicht direkt in Worten und Bildern wiederzugeben ist, war das Schwierigste bei der Realisierung dieses Porträts und das Schönste, wenn es gelang." Karin Berger

21.2.2015 – 12.4.2015
H
›Wir leben im Verborgenen‹
Ceija Stojka

›Ich habe zum Stift gegriffen, weil ich mich öffnen musste, schreien.‹ — Ceija Stojka

Der Heidelberger Kunstverein zeigt mit Ceija Stojka ›Wir leben im Verborgenen‹ in der Reihe ›Einzelausstellung: nicht alleine‹ Grafiken und Gouachen der Künstlerin Ceija Stojka (1933 – 2013). Die österreichische Romni Ceija Stojka überlebte als Kind die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, Ravensbrück und Bergen-Belsen. Erst Ende der 1980er Jahre – nach über 40 Jahren – beginnt sie Bilder und Worte für das Erlebte zu fi nden; sie schreibt Gedichte, Prosa und veröffentlichte 1988 ihre von Dr. Karin Berger herausgegebene Autobiografie ›Wir leben im Verborgenen‹. Sie überwindet damit ihre Angst, gibt sich als Angehörige der Minderheit der Roma zu erkennen und bricht als eine der Ersten das Schweigen über die Verfolgung und Diskriminierung. Sie initiierte damit einen Prozess der Auseinandersetzung mit der bis dahin verdrängten Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma. Sie nannte sich selbst eine, die den ›Wenigerheiten‹ zugehöre.
Im Zentrum der Ausstellung stehen Stojkas grafische Arbeiten, die mit einem stark expressionistischen Duktus ihre Erinnerung an Angst, Scham, Verfolgung und Tod in den Lagern zum Ausdruck bringen. In den Jahren von 1996 bis 2011 schuf sie so den rund 250 Blätter umfassenden Tuschezyklus ›Sogar der Tod hat Angst vor Auschwitz‹. Ihre ›dunklen Bilder‹ erzählen von dem alltäglichen Überlebenskampf bis zu ihrer Befreiung und sind doch gleichzeitig in ihrer Wort-Bild-Auseinandersetzung mit dem Unaussprechlichen nicht greifbar. So sind die stilistisch vielfältigen Zeichnungen oftmals mit lautsprachlichen Satzstücken und narrativen Elementen versehen. In surrealen Bildinhalten oszillieren die Werke zwischen abgründiger Realität und Farbigkeit des Lebens, zwischen abstraktem Gestus und dokumentarischem Erinnern. Ihre Grafiken werden zusammen mit den Malereien in einer eigens konzipierten Architektur von Amelie Marei Löllmann ausgestellt. Bücher, Texte, Filme und Dokumente kontextualisieren die Inhalte der Ausstellung. Zudem werden die Dokumentarfilme von Dr. Karin Berger ›Unter den Brettern hellgrünes Gras‹ und ›Ceija Stojka‹, in denen die charismatische Zeitzeugin über ihr bewegtes Leben berichtet, gezeigt.
Ceija Stojka war eine Künstlerpersönlichkeit, die mit ihrem bildnerischen, musikalischen und literarischen Werk ein einzigartiges und zutiefst berührendes Narrativ über die Verfolgung und den Genozid an den europäischen Sinti und Roma in der NS-Zeit geschaffen hat. Sie ›malte, um zu überleben‹ und fand in diesem Prozess Bilder und Worte, die an Dringlichkeit nie verlieren werden und bei den derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen aktueller sind denn je.
In Kooperation mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum der Deutschen Sinti und Roma in Heidelberg finden Führungen und Vorträge statt. Ausgangspunkt der Ausstellung bilden zwei in Berlin 2014 gezeigten Ausstellungen von Lith Bahlmann und Matthias Reichelt und die Monografie ›Ceija Stojka (1933 – 2013) – Sogar der Tod hat Angst vor Auschwitz‹.

Ceija Stojkas (*1933 in Kraubath an der Mur, Steiermark; † 2013 in Wien) künstlerische Arbeiten waren bereits auf zahlreichen internationalen Ausstellungen zu sehen (u. a. 2004 im Jüdischen Museum Wien und 2009 in der State University, Kalifornien, sowie der Pacific University, Oregon). Sie wurde mehrfach mit Preisen und Ehrungen ausgezeichnet, u. a. erhielt sie 2001 das Goldene Verdienstkreuz des Landes Wien, 2005 die Humanitätsmedaille der Stadt Linz und 1993 den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch. 2008 erhielt sie das Bundesehrenzeichen des Österreichischen Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur für hervorragende Leistungen im Rahmen des interkulturellen Dialogs für den Katalog ›Ceija Stojka. Auschwitz ist mein Mantel. Bilder und Texte‹ und wurde 2009 durch eben dieses zur Professorin ernannt.

Der Heidelberger Kunstverein dankt dem Österreichischen Bundeskanzleramt, der Allianz Kulturstiftung und dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg für ihre Unterstützung.

21.2.2015 – 12.4.2015
F
›Sharing as Caring 4: Giving Form to Invisible Realities‹
Haruka Komroi & Natsumi Seo, Onagawa Community Project

Zum vierten Mal in Folge findet anlässlich des 11. März 2011 die Vitrinenausstellung ›Sharing as Caring‹ in Auseinandersetzung mit der Katastrophe von Fukushima statt. Miya Yoshida hat dafür zwei Projekte ausgewählt: die Trilogie ›Under the Waves, on the Ground‹ der Künstlerinnen Haruka Komori und Natsumi Seo sowie das ›Onagawa Community Project‹.
Für das Projekt ›Under the Waves, on the Ground‹ verlegten Komori und Seo ihren Lebensmittelpunkt von Tokio nach Rikusen Takada, in die am stärksten von dem Tsunami betroffene Region Japans. Um das Verschwundene durch Erzählungen wieder zum Vorschein zu bringen, rücken die traumatischen Erinnerungen der Einwohner in den Fokus. In den letzten zweieinhalb Jahren produzierten die beiden Künstlerinnen eine Reihe an Skizzen, führten Interviews und initiierten Workshops. Die Ergebnisse werden in einer Vitrine und in drei Filmen präsentiert: ›I go to hear the voices left behind‹, ›When my eyes had adjusted to the glare‹ und ›Handing over flowers, we’ll get together again tomorrow‹.
In der Cafeteria zeigt das ›Onagawa Community Project‹ die fortlaufende Fotodokumentation der japanischen Fotografin Toshie Kusamoto. Zum vierten Mal lassen uns die Künstler und Architekten des ›Onagawa Community Project‹ am Alltag des zehnjährigen Suzunosuke, der vier Jahre nach der Katastrophe immer noch in einer Notunterkunft in Onagawa wohnt, teilhaben.

Die Ausstellungsreihe Sharing as Caring wird kuratiert von Dr. Miya Yoshida

30.8.2014 – 2.11.2014
H
›Wo die Wahrheit liegt‹
Seiichi Furuya

Im Mittelpunkt von Seiichi Furuyas fotografischem Werk steht seine persönliche Auseinandersetzung mit Grenzen – Grenzen der Erinnerung, der Wahrnehmung und des Mediums Fotografie, politisch-geografischen Barrieren und existentiellen Grenzsituationen im eigenen Leben.
Zwischen 1981 und 1983 entstand die Serie ›Staatsgrenze‹, in der Furuya die Grenze zwischen Österreich und den Ostblockstaaten fotografierte. Aus Japan stammend, wo die Grenze durch das Meer natürlich definiert ist, interessiert er sich für die Grenzen, die mitten durchs Land führen, teilweise unsichtbar sind und dennoch Menschen, Kulturen und Ideologien voneinander trennen. Während sich die Weltöffentlichkeit vor allem auf die innerdeutsche Demarkation konzentrierte, nahm Furuya die Grenzgebiete zu Ungarn, Jugoslawien und der Tschechoslowakei auf, womit er ein politisches und gleichzeitig persönliches Dokument der Zeitgeschichte schuf.
Seiichi Furuya siedelte 1984 mit seiner Familie in die DDR über, wo er bis 1987 lebte. Die Ausstellung präsentiert eine umfangreiche Auswahl von Bildnissen seiner Frau Christine, die er von 1978 bis zu ihrem Selbstmord im Jahr 1985 regelmäßig porträtierte. Entstanden sind sehr persönliche Aufnahmen, die er nach Christines Tod in seinen Fotobänden, den ›Mémoires‹, immer wieder neu ordnete und kombinierte, um so seine Erinnerung zu manifestieren. Es entstand ein Archiv, das stetig wechselnde Formen annimmt.
›Zu Hause in Ost-Berlin‹, die dritte Serie, die im Kunstverein zu sehen ist, zeigt, ebenso wie ›Staatsgrenze‹, Bilder aus einer Welt, die so nicht mehr existiert. Eine Dia-Installation übersetzt die Fotografien in rhythmische Überblendungen und damit in eine sich fortwährend wandelnde Geschichte. Der Ausstellungstitel ›Wo die Wahrheit liegt‹ steht als Synonym für die Suche des Künstlers nach Antworten auf Fragen, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt.

 

Seiichi Furuya (*1950 in Izu, Japan) verließ Japan 1973. 1980 war er Mitbegründer der Zeitschrift „Camera Austria“, heute lebt und arbeitet er hauptsächlich in Graz.

Zur Ausstellung erschien im Frühjahr 2014, 30 Jahre nach dem Entstehen der Fotografien, im Spector Verlag Leipzig das Künstlerbuch „Staatsgrenze 1981–1983“. Die Publikation ist für 24 Euro im Kunstverein erhältlich.

Die Ausstellung findet in Kooperation mit dem Kunsthaus Dresden und der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig statt und wird dort im Frühjahr 2015 mit anderen programmatischen Schwerpunkten zu sehen sein.

30.8.2014 – 2.11.2014
S
›Dubayyland‹
Sophie-Therese Trenka-Dalton

In der Einzelausstellung ›Dubayyland‹ betrachtet Sophie-Therese Trenka-Dalton die Inszenierung kultureller Symbole in der Architektur von Dubai und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dabei blickt die Künstlerin hinter die mediale Fassade von Luftaufnahmen und 3D-Renderings ikonischer Bauprojekte und entwirft entlang von Objekten, Fundstücken und Fotoarbeiten ein assoziatives Bezugssystem zwischen neuen Monumenten, regionalen Motiven und (re)konstruierter Historie.
Dubai als zeitgenössische Stadt basiert auf der zunehmenden Konzentration internationaler Kapitalflüsse, einer Überlagerung von delokalisierten, gegensätzlichen Lebensrealitäten und dem extrem beschleunigten Aus- und Umbau urbaner Strukturen. Das Resultat ist eine Ästhetik der Fragmentierung und Modellhaftigkeit, die Sophie-Therese Trenka-Dalton als Ausgangspunkt für ihre installative Arbeit aufgreift. Miniaturdarstellungen von Monumenten, Variationen regional signifikanter Symbole (z.B. das für die Arbeit der Künstlerin zentrale Motiv der Dattelpalme), Firmenlogos und nachgestellte Architekturartefakte verschränkt sie zu einer individuellen Reflexion über eine neu entstehende Kultur, in der das Projizieren von Realität und das Kopieren oder Simulieren kultureller Referenzen zentrale Bestandteile bilden. In Erweiterung ihres spezifischen Interesses an der Stadt Dubai arbeitet die Künstlerin aktuell an dem Buchprojekt ›Roundabout Monuments in the UAE‹ über die Vielfältigkeit der Gestaltung von Kreisverkehren in den VAE, das in Auszügen ebenfalls vorgestellt wird.
Die Ausstellung ›Dubayyland‹ im Studio des Heidelberger Kunstvereins ist die erste Präsentation von Material zur Architektur in Dubai, die die Künstlerin seit 2009 und zuletzt während eines viermonatigen Aufenthaltsstipendiums in den Vereinigten Arabischen Emiraten Anfang 2014 entwickelt hat.

Sophie-Therese Trenka-Dalton (*1979 in Berlin) lebt und arbeitet in Berlin, wo sie bis 2007 an der Universität der Künste studiert hat. Zuletzt erhielt die Künstlerin 2013 den Berlin Art Prize und das Kulturaustauschstipendium Global der Kulturverwaltung des Landes Berlin.

30.8.2014 – 2.11.2014
F
›War Porn‹
Christoph Bangert

Menschliche Körper, enthauptet oder ohne Gliedmaßen, gefoltert und auf den Müll geworfen, in Krankenstationen dahinvegetierende Halbtote und Massakrierte. Christoph Bangert hat Abgründe menschlicher Perversion mit der Kamera fixiert. Seine Fotografien bezeugen Anwesenheit bei grauenerregenden Geschehnissen in Kriegsgebieten, an die der Fotograf sich teilweise selbst nicht mehr erinnern kann.
Francisco Goya und Jacques Callot legten zu Beginn des 17. und des 19. Jahrhunderts in ihren Grafiken „Die Schrecken des Krieges“ Zeugnis ab über die bestialischen Seiten der machtpolitischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit. Christoph Bangert hat Palästina, Japan, Afghanistan, den Irak, Indonesien, Zimbabwe und Nigeria bereist. Viele Bilder, die er dort gemacht hat, wurden bisher nicht gezeigt – weil er sie selbst für zu drastisch hielt oder Redaktionen sie nicht veröffentlichen wollten. Mit dem Buch „War Porn“ hat Bangert Auszüge dieses Materials veröffentlicht. Nicht die Kriegsfotografie als solche ist hierbei sein Thema, sondern vielmehr der Umgang mit den Bildern. Derart schonungslose Fotografien aus Kriegsgebieten werden von den Medien mit der Argumentation zurückgehalten, sie zu zeigen sei voyeuristisch, pornografisch, entmenschlichend. Es liegt aber in der Verantwortung des Betrachters, wie Susan Sontag in ihrem gleichnamigen Aufsatz zur Kriegsfotografie bemerkt, das „Leiden anderer zu betrachten“ und dadurch anzuerkennen. Der Selbstzensur muss man gelegentlich rabiat und entschieden entgegentreten und sei es mit dem Papiermesser, das die verschlossenen Buchseiten von „War Porn“ öffnet. Man muss sich überwinden, wird herausgefordert und stellt sich nicht nur einmal die Frage: „Will ich das jetzt wirklich sehen?“
Das Buch ist in einer geschlossenen Vitrine ausgestellt und nur auf Anfrage einsehbar.

 

Christoph Bangert (*1978) hat an der Fachhochschule Dortmund und dem International Center of Photography in New York Fotografie studiert. Er arbeitet als Journalist und Fotograf unter anderem in Kriegs- und Krisengebieten. Viele seiner Fotografien wurden in der New York Times veröffentlicht. Die Publikation „War Porn“ ist im Frühjahr 2014 im Kehrer Verlag Heidelberg/Berlin erschienen.

Die Ausstellung wurde kuratiert von Stefanie Kleinsorge.

17.5.2014 – 3.8.2014
H
›Eser‹
Judith Raum

„Eser“ ist türkisch und bedeutet „Werk“. Auf einer von Judith Raums Reisen entlang der Strecke der Bagdadbahn verwendete ein türkischer Gärtner im Gespräch das Wort „eser“ – jedoch nicht, um die historische infrastrukturelle Leistung der deutschen Ingenieure damit zu beschreiben, sondern für das Wesen eines Baumes.

„eser“ ist die fünfte Ausstellung im Rahmen der Reihe „Einzelausstellung: Nicht alleine“ und zeigt verschiedene Kapitel von Judith Raums künstlerischer Forschung, die sie seit 2009 zum deutschen Wirtschaftskolonialismus im Osmanischen Reich entwickelt. Ausgangspunkt ihrer umfangreichen Recherche bildet die Situation der Hausweber in Oberfranken Ende des 19. Jahrhunderts. Ausgehend von der Betrachtung dieses extrem prekären Unternehmertums verfolgt die Künstlerin die Fäden früherer Handelsnetze und geostrategischer Interessen am Beispiel des Baus der Anatolischen Eisenbahn und der Bagdadbahn ab 1888. Das infrastrukturelle Großprojekt wurde von der Deutschen Bank finanziert und mit deutschem Know-How gebaut. Den Finanziers war vor allem an der Wirtschaftlichkeit der Bahn gelegen. Entsprechend galt ihr Interesse neben dem Bahnbau der Erschließung von Rohstoffquellen und von Märkten für deutsche Produkte, neben Maschinen etwa die in Oberfranken hergestellten Tücher. Aber auch die landwirtschaftliche Modernisierung Anatoliens rückte in den Fokus des Unternehmens.

Judith Raum verknüpft in ihrer Ausstellung Quellen aus dem Historischen Archiv der Deutschen Bank zum deutschen landwirtschaftlichen Engagement in Anatolien und zu den Arbeitsverhältnissen bei der Bahn mit ihrem subjektiven Blick auf die heutige Situation entlang der Bahnstrecke in Anatolien. Orte und Vorhaben, die in den historischen Korrespondenzen und Fotografien erwähnt werden, bestimmen die Routen, auf denen Judith Raum die anatolische Landschaft entlang der Bahnlinie bereist. Ihre Beobachtung gilt der Frage, wie sich die wirtschaftlichen Interessen um 1900 bis heute in die materielle Welt einschreiben und welche Momente von Widerstand gegen Rationalisierung und Kontrolle sich in den Verhältnissen vor Ort zeigen. Alternative Formen der Berührung, spielerische und scheinbar planlose Momente, bestimmen maßgeblich ihren eigenen taktilen und choreographischen Umgang mit den Oberflächen und Strukturen, die sie bearbeitet. So entstehen eingefärbte, mit Existenzspuren versehene Stoffbahnen oder durch einfache Eingriffe zusammengehaltene Assemblage-Objekte, die in der Ausstellung im Zusammenhang mit originalem Aktenmaterial aus Archiven und Fotos von Reisen zu sehen sind. Raums poetischer und zugleich taktiler Umgang mit den alltäglichen Spuren der Geschichte nimmt das Improvisierte und Lose in den Blick und übersetzt es in der Halle und im Lichthof des Heidelberger Kunstvereins in eine raumbezogene Installation, in der sich die unterschiedlichen Ebenen ihrer Recherchen gleichberechtigt zu einer eigenen Erzählung über die vielschichtige Berührung zweier Kulturen verdichten.

Ihre Reisen in die anatolische Hochebene und das Taurusgebirge unternahm Judith Raum gemeinsam mit der Künstlerin Iz Öztat. Der enge Austausch der beiden Künstlerinnen bedingt auch die gleichzeitige Präsentation ihrer Arbeiten im Heidelberger Kunstverein.

Judith Raum (geb. 1977 in Werneck) lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte Freie Kunst sowie Philosophie, Kunstgeschichte und Psychoanalyse in Frankfurt am Main und New York City, USA. Seit 2005 zahlreiche internationale Ausstellungen und Publikationsprojekte. Von 2007 bis 2011 unterrichtete Judith Raum an der Universität der Künste Berlin und war dort 2011 bis 2013 Stipendiatin der Graduiertenschule für die Künste und die Wissenschaften.

Kuratiert von Susanne Weiß.

Mit Unterstützung der Einstein Stiftung Berlin und der Graduiertenschule für die Künste und die Wissenschaften.

17.5.2014 – 3.8.2014
E
›Undo, Redo and Repeat‹
Christina Ciupke & Anna Till

Das Projekt „undo, redo and repeat“ betrachtet fünf Tanz-Positionen aus dem 20. Jahrhundert im Spiegel derjenigen, die sie vermitteln und auslegen, erinnern und verwalten, am Leben halten und verbreiten. Die Tänzerinnen und Choreografinnen Christina Ciupke und Anna Till gehen der Frage nach, wie das Wissen über vergangene Tänze von Mary Wigman, Kurt Jooss, Dore Hoyer, Pina Bausch und William Forsythe zu uns gelangt.

Irene Sieben, Reinhild Hoffmann, Martin Nachbar und Thomas McManus sind eingeladen, in ihrer eigenen Form über Tanzgeschichte und ihre Position innerhalb derselben zu reflektieren. Als Zeitzeugen und Akteure haben sie sich mit dem Erbe je einer der genannten Choreografenpersönlichkeit auseinandergesetzt bzw. als Tänzer oder Assistenten in direktem Kontakt mit derselben gestanden. In „undo, redo and repeat“ werden sie nun als Knotenpunkte eines Transfers von Wissen und Erfahrung zu Protagonisten im Prozess einer Rekonstruktion von Fragmenten des Tanzerbes.

Christina Ciupke und Anna Till wollen erfahren, wie genau sie ihr Wissen über choreografische Arbeitsansätze für sich selbst und für andere lebendig erhalten, um es weitergeben zu können. Dieses Wissen ist persönlich. Es ist nicht in einem Archiv oder einer Bibliothek katalogisiert. Es ist fragil und baut auf Erinnerungen auf, die ständigen Veränderungen unterworfen sind. Mit jedem einzelnen Zeitzeugen begeben sich Christina Ciupke und Anna Till in den Prozess einer solchen Weitergabe choreografischen Materials.

Für die Ausstellung auf der Empore werden Gespräche, Fotografien, Archivmaterial, Aufführungen und eigene Interpretationen zugänglich und erlebbar gemacht. „undo, redo and repeat“ wird in der Öffentlichkeit außerdem über ein Projekt-Archiv (www.undo-redo-repeat.de) sowie in Form einer Performance – die im Mai in den Sophiensaelen, Berlin, Premiere feiert – vorgestellt.

Eine Produktion von Ciupke / Till GbR in Kooperation mit dem Heidelberger Kunstverein und SOPHIENSAELE, Berlin. Gefördert von TANZFONDS ERBE – eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes und aus Mitteln des Regierenden Bürgermeisters von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten.

Die Performerin und Choreografin Christina Ciupke arbeitet und lebt in Berlin. Ihre Projekte entwickelt sie mit Künstlern aus dem Bereich Tanz und anderen Künsten. 2013 erhielt sie einen Master of Arts in Choreografie (AMCh) an der Amsterdam School of the Arts.

Anna Till lebt und arbeitet als Choreografin in Dresden und Berlin. Sie studierte Zeitgenössischer Tanz, Kontext, Choreographie am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz (HZT), Berlin, und zuvor Angewandte Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg. Ihre Tanzstücke wurden u.a. in Berlin, Amsterdam Rennes, Leipzig und Dresden gezeigt.

Ausstellungskonzeption: Christina Ciupke, Anna Till und Katrin Schoof , Ausstellungsgestaltung: Katrin Schoof

17.5.2014 – 3.8.2014
S
›Vazaha – Junge Filmkunst aus Madagaskar‹
Rudolph Herz & Julia Wahren

Tanzende Lemuren, verrückte New Yorker Zootiere, Pfeffer und Vanille. Und die einzigartige Natur. Unbedingt sehenswert und massiv bedroht. Was wissen wir über Madagaskar? Meistens nicht mehr. Die große unbekannte Insel. Und vor ihren Ufern „die Pest an Bord“. Wer heute an Land geht, findet eine vielfältige Kultur, die trotz politischer Misere und größter Armut immer in Bewegung ist. So auch die madagassische Filmkunst. Einen Ausschnitt des aktuellen Schaffens junger Filmemacher präsentiert die Ausstellung „VAZAHA“.

Rudolf Herz und Julia Wahren lernten die Filmemacher im Sommer 2013 kennen, als sie die Expedition des Madagaskaforschers Joseph Peter Audebert rekonstruierten. Audebert erforschte um 1880 die Tierwelt der Insel und veröffentlichte Berichte über das Land und seine Bewohner: seltene ethnologische Quellen aus einer Zeit, noch bevor die Insel französische Kolonie wurde. Audebert war ein „Vazaha“, ein „weißer Fremder“: Sein Blick ist voll Neugier und Forschergeist, dabei aber auch eurozentrisch und überheblich. Herz und Wahren wollten wissen, wie heutige Madagassen Audeberts Berichte künstlerisch kommentieren. Im Gespräch mit den Filmemachern begann ein spannender interkultureller Diskurs, der 2015 zu einer umfangreichen Ausstellung im Münchner Völkerkundemuseum führen wird.

Die Studio-Ausstellung „VAZAHA“ im Heidelberger Kunstverein markiert eine Etappe in der Entwicklung des Projekts und stellt die Regisseure dieser Kooperation vor:

Luck Razanajaona: „Le Zébu de Dadilahy“ (2012)

Mamihasina Raminosoa: „La Bulle“ (2008)

Sitraka Randriamahaly: „Hazalambo“ (2011)

Harimalala Rason: „Traversées du Tunnel“ (2012)

Rado Andriamanisa / Colby Gottert: „Raspberry“ (2012)

Die Vielfalt und Eigenart der Kurzfilme begeistern, sie entwickeln eigene Erzählformen, sind kraftvoll, künstlerisch-poetisch oder sozialdokumentarisch und öffnen den Blick auf unbekannte Mythen und die immer noch zu wenig bekannten Lebensverhältnisse in Madagaskar.

Rudolf Herz, freischaffender Künstler mit Schwerpunkt transmediale Projekte, lebt in München. Studium der Kunst und Kunstgeschichte in München und Hamburg. 1994 Rom-Stipendium der Deutschen Akademie Villa Massimo. Letzte Einzelausstellung: Marcel Duchamp – Le mystère de Munich, Architekturmuseum München (2012)

Julia Wahren, freischaffende Autorin, Regisseurin, und Musikerin, lebt in München. Studium an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover und der Hochschule für Musik in Detmold. 2000 Alexander-Preis für Journalisten.

22.4.2014 – 1.2.2015
H
›Fremd bin ich eingezogen‹
Ole Aselmann, Guy Ben-Ner, Lukas Birk, Com&Com, EVA & ADELE, Alexandros Georgiou, Jürgen Krause, Minus Delta t, Antje Schiffers, HA Schult Prolog: Boris Dornbusch

Die Ausstellung ›Fremd bin ich eingezogen …‹ nimmt einen spezifischen Künstlerhabitus in den Blick, denjenigen einer reisenden Existenz. Sie thematisiert Bedingungen, Strategien und spezifische Arbeitsweisen reisender Künstler.
Reisen zu Fuß, mit dem Auto, dem Schiff, dem Fahrrad oder dem Flugzeug – was sonst Mittel zum Zweck und für Künstler in einem internationalen Kulturbetrieb längst fester Bestandteil des Lebens und der Arbeit ist, ist für die hier gezeigten Künstler Selbstzweck und Inhalt ihres künstlerischen Schaffens. Jenseits eines ortsgebundenen Ateliers gelten andere Arbeitsbedingungen, die das Werk auf spezifische Art prägen. Dabei rückt sowohl die Rolle des Künstlers als auch die Bedeutung von sozialen und kulturellen Netzwerken in den Fokus. Außerhalb des eigenen Kultur- und Sprachraumes gewinnen zudem Fragen nach den konstituierenden Elementen der eigenen Identität an Relevanz. Unabhängig davon, ob der nomadisierende Künstler als Flaneur oder in eigenem Forschungsauftrag aufgebrochen ist, sammelt oder tauscht – er vermisst Eigentümliches oder Befremdliches, durchschreitet geographische und mentale Räume, überschreitet deren Grenzen und wird somit zu einem Seismographen und Mittler eines globalen Kulturverständnisses, der Menschen und Traditionen unterschiedlicher Herkunft miteinander in Kontakt bringt.
Die Ausstellung ›Fremd bin ich eingezogen …‹ vereint elf künstlerische Positionen: aktuelle Produktionen ebenso wie ›historische‹ Arbeiten aus den 1970er und 1980er Jahren. Ausgangspunkt ist HA Schults ›Aktion 20.000 Kilometer“, die am 3. November 1970 Station im Heidelberger Kunstverein machte. HA Schult stellte vor den Augen einer empörten Öffentlichkeit nicht nur den tradierten Kunstbegriff in Frage, sondern inszenierte komprimiertes Leben als Strapaze und Ausgesetztsein innerhalb des Kunstbetriebes. Auch das schweizerisch-österreichische Künstlerkollektiv Minus Delta t bewegte sich zu Beginn der 1980er Jahre mit dem Schwertransport eines Felsbrockens von Europa nach Asien im Spannungsfeld von Institutionskritik und globalem Kulturaustausch. Dem Künstlerduo Com&Com dient zurzeit ein mächtiger Baumstamm als Katalysator, dessen Reise über alle Kontinente die historischen Fragen nach der Sinnhaftigkeit von Grenzziehungen zwischen Kunst und Volkskultur, lokaler Tradition und globaler Entwurzelung aktualisiert. Reisen fungiert hier als offenes System der latenten Infragestellung und der unerwarteten Antworten.
Weitere Schwerpunkte werden in der Ausstellung auf die Narration als Mittel der Orientierung in der Fremde und als wesentliche kulturelle Praxis während des Reisens gelegt. Hierfür stehen die Arbeiten von Alexandros Georgiou, Lukas Birk und Ole Aselmann. Reisetagebücher, Postkarten und ein Hörstück sind die von ihnen gewählten Medien. Jürgen Krause und Guy Ben-Ner entwickeln mit einer millimetergenauen geographischen Karte und einem an verschiedenen Orten gefilmten Live-Performance-Video spezifische Aufzeichnungsformate, in denen die Überlagerung von Raum und Tätigkeit thematisiert werden. Mit den Kostümplänen und Polaroids von EVA & ADELE werden Reisedokumente gezeigt, die individuelle Historie aufheben und Identität als Kunstwerk beschreiben, das ebenso Kunst wie Leben ist. Antje Schiffers schließlich befragt die Rolle des Künstlers außerhalb der bekannten Strukturen von Kunst- und Kulturindustrie. Sie tauscht ihre Kunstwerke und ihre Arbeitszeit gegen Waren aus anderen Werkprozessen.

Den romantischen Prolog zur Ausstellung bildet die Audioinstallation von Boris Dornbusch, die der Künstler eigens für das Foyer des Heidelberger Kunstvereins entwickelt hat. Mit seiner Arbeit schickt er die Teilnehmenden auf eine Traumreise – von diesem Nicht-Ort an den möglichen Ort der Sehnsucht. Auf poetische Weise sensibilisiert, kann man die Zusammenhänge zwischen der Architektur des Gebäudes und der Landschaft in dessen unmittelbarer Umgebung ergründen. Das Foyer wird durch die minimale Intervention zur durchlässigen Membran für Tagträume & Sehnsüchte, einer wesentlichen Triebfeder für den Aufbruch zu einer Reise.

Mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, des Goethe-Instituts China, des Landes Voralberg und des Bundeskanzleramts Österreich

22.2.2014 – 4.5.2014
H
›Was wir zeigen wollen‹
Etel Adnan, Harun Farocki, Stefan Hayn, Bertold Mathes, Michaela Melián, Sarah Schumann

Die Ausstellung mit dem programmatischen Titel „Was wir zeigen wollen“ bietet einen unkonventionellen und generationsübergreifenden Überblick über Praktiken, Bildsprachen und Gesten des Zeigens und Erzählens im Medium der Malerei sowie in angrenzenden Formaten wie Text und Film. Die eingeladenen Künstler stehen für eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der von ihnen gewählten bildnerischen Mittel. Immer werden in ihren Arbeiten auch persönliche Geschichten und die Rahmenbedingungen der Entstehungszeit ihrer Werke mitreflektiert.

Mit einer breiten Bildauswahl gibt Bertold Mathes (geb. 1957, Freiburg) Einblick in seine langjährig entwickelte Praxis. Malerei ist hier kontinuierliche Versuchsanordnung und wird, anhand einer Art eigener Grammatik, ständig weiter entfaltet und gleichzeitig in Frage gestellt. Das Arbeiten in Serie wird von Einzelwerken unterbrochen, in denen der Künstler das Erarbeitete formal zu konterkarieren sucht. Die Parallelproduktion des Künstlers – gezeichnete „Register“-Blätter oder „Transfer“-Arbeiten auf Papier – zeugen für seine intensive Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Malerei und ihrer Geschichte.

Auch im Mittelpunkt des Werkes der Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan (geb. 1925, Beirut), die über mehrere Jahre Zeugin des Libanesischen Bürgerkriegs war, steht die Arbeit an der eigenen Sprache. Über die Abgrenzung zur Literatur findet die Künstlerin ihren Weg zur Malerei. Im Unterschied zum Schreiben – das sie als etwas Soziales begreift, weil wir die Worte miteinander teilen – bedeutet Malerei für sie etwas Spontanes, frei von gesellschaftlichen Zwängen.

Ähnlich wie bei Adnan ist auch die Biografie Sarah Schumanns (geb. 1933, Berlin) zunächst geprägt durch den Krieg (II. WK), aus dem sie sich künstlerisch herausarbeitet. In ihren frühen Schock-Collagen beschäftigt sie sich bereits mit dem Bild der Frau und collagiert weibliche Ikonen in Bilder der Zerstörung. Nach mehreren Reisen kehrt sie 1968 nach Berlin zurück, entwickelt eine eigene Maltechnik und tritt der Frauengruppe „Brot und Rosen“ bei. In dieser Zeit wird sie auch Mitinitiatorin der NGBK-Ausstellung „Künstlerinnen International 1877-1977“, die 1977 erstmalig einen historisch umfassenden Überblick über die Kunst von Frauen gab.

Der Frage nach den Auswirkungen dieses Engagements geht Michaela Melián (geb. 1956, München) in ihrer Multimedia-Installation „Silvia Bovenschen und Sarah Schumann“ (2012) nach: Parallel zu Gemälden der Künstlerin lässt sie Sarah Schumann und ihre Partnerin, die feministische Schriftstellerin Silvia Bovenschen, zu Wort kommen. Im Heidelberger Kunstverein wird die Installation Meliáns nun erstmals in Bezug zu Originalen von Schumann gesetzt.

In dem 1978 für das Fernsehen produzierten Dokumentarfilm „Ein Bild von Sarah Schumann“ begleitet Harun Farocki (geb. 1944, Nový Jicín) die Entstehung eines typischen figurativen Gemäldes der Künstlerin: Er lässt uns mitverfolgen, wie sie in Collagetechnik Fotografie und Malerei über- und ineinander arbeitet. Ergänzend wird thematisiert, wie viel Zeit Schumann in ihre künstlerische Produktion investiert.

Mit „Malerei heute“ (mit Anja-Christin Remmert) entwirft auch der Filmemacher und Maler Stefan Hayn (geb. 1965, Rothenburg ob der Tauber) eine Art Langzeitdokumentation. Begleitet von Texten, realen Szenen und experimenteller Musik vollzieht er anhand von Plein-Air-Aquarellen eine persönliche Erzählung der politisch vorangetriebenen ökonomischen Veränderungen der Jahre 1998-2005. Malerei wird zum Ausgangsmaterial für einen Film, der Prozesse des Bildermachens und -betrachtens, das „malerische Sehen“ selbst thematisiert. Hayns neuester Film „S T R A U B“ (2006-2014) fokussiert die persönliche Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Oeuvre der Filmemacher Jean-Marie Straub und Danièle Huillet.

Mit „Was wir zeigen wollen“ möchten wir nicht zuletzt die Frage stellen, wie in den ausgewählten Werkkomplexen Ausdrucksmöglichkeiten von Text, Film oder kuratorischer Arbeit in Malerei hinein-reflektieren oder umgekehrt malerische Diskurse in anderen Medien aufgegriffen und widergespiegelt werden.

kuratiert von *Barbara Buchmaier und Susanne Weiß

* Barbara Buchmaier (geb. 1975, Augsburg) ist Kunsthistorikerin und arbeitet in Berlin als freie Kunstkritikerin, Lehrbeauftragte und Galeriemitarbeiterin. Sie schreibt u.a. für „Texte zur Kunst“, „Artforum.com“ und die Berliner Kunstzeitschrift „von hundert“.

22.2.2014 – 4.5.2014
S
›Der Meteorit‹
Antje Majewski

Die Künstlerin Antje Majewski ( geb. 1968 in Marl/Westfalen) beschäftigt sich seit einiger Zeit mit der Herkunft und Bedeutung von Gegenständen, die sie von verschiedenen Reisen mitgebracht hat. Sieben von ihnen wurden in einem imaginären Museum versammelt und bilden den Kern ihrer sogenannten „Gimel-Welt“ – einer Welt der Relationen, in der kein Ding unabhängig von einem anderen, kein Mensch unabhängig von der Welt existiert. Ausgehend von dieser Sammlung präsentiert Antje Majewski nun erstmalig in Deutschland ihre komplette Recherche um „den Meteoriten“.

Die Ausstellung im Studio ist ein Reisebericht: Elementarer Bestandteil von Antje Majewskis Forschung ist es, sich auf eine zweite Reise zu den Ursprungsorten der mitgebrachten Objekte einzulassen und deren Geschichten nachzugehen, um diese „neu zum Sprechen zu bringen“. In Heidelberg wird sie den gesamten Prozess der Objekterkundung des „Meteoriten“ präsentieren – vom Kauf des Gegenstandes 2005 auf einem Flohmarkt in Beijing, der Begegnung mit der Meteoritenforscherin Lu Ling bis hin zur Reise in das Dorf Yang Wu Sha in Südchina, das selbst einen besonders großen Meteoriten besitzt. Die Begegnung mit Antje Majewski war für die Dorfbewohner bedeutsam: Sie nutzten das Interesse der Künstlerin als Argument gegenüber der Regierung, nicht umgesiedelt zu werden, sondern die Gegend für den Tourismus zu öffnen.

Die Ausstellung wird sich während der Laufzeit um weitere Fotos und Informationen erweitern. Antje Majewski wird erneut in das Dorf Yang Wu Sha reisen und berichten, was aus dem Dorf geworden ist.

Antje Majewski geht in ihren Werken anthropologischen und philosophischen Fragen mit den Mitteln der Malerei und des Videos nach. Sie studierte Kunstgeschichte, Neuere Geschichte und Philosophie in Köln, Florenz und Berlin. Seit 2011 ist sie Professorin für Malerei an der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel.

kuratiert von Sonja Hempel

22.2.2014 – 4.5.2014
F
›Sharing as Caring 3: Presence for the Future‹
Hiroki Azuma & Genron Co.Ltd., Chihiro Minato, Onagawa Community Project

Im dritten Teil der fünfteiligen Ausstellungsreihe „Sharing as Caring“ beleuchtet die Ausstellung die jetzige Situation der Menschen in Fukushima drei Jahre nach der Katastrophe. Es werden drei Projekte präsentiert: „Tourizing Fukushima: The Fukuichi Kanko Project „, das „Shiori Project Part 2, Fukushima / Heidelberg“ sowie das „Onagawa Community Project“.

„Tourizing Fukushima: The Fukuichi Kanko Project“ ist ein radikales Manifest von Hiroki Azuma und Genron co., Ltd. In ihrem Projekt malen sich die Künstler aus, dass sich Fukushima bis zum Jahr 2036 in einen Ort für Tourismus verwandelt haben wird und welche Rolle eine sogenannte Post-Katastrophen-Kunst und -Architektur innerhalb der Gesellschaft einnehmen könnte. Sie beziehen sich dabei vor allem auf den „Hiroshima Dome“, ein ausgebombtes Gebäude mit Kuppelgewölbe in Hiroshima, das nun zur Ikone des Überlebens im Angesicht von Massensterben geworden ist. Dieser Ort ist mittlerweile eine Touristenattraktion und außerdem ein Friedensdenkmal der UNESCO. Wäre dies nicht – so fragen die Künstler – auf Fukushima übertragbar?

Der Fotograf Chihiro Minato setzt mit „Shiori Project Part 2 – Fukushima / Heidelberg“ sein Shiori-Projekt fort. ,Shiori‘ bedeutet auf Japanisch ,Lesezeichen‘. Dieses Mal werden Shiori präsentiert, die auf vier fotografischen Ansichten Heidelbergs basieren. Die Shiori werden an 20 Orten innerhalb der Stadt ausliegen. Unter www.shioriproject.net sind die gesamten Fotografien Minatos zu finden und man kann Kommentare, Anekdoten, Gedanken zu ihnen schreiben. Im Foyer werden die unzerteilten Ansichten von Heidelberg ausgestellt.

 

In der Cafeteria zeigt das "Onagawa Community Project" eine Fotodokumentation der japanischen Fotografin Toshie Kusamoto. Im Zentrum der Fotoserie steht ein japanischer Junge namens Suzunosuke, der in Onagawa wohnt. Er erlebte die Katastrophe im Alter von fünf Jahren. Die Bilder legen dar, wie er mit diesem Erlebnis aufwächst. Der Dokumentarfilm "Storytellers" (2012) von Ryusuke Hamaguchi und Kou Sakai erweitert den Blick auf Japan nach der Katastrophe.

kuratiert von Dr. Miya Yoshida

23.11.2013 – 2.2.2014
H
›It is Only a State of Mind‹
Annie Goh, João Maria Gusmão & Pedro Paiva, Michal Heiman, Joachim Koester, Ofri Lapid, Susan MacWilliam, Matt Mullican, Lea Porsager, Patrick Rieve, Sarah Schönfeld, Rosemarie Trockel, Ute Waldhausen

Die Ausstellung „It Is Only a State of Mind“ thematisiert die Erforschung des Unerklärlichen und Fragwürdigem im Experiment. Der Heidelberger Kunstverein präsentiert in Zusammenarbeit mit dem RealismusStudio der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) 12 internationale Künstlerpositionen, die in eigenen Versuchsanordnungen handeln und Grenzbereiche der Wissenschaften erforschen.

Zentrale Fragen der Ausstellung ist, inwiefern unser „state of mind“ – unser jeweiliges Bewusstsein von den Dingen und die daraus resultierenden Wahrnehmungsmuster und Perspektiven – unsere Beurteilung dessen, was real ist, beeinflusst. Die ausgestellten Künstlerinnen und Künstler lenken den Blick auf das Subjektive und Unterbewusste: So beschäftigt sich beispielsweise der amerikanische Künstler Matt Mullican seit den 1970er Jahren mit der Selbstbeforschung unter Hypnose. Mit „Room (No.7)“, einer Installation aus beschriebenen Stoffbahnen, werden Äußerungen von Mullicans alter Ego „that other person“ präsentiert. Durch die Erforschungen des eigenen und doch unbekannten Selbst, versucht Matt Mullican die Welt zu verstehen. Die junge dänische dOCUMENTA-Künstlerin Lea Porsager begibt sich für ihr neuestes Projekt „How to Program an Use T – F“ in eine Sitzung mit einem litauischen Medium. Diese Erfahrung hat sie in Bronzeskulpturen übersetzt.

 

In ähnlicher Weise interessiert sich die nordirdische Künstlerin Susan McWilliam für die Untersuchung des Paranormalen. In ihren Videos, Fotografien und Installationen beschäftigt sie sich mit Erforschern und Augenzeugen übersinnlicher Phänomene.

 

Die als Experimente, Versuchsanordnungen und Behauptungen realisierten Arbeiten fragen danach, was man uns glauben lässt und was wir zu glauben bereit sind. Sie lenken den Blick auf mystische und spiritistische Untersuchungsgegenstände oder hinterfragen Bereiche der psychologischen Forschung. Dabei kann das künstlerische Experiment freier operieren als das streng wissenschaftliche: Es muss keiner festen Form folgen, keine messbaren Ergebnisse liefern und nicht wiederholbar sein. Seine offene Herangehensweise ermöglicht es, vorgezeichnete Wege zu verlassen und bislang unbekannte periphere oder poetische Realitäten zu betreten sowie eigene Wahrheiten hervorzubringen.

 

Die Ausstellung wurde von Sonja Hempel, Michaela Richter und Susanne Weiß kuratiert.

23.11.2013 – 2.2.2014
S
›With your Hands Black‹
Ulrike Mohr

Mit der Ausstellung „With Your Hands Black“ eröffnet im Studio des Kunstvereins eine neue Ausstellungsreihe, die Modelle des Reisens in der künstlerischen Praxis und Forschung vorstellt. Dabei stehen Prozesse und Verfahren sowie Formen und Gesten im Mittelpunkt, denen die Erfahrung von Nähe und Distanz zu Objekten, Vorgängen und Ereignissen zugrunde liegt.

 

Ulrike Mohrs künstlerische Haltung nutzt Transformationsprozesse von Materialien, die wiederum von komplexen Forschungsergebnissen, tradiertem Wissen, aber auch von Zufällen beeinflusst werden. Ausgehend von Naturbeobachtungen, besitzen ihre Arbeiten eine eigene stoffliche Präsenz, die die Künstlerin in artifizielle Räume, wie den öffentlichen Raum oder den Ausstellungsraum überträgt. Demnach ist ihre Position als Bildhauerin das Resultat eines prozessorientieren Umgangs mit kontextbezogenen Materialien, die sie in poetische Installationen überführt. Dabei gilt ihr Interesse nicht nur der Materialbeschaffenheit, sondern auch der zeitlichen Dimension, die den ephemeren Substanzen innewohnt.

 

Mit „With Your Hands Black“ hat Ulrike Mohr für das Studio des Kunstvereins eine komplexe Landschaft entwickelt, die sich einerseits aus Materialien in unterschiedlichen Aggregatzuständen zusammensetzt und sich andererseits auf die Beschaffenheit des Raumes selbst bezieht.

 

Die Ausstellung lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Machen, das Tun, das Tätig sein und die damit verbundenen gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen sich Material kulturgeschichtlich entwickelt hat und produziert wurde. Der Titel verweist auf die Praxis des Köhlerns, mit der sich Mohr seit 2008 beschäftigt. So trifft in ihren Installationen zum Beispiel industriell gefertigte Zeichenkohle auf die von ihr selbst hergestellte. Diese Zusammenstellung präsentiert nicht nur transformierte Objekte mit neuen Eigenschaften, sondern auch dreidimensionale Zeichnungen, die sich im Raum entfalten. Asche, Ruß, Ton, Glas, Metall, Stoff, Licht, Farbe und Wasser sind weitere Bestandteile, die das Zusammenspiel von Wahrnehmung, Materialgefühl, Handfertigkeiten und tradierten Techniken widerspiegeln.

 

Ulrike Mohr studierte Bildhauerei an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Ihre Arbeiten nehmen den öffentlichen Raum als Ausgangspunkt und basieren auf kritischer Beobachtung, prozesshafter Aufzeichnung, strukturierender Vermessungen oder auch der Einführung anderer Ordnungssysteme. Sie siedelte zum Beispiel eine Gruppe wild gewachsener Bäume, die sich auf dem Dach des mittlerweile abgerissenen Palasts der Republik befanden, auf innerstädtisches Brachland um.Sie nahm unter anderem an der 5. Berlin Biennale (2008) und der Momentum Biennial (2011) in Norwegen teil, erhielt das Istanbul-Stipendium des Berliner Senats und das Arbeitsstipendium sowie die Katalogförderung der Stiftung Kunstfonds. Mohr lebt und arbeitet in Berlin.

Alice Goudsmit über Ulrike Mohr: „Die Stimme der Dinge“ 
Download als pdf

23.11.2013 – 2.2.2014
F
›Ofen über Uns‹
Andreas Fischer

Vitrinen sind Orte der Präsentation. Sie erzählen Geschichten, zeigen und bewahren Objekte. Die Ausstellung „Ofen über uns“ thematisiert den Entzug der Sichtbarkeit. Ein merkwürdiges Gebilde empfängt den Besucher: Ein alter Drehstuhl und eine Stange stützen einen abgenutzten Kasten und bilden ein fragiles, prekäres Gefüge. Darin lockt auf Augenhöhe ein winziges Guckloch den Betrachter. Es sind Fundstücke, die Andreas Fischer zu einem neuen Eigenleben erweckt. Sie werden zu einem handelnden Objekt, das auf das Herantreten des Betrachters reagiert und sich verschließt. Hier wird nichts plausibel und zugänglich – ganz im Gegenteil: Es gibt nichts zu sehen und vor allem nichts zu verstehen. Ein seltsam rührendes Eigenleben, das amüsiert und zugleich verstört. Eine körperliche Reaktion entwickelt sich zwischen Betrachter und Ding, die uns unsere eigene Neugier und Schaulust bewusst werden lässt. Der Zwang, das Gesehene zu ergründen wird mit dem Maschinenobjekt konfrontiert, das sich ebenso zwanghaft verschließt. Es beschleicht einen ein komisches Gefühl, da das Gebilde reagiert, wir aber Außen vor bleiben.

 

Kuratiert von Sonja Tempel

 

Andreas Fischer studierte an der Kunstakademie in Düsseldorf bei Klaus Rinke und Georg Herold, dessen Meisterschüler er war. 2008 erhielt er den Förderpreis für Bildende Kunst der Landeshauptstadt Düsseldorf, 2007 bespielte er die Förderkoje „Young Talents“ auf der Art Cologne. Zuletzt war Fischer mit der Einzelausstellung „Your Time Is My Rolex“ im Museum Ludwig in Köln vertreten. Der Künstler lebt und arbeitet in Düsseldorf.

14.9.2013 – 10.11.2013
H
›Battleground / Afghanistan‹ Teil des 5. Fotofestivals Mannheim_ Ludwigshafen_Heidelberg: ›Grenzgänge. Magnum: Trans-Territories‹
Abbas, Eve Arnold, Thomas Dworzak, Tim Hetherington, Steve McCurry, Chris Steele-Perkins, Francis Alÿs, Alighiero Boetti, Elfe Brandenburger, Melton Prior Institut, Aqeela Rezaie, Saba Sahar, Sammlung Saladin, Sandra Schäfer

Anlässlich der 5. Ausgabe des Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg‹ wurde die legendäre Fotoagentur und Fotografen-Kooperative ›Magnum‹ als künstlerischer Partner eingeladen. Inspiriert vom Standort des Festivals in drei Städten und zwei Bundesländern, sowie von den unterschiedlichen Partnerinstitutionen präsentiert die Kuratorin Andréa Holzherr Positionen von ›Magnum‹ – Fotografen, die sich mit der Verteidigung, der Öffnung, dem Überschreiten, aber auch dem Ineinandergreifen verschiedener Territorien und Gebieten beschäftigen. 

 

Die Ausstellung ›Battleground / Afghanistan‹ thematisiert umkämpfte Territorien am Beispiel Afghanistans. Hierzu wurde der Heidelberger Kunstverein eingeladen, Fotoarbeiten der Agentur ›Magnum‹ zu der wechselvollen Geschichte des Landes um künstlerische Positionen zu erweitern. Afghanistan – aufgrund der andauernden Konflikte, Revolutionen, Besatzungen und Kriege – ist im Archiv des legendären Fotografenkollektivs der meist dokumentierte Krisenherd der Welt. Die Fotoausstellung zeigt ein seit Jahrzehnten von Kriegen und kriegerischen Aufständen zerrüttetes Gebiet. Die Bilder – in der Regel für die Veröffentlichung in Zeitungen und Magazinen bestimmt – sind visuelle Dokumente der Geschichte des Landes. Zwischen Reportagefotografie und eigenem künstlerischen Blick zeigen sie zugleich die subjektive Perspektive der Fotografen auf die afghanische Gesellschaft. Den historischen Ereignissen folgend ist die Ausstellung mit den Arbeiten von Abbas, Eve Arnold, Thomas Dworzak, Tim Hetherington, Steve McCurry und Chris Steele-Perkins chronologisch angelegt. Sie beginnt mit Dokumentaraufnahmen aus den Jahren vor dem Sturz der Monarchie 1973 und endet mit dem Kampf der amerikanischen Truppen gegen die Taliban im 21. Jahrhundert. 

 

Die – gemeinsam mit der Direktorin des Kunstvereins Susanne Weiß – ausgewählten künstlerischen Positionen stehen im Dialog mit diesen fotografischen Arbeiten. Die Beiträge von Francis Alÿs, Alighiero Boetti, Elfe Brandenburger, Saba Sahar, Sandra Schäfer, Aqeela Rezaie und die Kriegsteppiche der Sammlung Saladin sowie die Editionen aus der Sammlung des Melton Prior Instituts geben weitere Lesarten auf die bewegte Geschichte des Landes. Insbesondere durch die Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren ergeben sich neue Blickperspektiven: Die Filmemacherin Sandra Schäfer beschäftigt sich in ihrer Videoinstallation ›to act in history‹mit kollektiven und medialen Bildern aus Afghanistan und entwickelt anhand von historischen Fotos und in Zusammenarbeit mit Protagonistinnen vor Ort ein Bild der gesellschaftlichen Rolle der Frau in Afghanistan. In diesem Zusammenhang hat die Künstlerin auch das Filmprogramm ›Bewegungen unter schwierigen Bedingungen‹zusammengestellt und die beiden Filmemacherinnen Saba Sahar und Aqeela Rezaie aus Kabul in die Ausstellung eingeladen. Der in einem Workshop entstandene Dokumentarfilm ›The Road Above‹ von Aqeela Rezaie zeigt, wie die junge Frau Mona im Straßenbau Geld für die Familie dazuverdienen muss, weil ihr heroinabhängiger Ehemann verschwunden ist. Der italienische Konzeptkünstler Alighiero Boetti bereiste von 1971 bis 1979 regelmäßig das Land. Hier begann seine Zusammenarbeit mit Teppichknüpfern, die nach seinen Vorlagen Wandteppiche anfertigten. Die Auswahl der Garnfarben war den Knüpfenden überlassenden – die Ergebnisse als Gemeinschaftswerk intendiert. Die Wandteppiche zeugen von einer Verschmelzung zwischen Ornament und Schrift und dem Austausch verschiedener Kulturtraditionen. Francis Alÿs reiste 2011 auf Einladung der dOUMENTA (13) nach Kabul und drehte mit Julien Devaux und Ajmal Maiwandi einen Film, der das hierzulande ausgestorbene Kinderspiel des Reifen-Treibens beobachtet. In Anspielung auf die Zerstörung der Filmarchive durch die Taliban wird aus dem Reifen eine Filmspule, die sich zu Anfang ab-, am Ende aber auch wieder aufrollt. Neben der Konzentration auf Kriegsschauplätze werden somit weitere Einblicke in das Alltagsleben Afghanistans und nicht zuletzt ein Perspektivwechsel ermöglicht.

6.7.2013 – 1.9.2013
C
›Welten tauschen‹
Ulf Aminde, Heide Hinrichs, Cholud Kassem, Roswitha Josefine Papa, Lena Inken Schaefer

Was ist Wissen wert?
Lässt sich Wissen besitzen? 
Was passiert mit Wissen, wenn es verschenkt wird? 
Hat jedes Wissen seine Zeit? 

 

Welten tauschen ist ein vom Innovationsfonds des Landes Baden-Württemberg gefördertes Projekt, welches Wissen und Erfahrung verschiedener Lebenswelten in den Kunstverein übertragen möchte: Schülergruppen werden unter didaktisch-künstlerischer Begleitung von Studenten der Pädagogischen Hochschule Heidelberg zu Botschaftern mobiler Kunstobjekte, mit denen sie ältere Mitglieder des HDKV aufsuchen und über die sie sich mit ihnen austauschen. 


Diese Prozesse wurden dokumentiert und in einer Abschlusspräsentation anhand verschiedener Dokumente und künstlerischer Arbeiten anschaulich gemacht. Parallel zu dem regulären Ausstellungsprogramm in der der Halle und dem Studio wurden vom 6.7. bis zum 1.9.2013 in der Cafeteria des Heidelberger Kunstvereins eine Auswahl der Ergebnisse ausgestellt. 
Zu der Ausstellung gab es ein Begleitheft, das mithilfe einer Reihe von Fotos ein Eindruck darüber vermittelt, was im Rahmen von Welten tauschen alles geschehen ist. 

  

  

Die Idee: 



Das Projekt war auf eine Laufzeit von etwa einem Jahr angelegt und gliederte sich in drei Phasen:

 

Zunächst hatten die Künstler Ulf Aminde, Heide Hinrichs, Cholud Kassem, Roswitha Josefine Pape und Lena Inken Schaefer jeweils einen ,Koffer‘ mit Objekten bestückt, die für ihre künstlerische Arbeit von Bedeutung sind. Diese Kofferobjekte wurden am 25.2.2013 unter dem Motto ,Geben und Nehmen‘ in einer feierlichen Zeremonie im Kunstverein an Schülerteams der Klassenstufe 8 der Geschwister-Scholl-Schule Heidelberg übergeben. 

 

Anschließend befanden sich die Kofferobjekte in der Obhut der Schüler. Zusammen mit Studierenden der PH, sowie mit Mitgliedern des Kunstvereins haben die Schülerteams die Inhalte ihres jeweiligen Kofferobjekts in Augenschein genommen und gemeinsam Assoziationen zu den ihnen anvertrauten Objekten ausgetauscht. Gleichzeitig haben sie unter Begleitung der Studenten an möglichen Formen der künstlerischen Visualisierung dieser Austauschprozesse gearbeitet und dabei Themen und Techniken aufgegriffen, die in einem Bezug zu den jeweils durch die Künstler gestalteten Kofferobjekten stehen. 

 

Das Projekt ermöglichte große inhaltliche Gestaltungsspielräume: Es lebte wesentlich von den Impulsen, die von den am Projekt beteiligten Akteuren ausgingen. 

 

Ganz herzlich möchten wir uns an dieser Stelle bei allen an Welten tauschen Beteiligten bedanken – ohne ihre Mitwirkung und ihre Impulse wäre das Projekt nicht denkbar gewesen. Möglich gemacht wurde das Projekt in finanzieller Hinsicht durch eine großzügige Förderung aus dem Innovationsfonds Kunst des Landes Baden-Württemberg, die uns von Seiten des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst gewährt wurde. Auch hierfür möchten wir an dieser Stelle unseren Dank aussprechen.

6.7.2013 – 1.9.2013
H
›Make Yourself Available‹
Annette Weisser

Der Heidelberger Kunstverein präsentiert mit Make Yourself Available die bislang umfassendste institutionelle Einzelausstellung von Annette Weisser in Deutschland, die aktuelle Arbeiten in einer von der Künstlerin gestalteten Ausstellungsarchitektur vereint. Die Ausstellung ist eine Reflexion ihrer Jugend in der süddeutschen Provinz in den 1980er Jahren: Eine Zeichnung von 1983 – Weisser war damals fünfzehn Jahre alt – bildet den Ausgangspunkt einer Serie von Holzschnitten, die sich mit den abstrakten und konkreten Ängsten jener Epoche auseinandersetzt: Waldsterben, der nukleare Overkill, Tschernobyl und der Eintritt in die vom Soziologen Ulrich Beck beschworene „Risikogesellschaft“ waren zu der Zeit die großen Themen in Deutschland und bildeten die düstere Begleitmusik einer in materieller Hinsicht zumeist sorgenfreien Jugend.

 

Ein wiederkehrendes Thema in Annette Weissers Arbeit ist das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, dem sie sich in der Videoarbeit „Karlas Lied“ (entstanden 2012 in Los Angeles) ebenso nähert wie in der Collageserie „The Good, the Bad and the Boring“ (2008-2010).

 

Weisser wählt für ihre Untersuchung von Geschichte einen hermetisch-privaten Zugang, um die Vergeblichkeit und zugleich Notwendigkeit eines solchen Unterfangens auf der persönlichen Ebene herauszuarbeiten. Ihre Kunst entwickelt sich dadurch zum Gegenstand ihrer eigenen Erklärungsversuche. Letztlich geht es um die Frage, was es bedeutet, sich „zur Verfügung zu stellen“ und moralische Verantwortung zu übernehmen, sich zu „engagieren“.

 

Anstelle von Referenzen, wie in der Ausstellungsreihe „Einzelausstellung: Nicht alleine“ sonst üblich, hat Annette Weisser entschieden, die gesamte Privatbibliothek ihrer Tante Anneliese Weisser in die Ausstellung zu integrieren.

 

Annette Weisser (* 1968 in Villingen/Schwarzwald) lebt und arbeitet in Berlin und Los Angeles. Sie lehrt seit 2007 am Art Center College of Design, Pasadena (Graduate Art). Weisser studierte an der Hochschule für Künste Bremen und der Kunsthochschule für Medien Köln. Vertreten wird Annette Weisser durch die Galerie RECEPTION, Berlin.

6.7.2013 – 1.9.2013
S
›Fragment 1: 943 Fragen‹
Maja Linke

Für wen kann ich sprechen? Sag ich zu viel? Für wen darf ich sprechen? Für wen muss ich sprechen? Kann ich sprechen? Ohne zu wissen? Kann man jemals sprechen ohne Antwort zu geben? 

 

Die letzte Ausstellung der Reihe „Im Gespräch – Acht Untersuchungen zum subjektiven Wissen“ stellt aktuelle Arbeiten der Künstlerin Maja Linke vor. Linke beschäftigt sich in ihrem Werk mit der Untersuchung von Wirkungskraft unserer Sprache – mit dem verletzenden Sprechen. 

 

Die Installation, bestehend aus 943 Fragen, stellt die Besucher vor eine schier unlösbare Aufgabe: Kann es jemals Antworten auf die Fragen nach dem Zusammenhang von Sprache, Macht und Gewalt geben? 

 

Mittels des Fragens und Hinterfragens werden Begriffe umkreist und immer weiter aufgelöst. Der Zweifel und die Frage sind Urelemente des Forschens sowie der Kritik. Maja Linke nutzt in ihrer künstlerischen Forschung das kritische Potenzial der Frage und schafft mit ihrer Installation einen Ort, der über die Frage die Frage nach Autorschaft und Adressat stellt. Ist es vielleicht gerade nicht die Antwort, die ein Gespräch beendet, sondern vielmehr eine Praxis des Fragens, die es aufrecht erhält? 

 

In ihrer künstlerischen Arbeit eignet sich Maja Linke die über Jahrhunderte immer wieder neu gestellten Fragen zu Kommunikation und Adressierung, zu Sprache und Verletzung an und überträgt diese in ein ihr eigenes Schriftbild. 

 

In der Zusammensetzung der mittels eines Öldruckverfahrens entstandenen Schriftbilder auf genormtem A4-Papier entsteht ein abstraktes Gesamtbild im Raum, welches erst durch die körperliche Annäherung auch als Schrift lesbar wird. Dieses Spiel zwischen Schrift und Bild wird mit anderen zeichnerischen und fotografischen Arbeiten erweitert und verknüpft so die textuellen und visuellen Ebenen ebenso miteinander wie die einzelnen Fragen und Theorien zu Sprache und Macht, Gewalt und Kritik.

 

Maja Linke (*1977 in Bonn) hat letztes Jahr ihre PhD-Arbeit zu verletzendem Sprechen und Kritik an der Bauhaus-Universität Weimar eingereicht. Sie studierte an der Akademie Beeldende Kunsten in Maastricht (NL) und lebt in Berlin. 

 

Im Rahmen der Ausstellung findet am Mittwoch, 31.7. um 19 Uhr ein Gespräch mit der Künstlerin Maja Linke und der Gender- und Literaturwissenschaftlerin Lena Eckert statt. 

 

Ausgehend von Maja Linkes Installation „Fragment 1: 943 Fragen“ wollen wir uns dem Verhältnis von Sprache, Materialität und Kritik annähern. Welche Rolle spielt die Kunst für eine kritische Handlungsfähigkeit? Im Gespräch wollen wir der Materialisierung in einem Künstlerischen Forschen ebenso wie der Möglichkeit von Affizierung, Sichtbarmachung und Verschiebung nachgehen.

6.7.2013 – 1.9.2013
F
›Rätsel der Wiederkehr‹
Jörg Baier

Vitrinen sind Aufbewahrungsorte – Orte des Erinnerns und des Wissens. Jörg Baier inszeniert im Foyer auf zwei Schautischen eine Parade von abgelebten Gegenständen. In ihr werden archäologische Objekte aus der Sammlung des Kurpfälzischen Museums mit Bildmaterial aus seinem eigenen Archiv verwoben. Alltägliche und museale Objekte wurden abfotografiert, ausgedruckt, s/w-fotokopiert, in Fragmente zerlegt und zu einer gänzlich neuen Komposition zusammengesetzt. In den Collagen fügt sich Gegenwärtiges zu Vergangenem und die Dreidimensionalität der Objekte wird ins Zweidimensionale überführt. Plötzlich trifft ein Marmeladenglas auf antike Scherben, Rahmenleisten marschieren auf und Speerspitzen begegnen Zahnstochern. Jörg Baier montiert eine überzeitliche Bilderserie, die den Zersetzungsprozess in sich trägt. Kopierspuren schreiben sich in die Fragmente ein. Die Schautische sind hier nicht mehr Orte des detailgetreuen Bewahrens: Seltsame Landschaften von gesammelten Erinnerungen und sich wiederholenden Formen werden zu einem zweiten, phantasmagorischen Leben erweckt.

Kuratiert von Sonja Hempel

Jörg Baier (*1975 in Darmstadt) ist zur Zeit Stipendiat an der Cité des Arts, Paris. Er studierte an den Kunstakademien in München und Karlsruhe und schloss 2003 als Meisterschüler bei Professor Erwin Gross ab. Er lebt und arbeitet in Paris, Brüssel und Schongau.

 

6.7.2013 – 1.9.2013
H
›Right Brain Problems‹
Stuart Sherman mit Serge Baghdassarians/Boris Baltschun, Christine Lemke, Babette Mangolte, Anahita Razmi, Olivier Toulemonde

Die Ausstellung „Right Brain Problems“ verknüpft eine umfassende Retrospektive des amerikanischen Performers und Filmemachers Stuart Sherman (1945-2001) mit künstlerischen Positionen, die auf unterschiedliche Weise mit seinem Werk verbunden sind.

 

Stuart Sherman war vor allem in den 1970er und 80er Jahren Teil einer ausgewählten Szene von Avantgardekünstlern, Theater- und Filmemachern in New York. Mit „Right Brain Problems“ wird zum ersten Mal in Europa ein Überblick über das filmische und performative Schaffen Shermans mit einer umfassenden Auswahl seiner Zeichnungen und Collagen gezeigt.

 

Stuart Shermans künstlerische Haltung ist strikt konzeptueller Natur. Hinter einer einfachen, humorvollen Formensprache verbirgt sich eine komplexe, bis ins letzte Detail durchgeplante Arbeitsweise. Scheinbare Gegensätze wie innen-außen, persönlich-universal aber auch konzeptionell-obsessiv lässt der Künstler gewitzt ineinander kippen und erzeugt dadurch eine surrealistische Spannung, die unser Verständnis von Sinn und Bedeutung irritiert. Besonders Alltagsgegenstände hat er immer wieder neu in diese verstörenden Beziehungen zueinandergesetzt, so dass es dem Betrachter unmöglich wird, ihnen eine finale Logik zuzuschreiben. Eine Idee ist immer Anfang und Ende zugleich. So bezieht sich auch der Titel der Ausstellung „Right Brain Problems“ auf die vermeintliche Zweiteilung unseres Gehirns, das doch nur in der Verschränkung funktioniert und keine Dualitäten kennt.

 

Dem Werk Stuart Shermans sind im Heidelberger Kunstverein Arbeiten von Serge Baghdassarians/Boris Baltschun, Christine Lemke, Babette Mangolte, Anahita Razmi und Olivier Toulemonde gegenübergestellt. Die Künstler haben mit Sherman zusammengearbeitet oder aber ihre Arbeiten weisen ganz eigene Bezüge zu dessen Methodik, Humor und Selbstverständnis als Künstler auf. Serge Baghdassarians und Boris Baltschun überlagern z.B. in ihrer Arbeit „Tuning“ Expansion und Kontraktion zweier Ballone mit jeweils einer eigener Zeitstruktur: Der ab- bzw. zunehmende Luftdruck erzeugt unterschiedliche Klänge, die miteinander verschränkt werden. Hierbei ereignen sich mit jeder Wiederholung des Ablaufs Abweichungen vom vorherigen. Wiederholungen und Neukombinationen sind auch für die textbasierten Arbeiten und die Filmmontage „Leben ist Leben“ von Christine Lemke zentral, in der sie einen Hollywoodfilm mit einem deutschsprachigen Unterhaltungsfilm sowie einer Textebene verknüpft. Mittels dieser Verfahren schickt sie Sinnzuschreibungen auf eine Reise und das dargestellte Leben verläuft im Loop. So wie für Stuart Sherman ist auch für Olivier Toulemonde ein gewöhnlicher Tisch ein wichtiger Begleiter. Der Improvisationsmusiker und Komponist konzipiert für die Ausstellung eine sich immer wieder neu aus Alltagsobjekten zusammensetzende Sound-Installation. Babette Mangolte, die seit den 1970er Jahren die Arbeit vieler New Yorker Tänzer und Performancekünstler dokumentiert hat, verbindet mit Stuart Sherman ein intensiver Austausch. Sie hat diverse Performances von Sherman fotografisch festgehalten und er wiederum stand ihr für mehrere Arbeiten als Schauspieler zur Verfügung, unter anderem in dem Film „The Camera: Je or La Camera: I“ von 1977, der im Rahmen der Ausstellung gezeigt wird. Auch die Tanzperformance „Roof Piece“ von Shermans Weggefährtin Trisha Brown ist durch Babette Mangoltes fotografische Dokumentation von 1973 überliefert. Auf diese legendäre Performance bezieht sich eine Generation später die Video- und Performancekünstlerin Anahita Razmi mit ihrer Arbeit „Roof Piece Tehran“ – jedoch verlegt sie die Choreografie auf die Dächer der iranischen Hauptstadt, was der Arbeit eine neue, politische Dimension verleiht.

 

Die Ausstellung „Right Brain Problems“ wird von einem umfassenden Rahmenprogramm begleitet. Heidelberger Wissenschaftler kommen ebenso zu Wort wie Freunde und Wegbegleiter Stuart Sherman.

 

Die Ausstellung ist von Susanne Weiß und Lena Ziese kuratiert.

20.4.2013 – 23.6.2013
S
›Die Erinnerung ist ein idealer Ort‹
Sophie Ernst

In der siebten Ausstellung der Studioreihe „Im Gespräch – Acht Untersuchungen zum subjektiven Wissen“ wird das Werk der niederländischen Bildhauerin Sophie Ernst präsentiert. Im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Praxis steht das Verhältnis von Erinnerung zu Architektur im Spannungsfeld von Migrationsbewegungen. Dabei dient ihr die Videoprojektion als zentrales Element der Visualisierung von Erinnerung:

 

Die Ausstellung zeigt zwei Arbeiten aus ihrer fortlaufenden Serie „HOME“. Mit „HOME“ richtet Sophie Ernst ihren Blick auf die Geschichten von Menschen, die aufgrund gravierender politischer Umbrüche während der Partition (Teilung des indischen Subkontinents, 1947) miterlebten. Die befragten Personen sind aufgefordert ihr damaliges Zuhause aus ihrer Erinnerung aufzuzeichnen. Ernst übersetzt die Zeichnungen in Architekturmodelle, die sie durch Videoprojektionen belebt. Diese zeigen Hände beim Skizzieren, Korrigieren und Wegradieren von Linien – gleichzeitig sind die persönlichen Schicksale der Protagonisten zu hören. Mit „HOME“ gelingt es Ernst, dem Thema Migration eine architektonische Bühne zu bauen, auf der sie im Sinne der Oral History die Menschen sprechen lässt, die direkt von der Partition betroffen sind. Für die Ausstellungen wurden die Modelle der bedeutenden indischen Künstlerinnen Zarina Hashmi und Nalini Malani ausgewählt.

 

Neben „HOME“ wird eine weitere Arbeit der Künstlerin – eine Videodokumentation der Aktion „Silent Empress“ (2012) – gezeigt. Sophie Ernst montiert hier einer Statue Queen Victorias ein Megaphon vor den Mund. Die langjährige Herrscherin des Vereinigten Königreichs von Großbrittanien, Irlands und mehrerer britischer Kolonien – darunter Indien – ließ sich 1857 als Kaiserin von Indien krönen. Unfreiwillig verliest das Monument der einstigen Monarchin u.a. Ausschnitte aus von ihr verfassten Briefen, Reden Tony Blairs und David Camerons, welche die Kolonialherrschaft Großbritannien thematisieren. Mit „Silent Empress – By a Grateful People“ weist Ernst darauf hin, dass es Großbritannien bis zum heutigen Tag versäumt hat eine Entschuldigung gegenüber seinen ehemaligen Kolonialgebieten auszusprechen.

 

Sophie Ernst ist Bildende Künstlerin und zurzeit Promotionsstudentin im Doktoratsprogramms PhDArts der KABK, Den Haag/Universität Leiden (NL). Für „HOME“ erhielt sie den „Golden Cube Award“ des Dokfest Kassel. Zahlreiche Ausstellungen und Symposien, u.a. Yorkshire Sculpture Park (UK); The Herbert F. Johnson Museum of Art, New York; Sharjah Biennale.

 

Kuratiert von Susanne Weiß in Zusammenarbeit mit der Kulturwissenschaftlerin Anna Till.

Am Donnerstag, den 13.6. findet im Rahmen der Ausstellung ein Vortrag von Prof. Dr. Monica Juneja zu der Kunst von Zarina Hashmi und Nalini Malani statt.

20.4.2013 – 23.6.2013
F
›Wer zurück bleibt, wird zurück gelassen‹
Shannon Bool, Rahel Bruns, Stef Heidhues, Stefan Marx, Bavo Olbrechts, Daniel Wolff

Seit Mitte 2012 ist der Kunstverein St. Pauli unter dem Motto „Wer zurück bleibt, wird zurück gelassen“ auf Tour durch deutsche Kunstvereine. Nach Langenhagen und Leipzig macht er nun Station in Heidelberg. 

Der von einem Künstlerkollektiv betriebene, kleinste Kunstverein Deutschlands hat Arbeiten von sechs jungen internationalen Künstlern und einen Schiffscontainer an Bord. Ihre Arbeiten und der Container bilden das Material, durch das sie in einen Prozess mit den örtlichen Gegebenheiten treten. 

 

Nach dem Prolog im Foyer, der das Projekt und eine Blackbox für Ideen präsentierte, folgt nun die zweite Phase der Ausstellung vom 1. bis 16. Juni. Das Foyer und die Cafeteria des Kunstvereins werden mit einer eigenen Ausstellung gekapert. Neben dem festen Bestand der Containerladung werden speziell für den Ort entwickelte Arbeiten und Gastkünstler das Programm erweitern. Zugleich tritt der Kunstverein St. Pauli mit einem Schiffscontainer auf dem Theaterplatz in Erscheinung. Dazu wurde das „Nordbeckenkollektiv“ (Julia Hildenbrand, Nemanja Sarbaic, Tobias Talbot, Constanze Zacharias) und Art Van Demon eingeladen, diesen Raum für eigene Veranstaltungen aber auch Interventionen zu nutzen. Der Moment, als Gast bei Gästen zu sein, wird vom Nordbeckenkollektiv künstlerisch aufgegriffen und „verankert“ den Schiffscontainer des Kunstverein St. Pauli mit einem eigens hergestellten Tau auf dem Theaterplatz.

Das Veranstaltungsprogramm wird weiterhin abgerundet mit Lesungen von Florian Arnold, David Heckel, Kristof Rüter, einer Klangperformance „Contaimination“, einer Performance von Sculptress of Sound (Julia Bünnagel, Tamara Lorenz, Patricia Köllges) sowie „Morgen werde ich Idiot“ von und mit Hans-Christian Dany. 

 

Außerdem sind einige Spontanbeiträge von Art van Demon Teil des Programms. Matthis Bacht ist vom 02.06.-16.06 mit der Installation SIMULAKRA im Schaufenster des Heidelberger Zuckerladens, Plöck 52 vertreten. Marvin Meier-Braun wird seine Arbeiten im Container des Kunstvereins St.Pauli präsentieren und ebenso in unmittelbarer Nähe findet man vor dem Container die Installation eines „Tschechenigels“ von Joost Brokke. Die Künstlerin Silvia Szabó reagiert am 13.06. mit der Performance „gleich später jetzt vorhin“ auf die St.Paulianer und die Künstlerin Lena Staab bietet am 11.06. und zur Finissage am 16.06. den Kinderworkshop „in progress – ein empirisches Spiel“ an.

9.2.2013 – 7.4.2013
H
›Wir bleiben bis 1000 Uhr‹
Jan Bünnig

Der Bildhauer Jan Bünnig führt dem Betrachter pointiert und poetisch den Schaffensprozess seiner Kunst vor Augen. In seiner ersten institutionellen Einzelausstellung „Wir bleiben bis 1000 Uhr“ werden vor Ort insgesamt fünf Tonnen Ton zu minimalistischen Skulpturen verarbeitet. Der Ausstellungsraum wird Teil des Prozesses – die Grenze zwischen dem Atelier als Ort des Schaffens und der Institution als Repräsentationsraum löst sich auf. Für seine oftmals großformatigen Arbeiten verwendet Bünnig traditionelle Materialien wie Ton, Lehm und Holz, industriell konnotierte Materialien wie Beton, Teer und Nylonfäden sowie ganz alltägliche Gegenstände. Dabei inszeniert er die Materialien in seinen Skulpturen so, dass ihre physikalischen Eigenschaften aufgehoben zu sein scheinen.

 

Die Ausstellung lenkt das Augenmerk auf das Sehnsuchtsmotiv in Jan Bünnigs Skulpturen. Ausgangspunkt seiner Neuproduktionen für den Heidelberger Kunstverein ist das grundsätzliche Verlangen, die Schönheit eines Moments und seine einzigartige Präsenz zu erkennen und auszukosten. Eine Haltung, die auch in der ebenfalls gezeigten fortlaufenden Serie „Luftpost“ zu Tage tritt: eine Sammlung von Fundstücken aus aller Welt, die der Künstler bei Flugreisen als Gepäck aufgegeben hat. Von der Reise gezeichnet werden die Objekte zu quasi-profanen Reliquien. Wie die performativen Skulpturen aus Ton und Holz legen sie Zeugnis ab von der Gegenwart des Vergangenem, einer dem Material innewohnenden Geschichte.

 

Jan Bünnig (*1972 in Berlin) lebt und arbeitet in Berlin. Nach einer Ausbildung zum Kunstschmied studierte er an der Hochschule für Kunst und Design an der Burg Giebichenstein in Halle an der Saale sowie in der Klasse von Tony Cragg an der Universität der Künste Berlin.

9.2.2013 – 7.4.2013
S
›Do you know what time is?‹
Kerry Tribe

„Do You Know What Time Is?“ ist der Titel der Einzelausstellung der US-amerikanischen Künstlerin Kerry Tribe (*1973). In ihrer Video-Arbeit „Here & Elsewhere“ von 2002 wird der Betrachter Zeuge eines Dialogs zwischen Vater und Tochter. Der Vater, der britische Filmtheoretiker Peter Wollen, richtet aus dem Off philosophisch-existenzielle Fragen an seine zehnjährige Tochter. Auf die elementaren Fragestellungen über Zeit, Erinnerung, Körper und Sein reagiert sie besonnen. Aufrichtig und klar formuliert das Kind Gedanken und Vorschläge zu den nicht abschließend zu beantwortenden Fragen über die menschliche Existenz.

Tribe montiert in ihrer Doppelprojektion zwei ineinander übergehende Filmbilder. Nahaufnahmen des Mädchens zeigen sie in Alltagsverrichtungen, schlafend auf dem Sofa oder zähneputzend. Des Weiteren werden Ansichten aus dem Inneren des Hauses der Familie mit Stadtansichten aus Los Angeles kombiniert. Auf diese Weise öffnet sich das philosophische Gespräch über Zeit und Existenz für eine allgegenwärtigen Reflexion jenseits des privaten Zwiegespräches.

„Here & Elsewhere“ ist eine lose Adaption Jean-Luc Godards und Anne-Marie Miévilles Serie „France/tour/ détour/deux/enfants“ von 1978, in der Godard Schüler zu politischen und philosophischen Themen befragt.

9.2.2013 – 7.4.2013
F
›Sharing as Caring 2: Fukushima – Heidelberg: Bookmark Project‹
Shiori Project

kuratiert von Dr. Miya Yoshida
Projektkoordination Heidelberg: Hyun-Woo Cho

Im zweiten Teil der fünfteiligen Ausstellungsreihe „Sharing as Caring: Fukushima – Heidelberg“ wird der japanische Fotograf und Anthropologe Chihiro Minato mit seinem Bookmark Project, das sich mit der Katastrophe von Fukushima auseinandersetzt, eingeladen. Bei diesem Projekt werden spezielle Shiori (japanische Lesezeichen) angefertigt – sie zeigen Ausschnitte von 4 Fotografien aus einer Serie, die Minato nach der Katastrophe im Land aufgenommen hat.

Etwa 32.000 dieser Lesezeichen – von denen sich jeweils 4 wieder zu einem der Motive zusammenfügen lassen – werden an folgenden Orten in Heidelberg zum Mitnehmen ausliegen:
– Bibliothek des Instituts für ostasiatische Kunstgeschichte
– Bibliothek des Instituts für Japanologie
– Universitätsbibliothek Heidelberg
– Stadtbücherei
– Buchhandlung Himmelheber
– Buchhandlung Schmitt & Hahn
– Büchertruhe Heidelberg
– Restaurant Konomi
– Sushi Bar SameSame
– Teesalon Heidelberg
– Antiquariat Hatry
– Schoebel-Buch
– Leanders Leseladen
– Buchhandlung Lehmanns
– Lichtblick
– Antiquariat Canicio
– Kraus Sushi
– Wetzlar Fremdsprachenbuchhandlung
– i-AM-Designmanufaktur
– Heidelberger Kunstverein

Im Foyer des Heidelberger Kunstvereins wird zudem ein Motiv der Lesezeichen als unzerteiltes Bild zu sehen sein und mit einer textbasierten Collage in Verbindung ge-bracht, die als ein fortlaufender, medienkritischer Kom-mentar zur japanischen Berichterstattung über Katas-trophen zu verstehen ist.

17.11.2012 – 27.1.2013
H
›Vogelmen Diaries‹
Thomas Nast, Robert Weaver, Theo de Feyter, Stefan Heller, Saul Leiter, Susan Turcot, Émile Cohl, Johann Wolfgang von Goethe, Constantin Guys, Monogrammist R.D., Theodor Kaufmann, Fritz Koch-Gotha, Monogrammist A.H., Paul Hogarth, Willibald Krain, Eugen Krüger, Melton Prior, Joseph Pennell, Lili Rethi, Theodor Rocholl, William Simpson, Paul Renouard, Albert Robida, Frantisek Kupka, Thomas Walch

kuratiert von Alexander Roob in Zusammenarbeit mit Lena Roob

 

Erstmalig wird die umfassende Forschungsarbeit des Melton Prior Instituts für Reportagezeichnung im Rahmen einer institutionellen Ausstellung vorgestellt.

Das Institut wurde 2005 von dem Zeichner Alexander Roob zusammen mit dem Kunsthistoriker Clemens Krümmel gegründet und beschäftigt sich mit der internationalen Geschichte der Reportagezeichnung. Namensstifter ist der englische Illustrator Melton Prior (1845 – 1910), der als populärster Vertreter der graphischen Berichterstattung im 19. Jahrhundert gelten kann. Der Titel „Vogelmen Diaries“ bezeichnet zum einen die ambulanten und flüchtigen Aufzeichnungsweisen dieser Künstler, zum anderen den halluzinogenen Grenzbereich zwischen Faktizität und Fantastik, in dem sich viele der gezeigten Arbeiten bewegen.

 

Die Reportagezeichner wurden in der Frühzeit des Illustriertenwesens als „special artists“ bezeichnet. Diese waren im Gegensatz zu den meisten ihrer akademischen Kollegen nicht auf ein Medium oder Thema spezialisiert, sondern deckten oft ein interdisziplinäres Feld ab, das von der Dokumentation von Kriegsschauplätzen, über Fiktion bis hin zur politischen Karikatur reichen konnte. Das Aufgabenspektrum und Selbstverständnis des special artist, der mit ironischem Unterton oft auch als „our artist“ bezeichnet wurde, steht einer heutigen kontextbezogenen Kunstpraxis erstaunlich nah.

 

Zentrales Thema der Ausstellung ist das zukunftsweisende künstlerische Selbstverständnis dieser Protagonisten und insbesondere ihre multiplen Rollen als Künstler, Journalisten, Karikaturisten, Politiker, Ethnologen und Literaten. Zwei zentrale Positionen in der Ausstellung bilden diejenigen von Thomas Nast (1840-1902) und Robert Weaver (1924-1994). Beide sorgten mit Inhalt und Form in ihrer Zeit für Aufsehen. Von Thomas Nast werden neben einer Auswahl von Zeitschriftendrucken auch eine Reihe von Originalzeichnungen und Skizzen zu sehen sein; von Robert Weaver wird erstmals eines seiner sequentiellen Hauptwerke, das aus 51 Malereien bestehende Opus „Pedestrian Views / The Vogelman Diary“ von 1982 im Original ausgestellt.

6.10.2012 – 27.1.2013
S
›Das Gespräch vor dem Gespräch‹
Hannah Hurtzig, Bouchra Ouizguen, Serhij Zhadan & Roland Fürst

Ein Projekt von Kathrin Hartmann, Jessica Laignel und Susanne Weiß.

 

Wie hängen Kommunikation und Kultur zusammen? Was heißt das für den internationalen Kulturaustausch? Unter welchen Voraussetzungen kann ein grenzüberschreitender Dialog mit dem Medium der Kunst sinnvoll geführt werden? Der Dialog der Kulturen ist im letzten Jahrzehnt zum vielbeschworenen Schlagwort der internationalen Zusammenarbeit geworden. Mit dem Projekt „Das Gespräch vor dem Gespräch“ möchten wir über die Möglichkeiten dieses Dialogs nachdenken. Das Projekt fragt nach der kulturellen Bedingtheit von Kommunikation, der „Übersetzbarkeit“ von Kunst und den Herausforderungen der Kulturvermittlung. Die Erfahrungen der Kuratorinnen als ehemalige Robert Bosch Kulturmanagerinnen in Marokko, der Ukraine und den Vereinigten Arabischen Emiraten bilden hierfür den Ausgangspunkt.

 

Die Ausstellung „Das Gespräch vor dem Gespräch“ vereint drei Positionen aus Literatur, Tanz und Theater aus diesen Ländern. Die Arbeiten befragen die Kultur, der sie sich zuwenden und die Grundlagen ihrer Kommunikation: Mit der Videoarbeit „Nation Builders“ initiiert die in Berlin lebende Dramaturgin Hannah Hurtzig Gespräche, in denen zentrale Akteure des öffentlichen Lebens aus den Vereinigten Arabischen Emiraten miteinander in Dialog treten. Zusätzlich zeigt Roland Fürst, Fotograf und Mitglied des Heidelberger Kunstvereins, eine Fotografie seiner Reise durch die Vereinigten Emirate von 1978. Die Performance „Madame Plaza“ der in Marrakesch lebenden Choreografin Bouchra Ouizguen ist ein zeitgenössisches Tanzstück, das gemeinsam mit vier traditionell ausgebildeten marokkanischen Sängerinnen entwickelt wurde. Ouizguen deutet in ihrer gemeinsamen Arbeit die Bewegung der schweren Körper, die Chiffren der Verführung und das erotische Vokabular der weiblichen Gesten behutsam um. Dabei thematisiert sie die Widersprüchlichkeit des gängigen Bildes dieser Sängerinnen in Marokko. Serhij Zhadan (Text/Video), einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren der Ukraine, erörtert in einem eigens für diese Ausstellung verfassten Essay die Schwierigkeiten der Übersetzbarkeit von Kultur.

 

Mit freundlicher Unterstützung der Robert Bosch Stiftung im Rahmen des Robert Bosch Kulturmanager Netzwerks.

22.8.2012 – 4.11.2012
H
›Amateurism‹
Heike Bollig, Jan Bünnig, Luis Camnitzer, Sister Corita, Jos de Gruyter & Harald Thys, Heike Klussmann & Bau Kunst erfinden, Toru Koyamada, Annette Krauss, Melton Prior Institut, Hwayeon Nam, Toshiko Okanoue, Lucy Powell, Provence, Jewyo Rhii

kuratiert in Zusammenarbeit mit Dr. Miya Yoshida

 

Die Ausstellung AMATEURISM untersucht das Phänomen des Amateurs in der Gegenwartskunst. Die eingeladenen Künstler und Künstlerinnen verdeutlichen durch ihre Praxis die Verschiebung der Grenzen der kanonisierten Zuschreibung von Amateur und Profi und befragen das Verhältnis von Kunst, den Räumen ihrer Produktion und der damit verbundenen Bewertung.

Kulturhistorisch entstammt die Figur des Amateurs der Tradition der „Dilettanti“, die aus Neugier und zu ihrem Vergnügen einer der „Schönen Künste“ nachgingen und dabei häufig in Konkurrenz zu den Professionellen traten. In der Folge entwickelte sich der Begriff Dilettantismus zum Schimpfwort. Doch seit einigen Jahrzehnten wird dem Amateur in unserer Gesellschaft erneut Beachtung geschenkt. Welche Rolle spielt dabei das Internet und die damit verbundene Demokratisierung von Wissen? Wie, wann und warum bildet sich ein sogenannter Ismus als Haltung oder als Strategie? In der Kunst stehen die Ismen in Verbindung mit neuen Ideen und Bewegungen. So sind uns zahlreiche Stilepochen seit dem frühen 19. Jahrhundert wie z.B. der Expressionismus oder Surrealismus bekannt.

Die Ausstellung geht dieser Frage anhand von 14 internationalen Positionen nach und untersucht auf welche Weise die Logik kapitalistischer Wertekonzepte unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen angegangen oder umgeschrieben werden kann. Die satirischen Beiträge der prä-avantgardistischen Gruppierung „Les Arts Incohérents“ (1880-1890er Jahre) bilden den historischen Ausgangspunkt für die Ausstellung. Ihre Kunst stellt heute noch immer einen kritischen Kommentar zur Akademiegläubigkeit dar. Gleichzeitig lässt sich an ihr ablesen, wie eine Strömung, die nicht zum Kanon gehörte, einige Jahrzehnte später stilbildend wurde. Im Dialog dazu befinden sich künstlerische Haltungen von den 1950er Jahren bis in die Gegenwart.

Die internationale Gruppenausstellung wird von einem Künstlergespräch, einem Kochkurs, Workshops für Kinder und Jugendliche, einem Vortrag, einer Reise und drei Führungen begleitet. AMATEURISM ist die zweite Ausstellung, die von Dr. Miya Yoshida zum Themenfeld des Amateurs kuratiert wird. Ko-Kuratorin ist Susanne Weiß.

 

12.7.2012 – 30.9.2012
S
›Das Aufzeichnen‹
Jan Caspers / Anne König / Jan Wenzel, Dongwhan Jo / Haejun Jo

Die Ausstellung „Das Aufzeichnen“ beschäftigt sich mit dem Verfahren des Festhaltens und Erfassens persönlicher Erlebnisse im Kontext geschichtlicher Ereignisse. Beide künstlerische Positionen basieren auf einem Vater-Sohn-Verhältnis. Erlebte oder erzählte Erinnerungen werden visualisiert und somit durch eine weitere und neue narrative Ebene ergänzt.

2002 begann der koreanische Künstler Haejun Jo mit seinem Vater Donghwan Jo zusammenzuarbeiten. Er motivierte ihn seine Erinnerung an die japanische Besatzung Koreas und den Koreakrieg (1950-53) aufzuzeichnen. Der Dialog zwischen Vater und Sohn findet aus der Distanz in einem Briefwechsel zwischen Deutschland und Südkorea statt. Die persönliche Geschichte des Vaters findet erst in der Zeichnung ihren Weg zu seinem Sohn.

Mit der Technik des Scherenschnitts übertragen die Leipziger Künstler Jan Caspers, Anne König und Jan Wenzel den Inhalt des Gesprächs mit dem Bautzner Installateur Jürgen W., dem Vater Jan Wenzels in den Animationsfilm „Das Angebot – Technologien des Selbst“. Aus subjektiver Perspektive berichtet Herr W. von den Auswirkungen des Kapitalismus auf sein Arbeitsleben in der ehemaligen DDR. In humorvollen Bildern heben die Künstler die Herausforderung des politischen Umbruchs hervor.

Die Ausstellungsreihe ist in Zusammenarbeit mit der Kulturwissenschaftlerin Anna Till entstanden.

2.6.2012 – 12.8.2012
H
›Echos‹
Heide Hinrichs

Der Heidelberger Kunstverein präsentiert mit der Ausstellung „Echos“ die erste umfassende Einzelausstellung von Heide Hinrichs in Deutschland. Im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Praxis steht das Interesse an dem Verhältnis von Sprache und Körper zum Raum. Ihre daraus resultierende skulpturale Auseinandersetzung stellt eine semantische Untersuchung von Objekten und alltäglichen Gegenständen dar. Hinrichs spürt der Bedeutung von Dingen, Orten und Erinnerungen in einem ihr eigenen Übersetzungsprozess nach. Die Künstlerin entwickelt in diesem Verfahren eine minimalistische Haltung, die einen imaginierten Ursprung des Objektes unerwartet zum Vorschein bringt.

Für die Ausstellung „Echos“ bildet das Motiv des Hauses als Resonanzkörper ein zentrales Moment der ortsbezogenen Installationen, in der die Ausstellungshalle selbst zum skulpturalen Gegenstand wird. In einer mehrteiligen Zeichnungsserie spürt die Künstlerin dem Nachhall von Geschichte auf physischer und psychischer Ebene nach. Durch beide Ansätze erfahren die Verbindungen von verbalen und architektonischen Räumen eine neue Beschreibung.

„Echos“ ist die zweite Ausstellung in der Reihe „Einzelausstellung: Nicht alleine“ in deren Zusammenhang zwei wichtige Ausgangspunkte der künstlerischen Praxis von Heide Hinrichs in die Ausstellung einbezogen werden. Diese beziehen sich auf das Werk der amerikanisch-koreanischen Künstlerin Theresa Hak Kyung Cha (1951-1982) und des deutschen Schriftstellers W.G. Sebald (1944-2001). Ihre jeweilige Form der Auseinandersetzung mit Erinnerung und Exil stehen in Interaktion zu den ausgestellten Arbeiten von Heide Hinrichs.

Heide Hinrichs wurde 1976 in Oldenburg geboren und lebt und arbeitet derzeit in Brüssel und Oldenburg. Sie studierte an der Kunsthochschule Kassel und an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. 2006 beendete sie das zweijährige postgraduierten Programm am Higher Institute of Fine Arts in Antwerpen. Im selben Jahr präsentierte sie ihre Arbeit in einer Einzelausstellung im Kunstverein Ahlen. Im Anschluss lebte sie vier Jahre in Seattle, wo sie 2010 im Seattle Art Museum die Ausstellung „Borrowed tails“‚ realisierte. 2008 hat sie an der Manifesta 7 in Rovereto, Italien teilgenommen.

2.6.2012 – 8.7.2012
S
›Das Aufblättern‹
Yvon Chabrowski, Sandra Schäfer

Die dritte Ausstellung im Studio wendet sich Methoden der Dokumentation historischer Ereignisse zu. Die Künstlerinnen Yvon Chabrowski und Sandra Schäfer setzen sich mit der Konstruktion von Geschichte durch übliche mediale Verfahren auseinander und stellen diesen ihre eigene Bildsprache gegenüber.

In vielschichtiger Recherchepraxis blättert Sandra Schäfer aus heutiger Perspektive die Verhältnisse im Iran während und nach der Revolution 1978 auf. Zentraler Gegenstand des Filmprojekts „on the set of 1978ff“ ist das Befragen derjenigen, die während der politischen Umwälzungen journalistisch und politisch aktiv waren. In zahlreichen Gesprächen geht sie den vielfältigen Spuren der Informationen und deren Verknüpfung mit den jeweiligen politischen Interessen der damaligen Protagonisten nach.
Mittels Fotografie und Video dekonstruiert Yvon Chabrowski in ihrer mehrteiligen Installation das populäre Format des Histotainments. Ein bekannter Vertreter dafür ist der Historiker und ZDF-Redakteur Guido Knopp, dessen TV-Dokumentation „Die Gefangenen“ (2003) das Ausgangsmaterial für die Werkreihe Chabrowskis bildet. In dem Video „eye witness“ werden z.B. die interviewten Zeitzeugen wegretuschiert und somit der Blick auf die theatralen Mittel des Filmes offen gelegt. Durch die Methode der Reduktion verdeutlicht die Künstlerin, wie im Fernsehformat des Histotainments Geschichte vermittelt wird. Der vermeintlich ganzheitlichen Erzählung setzt sie bruchstückhafte Einzelteile entgegen und überlässt dem Betrachter die Zuordnung der Bilder.

19.4.2012 – 20.5.2012
S
›Die Bühne‹
Kaya Behkalam / Azin Feizabadi, Wendelien van Oldenborgh

Die zweite Ausstellung „Die Bühne“ im Rahmen der Jahresreihe „Im Gespräch – Acht Untersuchungen zum subjektiven Wissen“ thematisiert den Ort und die Mis-en-Scène eines Gesprächs. Hierfür werden im Heidelberger Kunstverein zwei Bühnensituationen gegenübergestellt.

Die ausgewählten Arbeiten vereint, dass sie sich signifikanten architektonischen Settings bedienen. Wie in einem Bühnenstück begeben sich die Akteure vor die Kamera. Ein übergroßer kreisförmiger Konferenztisch, angelehnt an den UN Sicherheitsrat, bildet hierbei den Ausgangspunkt für die Künstler Kaya Behkalam und Azin Feizabadi, die sich in ihrer Arbeit „The Negotiation“ (2010) dem Topos der Revolution zuwenden. Die Arbeit entstand anlässlich der Ausstellung „Über Wut“ für das Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin vor dem Hintergrund der jungen iranischen Protestbewegung 2010. Vor Ort diente der Konferenztisch als Bühne, an den professionelle Schauspieler eingeladen wurden. Ihre Handlungsanweisung bestand darin, ein Drama in drei Akten zu einer nicht näher definierten Revolutionssituation aufzuführen. Ein verbal und performativ improvisiertes Streitgespräch entsteht, in dem die Schauspieler Prototypen politischer Akteure verkörpern. Im Streitgespräch wird die Frage des notwendigen und richtigen politischen Handelns verhandelt. Die Grenzen zwischen gespielter Geschichte und tatsächlicher Biographie und Überzeugung verschwimmen. Ein Kommentator strukturiert den Handlungsverlauf in Form einer narrativen Dramenstruktur in drei Akte. Dabei stellt sich die Frage, inwiefern sich politisches Handeln zwischen individuellem und kollektivem Agieren bewegt.

Im Unterschied dazu wendet sich die niederländische Künstlerin Wendelien van Oldenborgh in ihrer Arbeit “ Supposing I love you. And you also love me“ (2011) der Realität holländischer und belgischer Jugendlicher zu. Eine im Kreis aufgezogene Betonwand versteht sich als Anspielung auf die Sozialarchitektur der 1970er Jahre. Gezeigt wird eine Diashow aus Filmstills, die die Jugendlichen innerhalb einer modernistischen De Stijl-Architektur einer Sendeanstalt zeigt. Durch die Künstlerin werden die Jugendlichen angeregt über Themen wie Angst, Identität und die eigene Stimme in der Öffentlichkeit zu sprechen. In der Sendeanstalt erzählen die Jugendlichen aus ihrem Leben und den teils dramatischen Erfahrungen. Nicht als Teil einer Gemeinschaft, sondern als Migrant wahrgenommen zu werden, ist Teil der Erzählungen. Kommentiert werden ihre Gespräche durch den Ägyptisch-Schweizer Philosophen Tariq Ramadan, der als bekannte Medienfigur eine eigene Position bezieht. Ausgehend von der modernistischen Prämisse der Architektur, die die Freiheitswerte der Demokratie und eine liberale Offenheit symbolisieren, spricht er über die vermeintliche Unvereinbarkeit von Religion und Moderne, deren Widersprüche sich in der gezeigten Szenerie der Jugendlichen in der Sendeanstalt wie auch in seinem Leben als Intellektueller zwischen verschiedenen Denk- und Glaubenstraditionen offenbart.

Wir danken der Firma CONCEPTAPLAN & KALKMANN Wohnwerte für die Realisierung der Installation von Wendelien van Oldenborgh.

10.3.2012 – 20.5.2012
H
›Der Noth gehorchend, nicht dem eignen Trieb‹
Ulf Aminde

Titelgebend für die Ausstellung ist ein Zitat aus dem ersten Akt der ›Braut von Messina‹, einem ›Trauerspiel mit Chören‹ von Friedrich Schiller. Für Ulf Aminde ist die Vorrede des Dramas ein Anknüpfungspunkt an seine eigene künstlerische Arbeit. Hier wir der Einsatz des Chores als eine lebendige Mauer, eine Unterbrechung im Geschehen des Dramas beschrieben. Walter Benjamin schreibt über das epische Theater Bertolt Brechts, dass die Unterbrechung von Abläufen eine Verfremdung und somit eine Möglichkeit der Reflexion erzeuge. Dieser Gedanke ist für Aminde ein Leitmotiv seiner performativen Arbeit.

Ulf Amindes künstlerische Praxis erörtert gesellschaftlich relevante Fragestellungen mittels Fotografie, Zeichnung, Film und Performance. Er erarbeitet in der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen Bilder, die den Wunsch nach Gemeinschaftsbildung erzeugen. Rollenfindung, Identität, Krise und damit verbunden auch die eigene Position als Künstler stehen in seinem Werk zur Aufführung. Somit werden in seinen ›sozialen Maschinerien und Komplizenschaften‹ (Ulf Aminde) notwendigerweise Fragen nach dem Verhältnis des Einzelnen in Bezug zu einer Gemeinschaft thematisiert.

Für den Heidelberger Kunstverein wird Ulf Aminde die Notation von Gemeinschaft im Kontext seines filmischen wie bildnerischen Werkes präsentieren und – durch die Einbeziehung von Akteuren vor Ort – auch in Beziehung zu Heidelberg untersuchen. In den Räumen des Kunstvereins werden bildnerische und filmische Arbeiten Amindes zu einem Kollektiv von Arbeitsansätzen zusammengeführt. Untersuchungen zum ›Reden an die Nachgeborenen‹ , dem ›Chor der Unterbrechung‹ , dem „Streikorchester‹ , dem ›Diskurs-Ding‹ und der ›Kommenden Gemeinschaft‹ , bilden die zentralen Motive der Ausstellung. Diese werden zusätzlich an fünf Terminen erprobt. Eine solche Präsentationsform hebt nicht nur die Eigenschaften der Arbeiten von Ulf Aminde hervor, sondern stellt sie als variabel zur Diskussion.

In einer Zeit, in der selbstbestimmtes künstlerisches Arbeiten nicht mehr als selbstverständlich angesehen werden kann, beschreibt diese Collage unterschiedlichster Arbeitsansätze eine Dringlichkeit und zugleich die Möglichkeiten und Fluchtlinien zwischen Selbstbehauptung und gesellschaftlicher Verantwortung.

Ulf Aminde wurde 1969 in Stuttgart geboren. Er lebt und arbeitet in Berlin.

10.3.2012 – 15.4.2012
S
›Zur Person‹
Günter Gaus, Manon de Boer

kuratiert in Zusammenarbeit mit Anna Till

 

Philosophische, private und politische Fragen stehen im Mittelpunkt der ersten Studio-Ausstellung. Mittels unterschiedlicher Gesprächsund Darstellungsstrategien werden dem Betrachter Haltungen, Lebensläufe und die Persönlichkeit der befragten Protagonistinnen – Hannah Arendt und Sylvia Kristel – näher gebracht. In der Interviewreihe ›Zur Person‹, die Günter Gaus in den 1960er Jahren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen etablierte, nimmt sich der Journalist Zeit für genaues Fragen und Nachfragen und scheut sich nicht vor längeren Passagen, die eine inhaltliche Tiefe ermöglichen. Im Vergleich zu diesem klassischen Setting eines Interviews wendet die belgische Künstlerin Manon de Boer Techniken der Postproduktion an. In der Arbeit ›Sylvia Kristel – Paris‹ lässt sie die Schauspielerin in einem Abstand von einem Jahr einzelne Szenen ihres Lebens Revue passieren. Durch den zeitlichen Abstand der Aufnahmen wird deutlich, dass die Erinnerung an das eigene Leben immer wieder neu erzählt werden kann. Zwei Vitrinen geben Auskunft über Leben und Arbeit Hannah Arendts in Heidelberg, wo sie von 1926 bis 1928 an der Ruprecht-Karls-Universität eingeschrieben war. Eine Veröffentlichung ihrer Dissertation, die sie hier zum Abschluss brachte, sowie sogenannte studentische Erkennungskarten sind als Leihgabe der Universität zu sehen. Von Hannah Arendt verfasste Briefe berichten von der in Heidelberg begonnenen und fortdauernd innigen Freundschaft mit Professor Karl Jaspers. In dem Auszug aus dem Memoirenband ›Widersprüche. Erinnerungen eines linken Konservativen‹ beschreibt Günter Gaus seine erste Begegnung mit Hannah Arendt und die Situation hinter den Kulissen des darauffolgenden Interviews.

10.3.2012 – 10.5.2012
H
›Sharing as Caring 1: Presence for the Future‹
Angela Melitopoulos / Maurizio Lazzarato, Taiwa Kobo, Onagawa Community Project

Fast jeder kann sich vorstellen, wie furchtbar die Tragödie von Fukushima im März 2011 gewesen ist. Doch wie viele Menschen haben eine Vorstellung davon, wie es in der Region nach einem Jahr aussieht? Wie gehen die Menschen mit den tiefgreifenden Problemen um, die Ansprüche einer wachstumsorientierten Wertegesellschaft verursacht haben? Die Medien berichten kaum noch über Fukushima, als hätten sich das Problem in Luft aufgelöst. Dem entgegenwirkend versammelt Dr. Miya Yoshida in der ersten Vitrinen-Ausstellung drei verschiedenen Perspektiven auf die Katastrophe von Fukushima.

 

Die Ausstellung wurde unterstützt durch das Japanische Kulturinstitut Köln.

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